Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 24 (2.10.1892)
- Date
- 1892-10-02
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nn 24■ Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 7. sinnungen in Rußland allgemein bekannt sind, Gelegenheit haben wird, sich von der Fähigkeit der Juden zum Ackerbau persönlich zu überzeugen. Ostrowsky ist übrigens ein Gegner der Verschärfung der Judengesetze; er hat von seinem berühmten Bruder, dem verstorbenen russischen Dramaturgen Alexander Ostrowsky, gelernt, gegen die Bedrückung der Schwachen zu kämpfen und Humanität zu üben. BrÜtttt. Nach beifällig aufgenommenem Probevortrage wurden Herr Richard Neichner als Cantor und Neligionslehrer in Mähr.-Aussee und Herr Jeremias Goldmann als Cantor in Brünn acceptirt. Beide sind Schüler des Herrn Obercantor I. Heller in Brünn. Biala. Herr Samuel Fr änk l, Liqueurfabrikant inBiala- Lipnik, hat anlässlich der kürzlich stattgehabten Trauung feiner Tochter der hiesigen Cultusgemeinde ein Harmonium gespendet. Tnschknn. Unser bisheriger Functionär, Herr Sigmund Beinkeles, verlässt am 18. Octoder seinen Posten, um die Stelle als Rabbiner und Cantor in Luck bei Buchau (Böhmen) anzutreten. Budapest. Der Abgeordnete Moriz Wahrm am! wurde als Präsident der Budapester Cultusgemeinde von dem Comitö für die Kossuthfeier angegangen, aus diesem Anlasse einen Dankgottesdienst im israelitischen Tempel in der Tabakgasse zu veranstalten. Daraufhin richtete Wahrmann ein Schreiben an den Abgeordneten Dr. Visontai, in welchem er unter Lersichernng der größten Verehrung und vollsten Sympathie für Kossuth, dem Ansuchen nicht Nachkommen zu können erklärte. Das Schreiben schließt mit.folgenden Worten: Demzufolge halte ich es für einen Zoll der Pietät, wenn die Nation und deren jeder Sohn aus diesem Anlässe pietätvoll Ludwig Kossuth's gedenkt. Doch einen Gottesdienst für ihn in unserem Tempel anzuordnen, vermag ich lucht, da unsere Liturgie, wie du auch wissen wirst, einen Gottesdienst für Lebende, mit Ausnahme des gekrönten Herrschers, nicht kennt. Wir kennen nur den Trauergöttesdienst, das sogenannte ״Hesped" für Verstorbene; doch für die Abhaltung eines solchen Gottesdienstes und selbst für die einfache ״Haskarah" genügt die bloße Anordnung des Präsidenten nicht, sie können nur auf Grund einstilnmigen Beschlusses des Vorstandes stattfinden, wenn sie auch von mindestens zwei Dritteln des Ausschusses genehmigt werden. Mit dem Ausdrucke meiner Hochachtung Dein ergebener Moriz Wahrmann. Baja. JlN vorigen Monat am שבת נ wurde in der hiesigen Synagoge ein selten schöner Akt vollzogen, der sowohl der Gemeinde, als auch dem Held des Tages zur besonderen Ehre gereicht. Än diesem Tage sind es 31 Jahre geworden, dass Herr Obercantor Mandl den hiesigen Cantorposten angetreten. Diesen Tag hat die hiesige Tempelsccliou dazu benützt, indem sie ihm als Andenken und als Zeichen der Ächtung mit Einvernehmen Seiner Ehrenw. Herrn Dr. Adler und des Vorstandes die Morenu verliehen, und zwar mit besonderer Achtung, indem sie den Obercantor Satamon Berger beauftragte, Herrn Mandl mit Namen und mit Beifügung der Morenu hoch aufzurufen. Ersichtlich war Herr Mandl sehr überrascht, indem er von dieser Auszeichnung gar keine Ahnung hatte. Nachmittags haben sich die hervorragendsten Mitglieder der hiesigen Gemeinde in seine Wohnung begeben, um ihm herzlichst zu gratulren. ln corpore haben ihm gratulirt: der Vorstand der hiesigen Gemeinde, dessen Sprecher Dr. Adler war; er schilderte die Verdienste des Herrn Mandl; ferner der hiesige isr. Cultusbeamten-Körper, dessen Sprecher Cantor Braunfeld war, der es als besondere Freude hervorhob, ein 42jähr׳ges ehrenhaftes Wirken eines Cultusbeamten schildern zu können. Lemberg. Die Bauernemigration an der Ostgrenze rmseres Landes beschäftigt die öffentliche Meinung in verschiedener Richtung und wird diese Angelegenheit sowohl in Politischer als socialer Be- Ziehung vielseitig erörtert. Für uns hat diese Frage nur ein indirectes Interesse. Der Grund der Massenauswanderung der dnthcnischen, an-der Ostgrenze wohnenden Bauern mag allerdings in erster Linie ein politischer sein, aber der galizische' Bauer