Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 23 (15.9.1892)
- Date
- 1892-09-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. ' Nr. 23. tiger Jüngling von blasser Gesichtsfarbe, und seine ausdrucksvollen Augen warm von tiefen bläulichen Ringen, umgeben, wie bei Einem, der mtweder viel genossen oder viel gelitten hat. Bei Mascagni war das Letztere der Fall; in der großm Armee der Leidenden war er ein Zügsführer. (ä war dürftig und nachläffig gekleidet, trug einm Rock'von einem zweifelhaftem Schwarz, zu eng in der Taille und zu weit obm am Halse, ein Paar Beinkleider, die zu lang waren, um für Touristenhosen gehalten zu werden, und die schon, von weitem ihre Herkunft verriethen. Mit anderen Worten, der Schneider hatte nicht nothwendig, Mascagni bas Maß zu -nehmen, da dieser, der zu jener Zeit in kärglichen Verhältnißen lebte, Kleider trug, welche von seinm Mitschülem am Conservatorium nicht mehr bmützt wurdm. . Jeden Tag zur selben -Stunde, um 2 Uhr Nachmittags, sah man bei Biffi dm jungen Musikzögling, der so sehr an Werther gemahnte, mit jenem unwandelbar melancholischen Zuge im Gesichte und wie versunken in ernstm Gedanken. Er betheiligte sich nur settm an der Conversation unserer Gruppe, die gerade unter der großm Wanduhr des Kaffeehauses ihrm Stammtisch hatte — ein Tisch, der später berühmt werden sollte, eben weil an demselbm alle Tage der zukünftige Autor der ״Cavalleria rusticana“ saß. In, unserer Mitte ׳ befanden sich angehende Journalisten, Musik- Eleven, fettige Componisten, Maler und Bildhauer: wie man sieht, eine Gesellschaft von ״Bohemes". Da gab es viel Witz, unbe- .zwingbare-Begeistemng, Reichthum an Jdealm und Poesie, aber wmig Geld, weshalb auch der Cafetier von uns fürwahr keinen großm Gewinn habm .konnte. Wenn zum Beispiel Drei von uns ttwas bestellten, so benützten die Uebrigen diese Gelegenheit,' um nichts zu nehmen. Es bestand unter uns ein System gegenseitiger Unterstützung, unsere Gesellschaft war gleichsam ein Trutz- und Schutzbündnis zur gegenseitigen Aushilfe und zur Wahrung der Würden rmd. Mascagni war einer der Letztm, die ihrer Aufgabe als Helfer gerecht wurden. In jmm traurigen Zeiten, die-׳ aber dennoch voll von Jugendlichkeit und künstlerischer Begeisterung waren, sah man auf unserem Tische weniger Kaffee und Gefrornes',' dafür mehr Gläser mit Wasser, das mit etwas Anisette oder einer anderen aromatischen Substanz parfümirt wurde, Zusätze, die-in Italien gratis verabreicht werden und die daher bei uns sich einer großm Beliebtheit erfreuten. In unseren Kaffeehausgesprächm fällten wir Urtheile und drückten allerart Hoffnungm aus: wir warm Kunstkritiker und Autoren zugleich. Einer der Neservirtestm war Mascagni, der nur selten eine Krikik übte, der aber dafür beständig hinbrütete. ׳ Und seine Gedanken spiegelten sich leuchtend in seinm eigenthümlich melancholischen Augen wieder. Gesprächiger wurde er bei unseren abendlichen Spaziergängm. Im Winter oder Sommer, mochte Mailand mit einer Schneedecke bedeckt sein oder unter einer tropischen Hitze seufzen, irrten wir in den Alleen der Giardini Pub-" blici mnd auf dm Basteim umher, welche die ganze Stadt wie mit einem poetischen Ringe umschließen. Dann-fühlten wir uns freier, wir wurdm lustiger und plauderten mehr. Mascagni, der zur Winterszeit auf jmm Ercursionen einm Ulster von einer chocoladebraunen Farbe trug, die mir ewig im Gedächtnis bleibm wird, wurde auch mittheilsamer, seine Züge erheiterten sich und er zeigte' eine Fülle jugendlicher Hoffnungen, die bald in so glänzender Weise in Erfüllung gehen sollten. Er sprach von seiner Kindheit, seinem Jünglingalter, von seinen Studien, seinm Enttäuschungen Und. seinm' Aspirationen, wobei er von Zeit zu Zeit der harten Ueberzeugung Ausdruck verlieh/dass er es nie zu etwas bringen werde.' Und er erzählte mir von dm ersten Widerwärtigkeiten, die er im Elternhause zu überwinden hatte. Sein Vater,, ein Livorneser Bäcker, hatte dm Ehrgeiz, , aus seinem Sohne einen Nechtsgelehrten zu machen -— als ob nicht gerade Italien das elastische Land wäre, das von jeher unter einer, wahren Plethora von. Adv.ocaten zu leidm hat. Deshalb ließ er ihn das Gymnasium besuchm, wo /das Lateinische auf den jungen Mascagni die Wirkung eines höchst gefährlichen Giftes hervorbrachte. Einen