Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 24 (2.10.1892)
- Date
- 1892-10-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Oesterreichisch-ungarische (Lantoren-Zeitung. Seite 3. und des Dankes an die Stufen des kaiserlichen Thrones bringen, ursprünglich und vom Grund aus hiezu bestimmt gewesen sei. Wo aber die Juden kein rechtes Gotteshaus haben, da fühlen sie sich nicht zu Hause. Aber mit dem heutigen Tage umfange die Glaubensgenossen! dieses schöne Gotteshaus, und der gegenwärtige Augenblick nehme den Faden auf, der vor 400 Jahren abgerissen worden sei. Heute setze sich wieder der Zeiger auf der Uhr der jüdischen Glaubensgcnossenschaft in Steiermark in Bewegung und er zeige aus Morgenstunde. Das neue Gotteshaus sei ein geschichtliches Denkmal, welches gleichsam die Kluft zwischen zwei entlegenen Culturepochen ausfülle. Im Laufe seiner Erörterungen, was nach der Lehre des Judenthums und seiner Geschichte das Gotteshaus im Allgemeinen und besonders dieses Gotteshaus zu bedeuten habe, sagte der Redner: ״In das Gotteshaus dürfen uns nicht einmal die Erinnerungen folgen an die Unbilden und Verdächtigungen, welchen die Juden auch heute noch leider ausgesetzt sind", und indem er an die Worte des Propheten Bileam erinnerte, welcher das Gottes- Haus mit den Wasserbächen vergleicht, die Wiesen und Gärten befruchtensagte er: ״Unter den edlen Grundsätzen, welche die Gläubigen aus dem Tempel mit hinausnehmen sollen, ist die Menschenliebe, die Wohlthätigkeit und die Wahrhaftigkeit und trotz aller Anfeindungen zaubern diese Tugenden um uns einen Garten, der nicht nur für uns da ist, sondern den wir auch für unsere Mitmenschen offenhalten, damit sie sich daran erfreuen und ergötzen. Aus der Geschichte des Judenthumö geht hervor, dass die Juden in dieser Provinz große, ihnen heute nicht gedankte Verdienste um die Förderung der Cultur, iu zw» der deutschen Cultursich erworben haben, diese deutsche Cultur hat im Lande an den Juden eifrige Pfleger gefundenhier wohnten zahlreiche deutsche Juden, und mit jener Liebe, mit jener Zähigkeit, womit der Jude an allen vaterländischen Einflüssen und Einwirkungen hastet, bildeten sie gleichsam freiwillige Wachtposten au den! Schatze deutscher Sprache und deutscher Sitte, und wer weiß, wenn man diese Vorposten vor 400 Jahren nicht vertrieben hätte, ob diese Schätze nicht auch heute bestünden und weitere Grenzen beherrschten, als es heute thatsächlich der Fall ist. Die Juden brachten deutsche Sprache und deutsches Wesen bis nach Italien. Noch erinnern die Namen mancher Judenfamilien in Italien daran, dass ihre Vorfahren vor 400 Jahren in Marburg seßhaft gewesen waren. In Padua, Venedig, Verona, Trrviso und Udine da wohnten und lehrten deutsche Juden und sie gaben diesen Städten ihre deutschen Namen zu einer Zeit, wo die Bezeichnungen in Deutschland längst außer Uebung gekommen waren. Auf dem Handelswege nach Italien ist auch unsere theuere deutsche Muttersprache verbreitet worden. Hier ist es also am wenigsten gerechtfertigt, gegen die Juden das Deutschthum auszuspielen, als ob eS ihnen fremd und gleichgiltig wäre. Die Geschichte lehrt das Gegentheil, und die weiteren Forschungen, an deren Anfang wir erst stehen, werden es bekräftigen. Das neue Gotteshaus möge immer auch ein Hort der Vaterlandsliebe, der Liebe zur Mutterspräche und zur vaterländischen Cultur verbleiben." Nach dieser Rede vollzog Herr Dr. Güdemann das Anzünden des ״ewigen Lichtes" unter Segenswünschen auf das Kaiserhaus, das Land und die Stadt. Sehr feierlich gestaltete sich der Umzug mit den Thora-Rollen