Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 23 (15.9.1892)
- Date
- 1892-09-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Oesterreichisch-uilgarische tLckntoren-Zeitung. Nr!. 23. ׳ - Seite 4. Von heute an will ich vorangehen und der Kopf soll mir nachfolgen. Der Kopf willigte ein, und der Schweif trat beffeir Stelle voran als Führer an. Da ihm aber die Augen fehlten, so kam es, dass er. bald hin bald her geschleudert wurdeweder Wassers noch - Fester oder Domen ausweichen konnte. So ergeht es den Großen, die von Kleinen geführt werden (Rab. 5 M. Abschn. 1). Um den Spruch zu bekräftigen: ״Die Lüge ist die Ver- Mittlerin des Betruges", führt uns der Midrasch zu Pf. 4) folgende Fabel vor: Als die Sündflut über die Erde kam und Alles dem Untergange nahe war,, eilte die Lüge zu Noa und bat 'י um Einlass in die Arche. Nur Paare darf ich aufnehmen, gehe ״ und verbinde dich, lautete die Antwort. Da begegnete die Lüge dein Betrug und'klagte demselben ihre Noch. .Ich werde mich mit ' dir verbinden,' wenir du mir deinen ganzen Erwerb versprichst, sprach der'Betrug. Die Lüge willigte ein, und so kamen beide'in die Arche.'Nach der Sündflut war die Lüge recht traurig, dass. - ihre ganzeSlr&eitbem S&־etruge ־.anheim fallen sollte und wollte sich ' bost ihremGenossen trennen; da rief der Betrug ihr'zu: Lautete nicht so dein Versprechm, als du nur durch mich dich; gerettet' sähest? Sie konnte nichts dagegen einwenden,' daher der. Spruch r ' ״Die Lüge ist' die Vermittlerin des Betruges, und was sie erwirbt/ gehet ins Verderben." ' :'r J ־ Rabbi Simlai hielt einen ,Vortrag über die. Bibelsbelle ׳ :(Ärnosi5, 18); welche lautet:' ״Wehe denen, die gierig sind nach ׳ dem Tage des Ewigen. Was soll , euch cher Tag' des Ewiger? ' 'Finsternis ist er und nicht Licht", und leitet diese Bibelstelle'dtzrch folgmde Fabel 'em: - j ' ' Der Hahn und die.Aledermans,׳ beide erwarten dE .:Anbruch'des. Tages, die Fledermaus, um sich zu verkriechen, 'da sie das Tageslicht nicht ertragen kann; der Hahn harrt, um dm.. .. Tag zu verkünden und die Geschöpfe zur neuen Thätigkeit zuwcckm. Da sprach der Hahn zur Fledermaus : Ich warte auf das junge Tageslicht, weil das Licht meine Sache ist, aber du wozu? , Das Licht ist ja deine Vemichtung! (Sanhedr. 98.) Wie diese Fabel auch in unserem Zeitalter auf gewisse Parteien 'anzuwenden ist, ergibt sich von selbst. W . . . . . r: -׳ ־ ־ ' (Forschung folgt.) Tatnwdlkchr Makrobiotik. Die Furcht vor . der Cholera, deren hebräischer Name ' (Oboli ra ----- böse Krankheit) eigentlich nur begreiflich ist, wenn man daran ' denkt, welche besonderen Leiden Unsere Ahnen in der Zeit großer Epidemien zu erdulden hatten, hält augenblicklich die Gemüther fast in allen Theilen unseres Welttheils in Aufregung. . Als im vierzehnten Jahrhundert zuerst der ,״schwarze Tod" durch Europa zog, da hieß es allgemein, dje Juden hätten die Brunnen vergiftet. Der.Verdacht, entstand daher, dass die Juden, wahrfcheinlich in Folge ihrer mäßigen Lebensweise, weniger von der Seuche hinweggerafft wurden. Hstnderitausende unschuldiger Menschen erlagen damals und auch später noch diesemWahn. Heute, wird selbst. der wahnwitzigste Antisernit derartiges nicht behaupten dürfen. Und so kann man wohl sagen: ״Geloht, sei, der die Zeiten ändert!" Heute rückt ein allgemeines . UngtüiL. die Menschen im Gegentheil näher zu einander; es fallen religiöse und nationale Schranken,.'und wiederholt schon hat eine solche Epidemie -׳''׳den.Bacillus Uner vorher grassirenden geistigen Epidemie. getödtet. '׳ Gleichwohl, soll es uns . nicht wündertt, wenn nryn aus Rutzlautz demnächst berichten wurde/ dass duch dort das alte Wahngebilde in irgend einer veränderten- Form wieder aufgetaucht sei. Denn thätsächlich hat sich auch diesmal die von Aerzteft und Statistikern bereits .festgestellte Thatsache... wiederholt, dass die Juden der Epidemie gegenüber eine größere Widerstandsfähigkeit an' den Tag legen. Hervorragende medicinische Forscher haben diese Thatsache constatirt und an dieselbe weitgehende Betrachtungen geknüpft. 