hat einen praktischen Sinn und lässt sich seine politische Gesinnnug durch materielle Vortheile bezahlen. Diesen materiellen Vortheil stellt man ihn! auch in Aussicht, indem die russischen Emigrantenwerber ihm versprechen, dass der Staat den durch die Vertreibung der Juden aus Russland freigewordenen Besitz an Grund und Boden an die galizischen Emigranten vertheilen wird. Der niedrige Bildungsgrad des ruthenischen Bauern und die große Steuerlast unterstützen die russischen Spione, und der Bauer emigrirt. Lemberg. Wie tief der Judenhass bei uns wurzelt und wie er der Jugend selbst in den intelligentesten Familien eingeimpft wird, möge folgender Fall beweisen, der dem ״Lemberger Israelit" berichtet wirs: Einem hohen Würdenträger unserer Gemeinde, autonomie erkrankte die Frau unter den bedenklichsten Symptomen. Man schickte um den Arzt X (einen Christen) und da der Dienst-׳, bote denselben nicht zu Hause getroffen hat, so wendete er sich mit Rücksicht auf die Bedenklichkeit der Symptome und die erforderliche Raschheit der ärztlichen Hilfe an den Arzt Dr. V (einen Juden) und rief ihn zur Kranken. Er eilte hin, konnte aber seine Pflicht nicht erfüllen, denn die Tochter des genannten Würdenträgers gab ihrem Unwillen, dass der Diener zu ihrer Mutter einen jüdischen Arzt holte, lauten Ausdruck, und der Arzt entfernte sich. So sieht bei uns der Antisemitismus aus. Wir haben es mit einem, wenn nicht angeborenen, so jedenfalls anerzogenen Judenhass zu thun. Dem Judenhass muß selbst die Mutterliebe weichen. So denken die Töchter eines hohen intelligenten Würdenträgers, wie die weniger intelligenten Familien ihre Kinder erziehen, darüber bleibt uns nichts übrig als zu — seufzen. Mit der Toleranz brüstet man sich nur gerne vor dem westlichen Europa, daheim Unduldsamkeit und Hass. Kitterarisches. Geschichte der israelitischen Cuttusgertteinde ^echshans. Anlässlich der Vereinigung der vorortlichen Cultusueinden mit der Cultusgemeinde Wien hat es Herr Leopold Stern, emiritirter Obercantor und Religionslehrer der Gemeinde SechshauS, unternommen, die Geschichte der letzteren in ziemlich umfassender Weise zu veröffentlichen. Sie beginnt mit der Bildung eines bescheidenen Minjan einiger weniger tolerirter Juden im Jahre 1846, führt dann zur Gründung eines Tempelvereines, der iin Jahre 1852 als Filialgemeinde unter Aufsicht der Wiener Cultusgemeinde triit, bis sich schließlich aus derselben im Jahre 1868 eine eigene Cultusgemeinde bildet. Der Autor, der selbst auf eine 35jährige Thätigkeit in der genannten Gemeinde zurückblickt und als lebendiger Zeuge all der vorgeführten geschichtlichen Bilder betrachtet werden kann, schildert mit verständnisvoller Sichtung des umfangreichen Actenmateriales die einzelnen Phasen der eultuellen Entwicklung der Sechshauser Judenschaft,׳ wobei׳ dem- Wirken besonders verdienstvoller Personen aufrichtige Anerkennung Und gerechte Würdigung zu Theil wird. Unter diesen : seien in erster Linie genannt Professor Moriz Friedman, ehemals Cantor in Fünfhaus, Prediger Dr. Adolf Schmied! und die beiden Präsidenten Hermann Berger und Gottlieb Taußig. Das Merkchen des Herrn Cantor Stern hat, abgesehen von dem localen Interesse, jedenfalls auch das nicht zu unterschätzende Verdienst, in einer von religiösem Jndifferentismus so arg geschädigten Zeit die Ausmerksamkeit weiterer Kreise auf ein Stück jüdischen Cultuslebens zu lenken und die Theilnahme an demselben zu erwecken. Die Lectüre des schön ausgeftatteten Buches gestaltet sich umso angenehmer, als der anregende Stoff in fließender Darstellung behandelt ist, und es wäre zu wünschen, dass dasselbe im jüdischen Lesepublikum recht zahlreiche Verbreitung findet. Journalistisches. Der in Wien im 39. Jahrgange erscheinenden ״Oesterr. Volks-Zeitung", früher ״Konst. Vorstadt- Zeitung",welche das älteste, unabhängige und freisinnige Volksblatt der Residenz ist, wurde die seit zehn Jahren entzogene Concession zum Cinzelverkaüf wieder verliehen. Dieses Blatt kann demnach, wie früher, durch alle Tabak-Trasiken und sonstige Zeitungs- Verschleißer in Wien und und in der Provinz in einzelnen Exemplaren und im Abonnement bezogen werden.