Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 23 (15.9.1892)
- Date
- 1892-09-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Gesterreichisch-ungarischc Lantoren-Zeitung. Seite 8. ein Recht dazu auszurufen: ״Wernach, diesen Vorschriften lebt, muß gesund bleiben." Und wenn wir heute nach abermals tausend Jahren in ernster Stunde die alten Folianten aufschlagen und jene hygienischen Vorschriften nochmals durchlesen, so ergreift uns ein . eigenthünrliches Gefühl, von Wemuth und Stolz gemischt, von Wehmuth..darüber, dass ein solches Riesendenkmal menschlichen Geisteslebens so verkannt und verlästert werden konnte, von Stolz darauf, dass die-Bekenner des Judenthums zu allen Zeiten und in allen Ländern das Gesetz des Lebens so hoch gestellt, ja dass ihnen dies Gesetz, auch , in den trübsten Tagen wichtiger als alle andern galt. Und dies Gesetz kannte keinen Unterschied des Glau- . benö׳ oder des Standes; es war der Triumph der reinsten Menschenliebe. Durch die Straßen der großen Stadt Sephoris 'zog einst ein Rabbi, ausrusend: ״Wer braucht Leben? Wer will ׳Gesundheit kaufen?" Da eilten viele herbei, um das Lebenskraut .zu erwerben. Er aber zog ein Psalmbuch aus seinem Mantel. hervor und las der erstaunt aufhorchenden Menge die Sätze vor: ״Wer ist der Mann, der am Leben Wohlgefallen findet, der den- Tag liebt, um Gutes zu schauen? Bewahre deine Zunge vor Bos-- - -heit und. deine Lippen vor der Rede des Truges. Entfeme dich .. vom Bösen und thue nur Gutes; suche den Frieden und eile ihm ׳ . nach!<' Das ist talmudische Seelen-Diätetik, besonders wirksam in ׳ emsten Lagen. - A. Z. D. J. WUWWWMde. Wir haben bereits in vorletzter Nummer auf die vom Vor- - stattde der Wiener Cultusgemeinde für den 6/ September nach Wien einberufene Eonferenz der Vertreter der hervorragendstem ׳ europäischen Gemeinden hingewiesen, welche jedoch ausverschiedenen Gründen vertagt werden musste. Hoffentlich heißt hier ״aufgeschoben" nicht auch ״aufgehoben." Da sich nun diese Versammlung ׳' mit sehr wichtigen Fragen beschäftigen wird und das Programm derselben, in der Einladung angedeutet ist, wollen wir den Wortlaut ‘ dieses Rundschreibens im- Nachfolgenden wiedergeben.: ״Geehrte Herren! Sie werden gewiss mit uns den großen Uebelstand wahrgenommen haben, dass der religiöse Jndifferentismus im Allgenieinen und auch bei unseren Glaubensgenossen in erschreckender Weise fortwährend im Zunehmey begriffen ist. Ganz besonders beklagenswerth Und dringend der Abhilfe bedürftig erscheint uns an dieser Calamität noch der Umstand, dass dieses Schwinden des religiösen Sinnes in auffälliger Weise und mehr noch als bei den-Männern bei den Frauen hervortritt. Muster und Quellen religiösen Gefühles und frommen Sinnes, wie es die jüdischen ׳ Frauen in nicht zu ferner Vergangenheit waren, müssen sie heute- -in diesen hervorragendsten weiblichen Tugenden von Frauen anderer Bekenntniße sich oft den Vorrang ablaufen lassen. Es ist wohl dies - zumeist darin begründet, dass wir für die Frauen keinen eigentlichen Cultus haben; für die Dauer ist ein solcher Zustand unstatthaft, denn eine Familie kann ebensowenig wie ein Staat für die Dauer ohne Religion gedeihen.. Es ist zweifellos, dass der gegenwärtige Religionsunterricht ebensowenig wie die gottesdienstlichen Einrichtungen im Tempel genügen, den religiösen Sinn zu fesseln; es ist dies auch nicht anders möglich, denn bei den großen An- ׳ forderungen, welche, die realen Wissenschaften heute an. die Jugend ׳ ,-stellen/ erübrigt für den Religionsunterricht viel zu, wenig Zeit, um ihn gründlich ertheilen zu können; Predigten finden