'Wir: glauben, man brauche gar nicht so weit zu gehen, da die Ursachen aus der Hand liegen. Die mäßige Lebensweise, die ja auch gelegentlich schon den Juden 'zum Vorwurf gemacht wurde,, ist sicher der Hauptgrund dieser merkwürdigen Erscheinung. Auch die sanitäre Bedeutung der Speise- .und Neinheitsgesetze darf hiebei .keinesfalls unterschätzt werden. Die Erhaltung der Gesundheit war ein dringendes Gebot der biblischen Gesetzgebung. ״Damit ihr lebet und eure Tage sich verlängern", dieser Schlusssatz.-erklärt viele dem menschlichen Verstände sonst unbegreifliche Vorschriften. Liest man die Anweisungen der talmudischen Makrobiotik, so-, wird man erstaunen, wie weit schon damals die medicinische Empirie gediehen und wie wenig sich darin inzwischen verändert hat. Gerade mit Bezug auf allgemeine Epidemien gibt der Talmud eine-׳große Zahl von. Vorschriften, die. mit der modernen Hygiene übereinstimen, Der Träctat Bama Kama enthält eine solche.Anweisung für das Verhalten während einer Seuche. Da heißt es vor Allein: ״Gehe nicht an die Ecken des Weges, denn der Todesengel 'weilt daselbst", d.' h. vermeide alle Extreme, weil sie gefährlich .sind!. Bis-, in das geringfügigste Hetaft sind die/ Vorschriften.für Essen, Trinken,. Gehen, Schlafen ausgearbeitet. Hauptsächlich wird Mäßigkeck im Genuß dringend anW^Herz ״gelegt: ״So dein Mal dir am Westen schmeckt, beherrsche dich und höre - auf", sägt ein 'talmudischer ־ Lehrer, und zweitausend-Jahre später sprach,Hufeland, ohne׳ ihn zu kennen, denselben Satz wörtlich nach. Andere Sätze des.-Tal- Muds lauten: ״Wer seinen Magen mit allerlei Speisen-,.füllt, - verfällt der Seuche". —.״Mache dich früh auf und genieße; im Sommer wegen der Hitze, im Winter wegen der Kälte, denn so heißt es: sechzig Schnellläufer können den nicht cinholen, der am Morgen gefrühstü^t hat".. Besonders wird vor frischem Brod, jungem Bier und schwerem Gemüse dringend gewarnt. Ferner heißt es: ״Hat Jemand gegessen und nicht dazu getrunken, so wird ihm'sein Essen schädlich; es ist die erste Ursache: zu Darmkrankheilen". — ״Wed gegessen und darauf keine Bewegung gehabt, ׳ der muß. krank werden, ) besonders nach dem. Genuß schwer verbaulicher Speisen."-״Zerkaue mit den Zähnen und du wirst es in den Fersen fühlen, d. h. die nährende Kraft. der Speisen wird dich stärken." Auch das Langsamessen wird dringend empföhlen. ״Wer. lange bei Tische verweilt, dessen. Lebensjahre verlängern sich." Ein besonderer.Nachdruck wird auf Reinhaltung des Körpers und Wohnung und Bewegung.gelegt.-Baden und Waschen ist religiöses GeboÜ - ״Sitze nicht zu viel, es erfolgen sonst Unter- ' leibsbeschwerden." Auch die regelniäßige Verdauung ist Gegenstand eifriger Fürsorge. Reine Luft, gleichmäßige Temperatur stehen als die ersten Bedingungen verzeichnet. . Eindringlich wird vor. allen Gemüthsaufregungen, besonders in Zeiten einer Epidemie,, gewarnt. ״Seufzer. zerstören den Körper des Menschen." ״Das Leben der Schwermüthigen, der Jähzornigen, .der . 'Traurigen -ist .gar. kein Leben." - Von .den Speisest werden besonders junges Geflügel und Eier, von Getränken alter Wein.empfohlen. ., .... ,,,; .Als Moses' Maimonides,,. der ja bekanntlich einer..der^hers vörragendsten Aerzte des ׳Mittelalters war, Laüftnd ^Jahre.) ftätet die diätetischen Regeln des Talmuds sammelte, da -hatte, er wohl