Trost hi.efür fand er des' Abends bei seinem Besuche ber. ״Congregazione di. S. Luigi, Gonzaga“, wo rin Musiklehrer, Namens Bianchi, in Solseggjen Unterricht ertheilte; Mascagni sang hier , während der Messe mit einer erstaunlich. reinen Contra-Altstimme. Der kaum dreizenjährige Knabe fühlte sich zur musikalischen Kunst wie von einer mächtigen Kraft hingezogen, jener providmtiellen Kraft, die man Jnstinct nennt und die den Sohn des Bäckers aus LivoNo, auf den Weg des Ruhmes führen sollte. Er wagte es nie, seinem Vater zu sagen: ״Ich will Mausiker werden." Eine kräftige Maulschelle wäre ihm als einzige Antwort zu Theil geworden. Jndess lernte der Knabe im Geheimen.ein wenig Clavier, und in seinen, freien Stunden unterhielt er sich mit allerlei musikalischen Spielzeugen. Der Vater warf oft diese Gegenstände ins Feuer, die ihn in seinem nachmittägigen Schlafe störten. Aber das ״Laster" war bei Pietro zu tief eingewurzelt, und als der Vater nicht mehr hoffen konnte, ihn von seiner Neigung zur Musik zu heileilen, kaufte er ihm in einem Trödlergeschäfte ein . altes, verstimmtes Clavier um den Preis von — 70 Lire. Wie groß war da die Freude Mascagni's! Er wollte von den Tasten gar nicht mehr weg; es gab eine fortwährende polyphonische Symphonie, einen höllischen Lärkn, ein beständiges Geklimper, so dass die Mitbewohner des Hauses sich wiederholt beschwerten; der Vater wurde denn auch mehrmals zu Geldstrafen verurtheilt. Der Knabe ließ sich aber deswegen in seinem Eifer nicht stören — er spielte und lärmte fott. Nunmehr war er von seiner musikalischen Manie nicht mehr zu heilen. ,Er war eifrig bestrebt, seine musikalische Ausbildung fottzusetzen, und ohne Wissen seines Vaters besuchte er - die Schule des Müsiklehrers Alfredo Soffredini, wo in Clavier, Harmonielehre, Contrapünkt und Courposttionslehre Unterricht ettheilt wurde,, und. der Lateinschule sagte , er Valet. Es währte jedoch nicht lang^ bis der Vater Alles erfuhr. Pietro wurde mit der Ruthe gezüchtigt und bekam Hausarrest. Als. nach einiger Zeit der Maestro beim. Bäcker erschien, umseinett Zögling zu reclamiren, rief ihm der Vater Pietrö's in erregtem Tone zu: ״Belästigen Sie mich nicht! Mein Sohn muß juä studitttt: Hat er dazu-keine Lust,, dann lasse ich ihn Bäcker werden.". Zuttt Glücke aber für Mascagni kam׳ ein Bruder seines Vaters, der Oheim Stefano, ins. Haus, der -seinm-Neffen aus seinem graUZ stamm Gefängniße befreite und ihn zu sich nahm, nachdem er dem Vater die Zusicherung gegeben, für die Zukunft des Knaben sorgen zu wollen. In der Wohnung des Onkels erhielt Mascagni ein hübsch eingerichtetes Zimmer, wo ein Pianino stand, dessen Notenpult mit dem Kopfe Mozatt's geschmückt war. Hier konnte er nach Herzenslust spielen, und seine Freude darüber kannte keine Grenzen. Endlich sah Mascagni sein Ideal erreicht, und als er auf dem ihm von seinem Onkel gespendeten weichen Bette einschlummerte, sah er den Weg der Zukunft mit Rosen bestreut, und-er träumte von den Triumphen und den..Seligkeiten der Kunst. Er stand zu dieser Zeit in seinem vierzehnten Lebensjahre. Noch heute, , wenn auf seinen Onkel Stefano die Rede kommt, der gestorben. ist, ohne. Zeuge der großartigen Erfolge seines Neffen zu sein, füllen sich -seine Augen mit Thränen. - Der. Tod des. Onkels war für Mascagni ein harter Schlag; er musste ins Elternhaus zurück, wo er in einen. Zustand üttsäglicher Entmuthigung verfiel. Seine zweiactige Oper ״In Filanda" und die Hymne ״Die Freude" (letztere nach dem bekannten Schiller'schen Gedichte), die Mascagni schon bei Lebzeiten seines Onkels componitt -hatte und mit welchen er einen schönen Erfolg erzielte, lenkten die Aufmerksamkeit eines Kunstmäcen, des Grafen Florestan di Larderel, auf das ungewöhnliche Talent, des jungen Musikers. Graf Florestan bot ihm eine Geldunterstützung an, damit er im Conservatorium zu Mailand, dem ersten Musikinstitute Italiens, seine weitere Ausbildung erhalte. (Schluss folgt.) - Kleine Chronik. Wie«. Sonntag .den 4. .d. M. fand im Leopoldstädter Tempel die Trauung des Fräulein 'Hermine L ö.w i t, Tochter, des bekannten Schüldirectors der Talmud-Thora, Wilhelm Sonnt f. A., mit Herrn Julius W e n g e r statt. ' Mit anerkennenswetther Bereitwilligkeit unterbrach Herr Cantor Platt seinen Urlaub und Z