nur an Samstagen und. Feiertagen statt, an denen bei der heutigen entwickelten umfangreichen Geschäftsthätigkeit der Besuch des Tempels unmöglich ist. Ganz besonders bedauerlich ist es, dass gerade die Jugend an Samstagen den Tempel nicht besuchen kann, weil Studenten durch die Schule, Commis und Beamte durch ihre Berufspflichtrn davon abgehalten werden. Es ist demnach nach unserer Ueberzeugung die allerwichtigste Aufgabe eines Gemeindevorstandes, sich mit dieser Frage eingehend zu beschäftigen und Mittel aufzusuchen, um das religiöse Bewusstsein unserer Glaubensgenossen zu heben und zu. befestigen; bei der Wichtigkeit der Angelegenheit halten wir es für zweckmäßig, dass die ersten Gemeinden, nämlich von Berlin, London, Paris, Budapests und Wien darüber Berathungen pflegen und dasjenige, was zu geschehen hat, gleichmäßig geschehe. Die Hauptstädte haben mittelbar einen Einfluss auf die. Provinzial-Städte und durch die Allgemeinheit der Einrichtungen würden dieselben auch an Autorität gewinnen, die zu einem erfolgreichen Resultate unentbehrlich ist. Wir erlauben uns ausdrücklich zu bemerken, dass wir uns keineswegs emlafsen wollen, über Traditionen oder über Formen zu entscheiden, wie überhaupt Erörterungen von Fragen aufzustellen, deren Erledigung in das Gebiet her Theologie gehört, deren Beurtheilung ausschließlich den dazu berufenen Rabbinern überlassen werden muß; unsere Aufgabe kann nur. ausschließlich sein, Mittel zu schaffen, um die Mission hes Judenthums, sowie dessen glorreiche Vergangenheit unseren Glaubensgenossen zum Bewusstsein zu bringen. In diesen cheiden wichtigen Factoren des jüdischen. Volkes gibt es keine Verschiedenheit der Anschauung zwischen denen, die der Orthodoxen- und die der Reform-Partei angehören, denn hier handelt es sich nicht um Hypothesensondern um bestimmte geschichtliche Thatsachen, worin alle Parteien einig sind. Wir erlauben uns demnach Sie zu bitten, zu einer Berathung in dieser wichtigen Angelegenheit für Dienstag, den 6. September d. I. Ihre Delegirten nach Wien entsenden zu wollen. Vor 9 Jahren hatten wir bereits eine Eonferenz in Coblenz, wozu Sie die Güte hatten, Delegirte zu entsenden, welcher wir bedeutende Resultate verdanken. Es sei hier insbesondere der Beschluss hervorgehoben, in Galizien culturell zu wirken, in. dessen Gefolge bei der Fortsetzung der Berathungen in ber ״Alliance israelite“ in Paris und Wien Herr Baron Hirsch veranlasst wurde, in so großartiger munificenter Weise sich diese Aufgabe zu stellen. So zweifeln wir denn nicht, dass auch die bevorstehende Eonferenz, zu welcher wir Sie einzuladen die Ehre haben, mit Gottes Hilfe ebenfalls von gedeihlichem Erfolge begleitet sein wird." Masragni in Wie«. Wien beherbergt seit einigen Tagen einen interessanten Gast, dem sich die Aufmerksamkeit sämmtlicher musikalischen Kreise zuwendet. Es ist dies der so rasch zu Bedeutung und Popularität gelangte Componist Pietro Mascagni, welcher mit der am Ausstellungstheater gastirenden italienischen Gesellschaft die ״Cavalleria rusticana“ und ״Freund Fritz" zur Aufführung bringen wird. Die interessante Biographie des jungen Componisten, wie sie ein Freund desselben in der ״N. Fr. Pr." erzählt, dürfte darum unseren Lesem willkommen sein: In einer Ecke des Cafe Biffi, in dervielbewunderten Galleria Vittorio Emanuele zu Mailand, das namentlich von fahrenden Sängern und Künstlem auch deshalb mit Vorliebe besucht wird, weil die Kellner diesen Gästen unbeschränkten Credit z׳r gewähren Pflegen, lernte ich -vor etwasieben׳ Jahren Pietro Mascagni kennen. Er war damals ein hschgewachsener schwäch׳