und deren Hinterlegung in die heilige Lade. Den Schluss bildete eine Weihrede des Rabbiners Dr. Mühsam, ein Gebet für das Kaiserhaus, die Absingung der Volkshymne und ein Schlussgesang des Obercantors Hemr Paul Horn. Beim Verlassen deö Festraumes bat der Präses rer Cultusgemeinde den Statthalter, derselbe wolle den Ausdruck der Treue was der Statthalter mit verbindlichen Worten zusagte. Der Dorbeter. Eine c u l t u r h i st o r i s ch e Skizze von Landrabbincr Dr. H a m b u r g e r in Ltrelitz. Die Institution des Vorbeteus und des Vorbeteramtes ist eine nachbiblische; in dem Gottesdienste der Stiftshüte und deö späteren salomonischen Tempels in Jerusalem hatte dieselbe noch keine Stätte. Da war es nach dem mosaischen Cultusgesetz der amtirende Priester, der vor Beendigung des Opfergottesdienstes den Segen über das Volk sprach, und am Versehnungstage sprach der Hohepriester das Sündenbekenntnis für sich, sein Haus und das ganze israelitische Volk, mit den» sich daranschließenden Gebet um Vergebung und Bersöhnung. In den Chören sangen die Leviten bei der Opferdarbringung. Die Existenz des Vorbetens und des Vorbeteramtes setzt eine neue Organisation des Cultus voraus, die im Laufe des zweiten jüdischen Staatslebens und nach demselben eingetreten war. Dieselbe war die des Synagogengottesdienstes, der neben dem Gottesdienste deö Tempels zu Jerusalem sich immer mehr befestigte. Die Synagoge wurde die heilige Stätte des Gottesdienstes ohne Opfer und Opfer׳! personal, er bestand aus Gebet und Lehre, Vorlesung aus der heiligen Schrift und Belehrung über deren Inhalt. Die Gebete daselbst waren keine Privatgebete des Einzelnen, sondern öffentliche Gebete der ganzen Gemeinde, zu deren Vortrag eine eigene Person bestimmt war, die den Namen ״Abgesandter der Gemeinde" oder ״Bote der Genieinde" 0שליח צבור) führte. Doch war auch da noch das Amt des Vorbeters, das Vorbeteu, nicht im Sinne dieser Funktion in unseren Synagogen, wo sich die Gemeinde an dem Gebete mitbetheiligt, so dass ״Vorbeten" mit ״Nachbeten" der Gemeinde verbunden ist, sondern der Vorbeter trug allein die Gebete vor, welche die versammelte Gemeinde andächtig anhörte, ohne selbst mitzubeten.') Das Gebet trat an die Stelle des Opfers, der Vorbetör wurde gleichsam als der Priester angesehen, der das Gebet, das Opfer, darbrachte. Wie die Opferdarbringung nur Sache deö Priesters gewesen, der als Beauftragter des Volkes dieselbe aus-! führte, so wurde der Borbeter in der Synagoge gleich dem Priester im Tenipel zu Jerusalem als Beauftragter seiner Gemeinde zur Verrichtung der Gebete gehalten, der dieselben allein zu vollziehen hatte. Wir lesen darüber: ״Man sage nicht zu dem, der vor das Vorbeterpult tritt: ״Komme und bete!" sondern: ״Komme.und tritt vor hau'.s Betpult), bringe, unsere Opfer dar; vollziehe was uns obliegt, führe unsere Kämpfe und bete für uns!" (3. Berachot jerusch. Abschn. IV, S. 8b.) Auch die Namen, die der Vorbeter führte, deuten darauf hin, oder richtiger, sie sind diesem entnommen. Er heißt neben dem schon oben angegebenen Namen ״Abgesandter, Beauftragter der Gemeinde": ״Opfernder", Darbringer der Opfer Keroba'); ferner umschriebener Form: ״Vor das BetpultTretender"!׳יעובד לפני התכה Der Name ״CHasan" IN) für Vorbeter ist ein viel jüngerer, seit etwa dem 6. Jahrhundert, und rührt von dem Vortrage der liturgischen Poesien, poetischen Schauen, her, was seinem hebräischen ') 8. Raschi Succah S. 38 b. — Vergl. auch לקוטות von Nachmanides S. 4b. ־) Beraeh jerusch. Abschn. S. 3a. Midrasah rab. ZU 3 B, M. Abschn. id und 20.{אלבסניי ל!ר1בד