Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 22 (1.9.1892)
- Date
- 1892-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 22. einer der Zwischenstationen eine warme Speise zu uns zu nehmen, da ich Jude bin und nur Koscher-Küche esse. Ich konnte es mir nicht glauben, dass ich daselbst am Abend auch nichts Koscheres bekommen werde, und so blieb uns nichts anderes übrig, als ermüdet von der Reise und matt durch die mangelhafte Nahrung, die sich nur auf Milch beschränken musste, unser Nachtquartier im ״Hotel zum Krebsen" aufzusuchen. Am anderen Tage Morgens war mein erster Weg in den Tempel und nach dem Gottesdienste dachte ich eine Restauration zum Koscher-Essen aufzusuchen. Aber alles Umherlaufen und Suchen war vergebens, indem man uns bemerkte, dass wohl eine jüdische Restauration hier bestehe, die jedoch gegmwärtig in Bad Hall sich befinde. Ist es möglich, fragten wir uns, dass man in einer so großen Gemeinde, die einen so schönen Tempel hat, nichts Koscheres bekommen soll? Ja wäre ich allein gewesen, so hätte ich mir wohl erlaubt, mich bei einem Herm Borsteher einzuladen, in Begleitung von vier Personen gieng das aber nicht an. Cs blieb uns nun nichts anderes übrig, als in das benannte Hotel zurückzukehren, woselbst wir den Portier ersuchten, uns um jeden Preis bei einer jüdischen Familie ein Huhn zu bestellen. Der Portier kam uns sehr freundlich entgegen und versprach mein Ansuchen zu erfüllen. Aber es ergieng ihm nicht viel besser als uns, er lief hin und her und wurde überall mit Achselzucken weggeschickt. Nachdem er schließlich seinem Unmuthe hierüber bei einem angesehenen Gemeindemitgliede Ausdruck geliehen hatte, wurde ihm von demselben eine Frau namhaft gemacht, die gegen gute Bezahlung das Gewünschte bereiten werde. Er gieng dorthin und bestellte für 2 st. ein Backhuhn. Wer war nun in Erwartung der langersehnten Speise glücklicher als wir! Als der Portier von seiner Entdeckungsreise zurückgekehrt, mag circa 10 Uhr gewesen sein und wir hatten noch nahezu 2 Stunden Zeit bis zum Abgänge des Zuges. Aber dieser Moment rückte immer näher heran und das Backhuhn war noch, immer nicht da.׳ Um den Zng nicht zu versäumen, fuhren! wir schließlich, ohne gegessen zu haben, zum Bahnhofe. Ich löste rasch die Karten, der Zug stand schon in der Halle, und wir wollten gerade einsteigen, als ich zum Unglücke bemerkte, dass ich ein Paquet, dessen Inhalt mir sehr wichtig war, öergessen hatte. Rasch entschlossen, ließ ich meine Familie abreisen und kehrte nach Linz zurück. Im Hotel angelangt, fand ich das Paquet auf meinem Zimmer und zum größten Erstaunen auch das Huhn, das ich rasch bei buden Flügeln ergriff und im Triumphe nach dem Bahnhofe führte. Zum Glücke erreichte ich noch den Zug 12 Uhr 80 Minuten, der mich Abends nach Wien brachte. Hieher kommet, Ihr Linzer, da gibt es zu essen; koscher, trefe, türkisch, russisch, für alle Nationen und alle Confessionen, ohne zu bitten und ohne zu suchen! Sollte ich aber wieder einmal gezwungen sein,, nach Linz zu fahren, so werde ich sicherlich es nicht unterlassen, die israelitische Cultusgemeinde schon vorher zu verständigen, dass man mir irgendwo ein koscheres Mittagmahl anweisen möge. Dies, geehrte Redaction, ist mir passirt, aber nicht bei Linz, sondern in Linz. Den Commentar hiezu überlasse ich Ihrem geschätzten Leserkreise. Hochachtend _ Moritz Honig. Kleine Chronik. Hannover. (oOjähriges Jubiläum des Synagogenchores.) Festesstimmung herrschte am letzten Sabbath (Sabbath Schauftim) in der hiesigen Gemeinde. Am HÖPU שבת waren 50 Jahre vergangen, seitdem zum ersten Male Chorgesang im Gotteshause ertönte, leider konnte jedoch an diesem Tage die Feier nicht stattfinden, da verschiedene Personen, deren Gegenwart bei dem Feste sehr erwünscht gewesen, von ihrer Erholungsreise noch nicht heimgekehrt waren, so musste denn die Jubiläumsfeier auf den 27. d. M. (Sabbath Schauftim) verlegt werden. Wohl selten ist ein Fest schöner und würdiger begangen worden. Am Freitag Abend war die Synagoge festlich beleuchtet, zu beiden Seiten der Kanzel und der Estrade waren prächtige Blumenarrangements getroffen, stattliche Palmen und Lorbeerbäume erfreuten das Auge, Levkojen, Hyacinthen und,Rosen verbreiteten lieblichen Duft. Auch Oraun hakodesch, Almemor, Kanzel und Borbeterpult hatten neue Festgewänder angelegt, die der Präsident des Synagogenchores, Herr geheimer Commercienrath Louis Ephraim Mayer, zum Jubiläum gespendet hatte. Allgemeine Bewunderung fand vor allem das kostbare Parockes aus purpurrothem Sammt/ aus welchem reiche Gold- und Silberstickereien und Rubinen erstrahlten. Der Stifter hat in der Widmung, welches das Paroches ziert, seines verewigten Bruders, des unvergesslichen Landrabbiner Dr. Samuel Meyer, sowie seiner verklärten, edlen Gattin, die durch ihre vortrefflichen Charaktereigenschaften sich ein bleibendes Denkmal in unserer Gemeinde gesetzt haben, gedacht. Es kanien außer Compositionen von Sulz er, Lewandowsky, sowie des Chordirigenten Alfred Rose, auch einige Gesänge zum Vortrage, welche schon vor 50 Jahren gesungen wurden, so z. B. ein Lechododi, ßaui wescholom uixb am Sabbathmorgen eine Keduscha. Diese Sachen hatte Herr N o s e vierstimmg gesetzt, stellenweise verändert und, ohne die Grundmelodien in ihrer Originalität zu beeinträch- Ligen, vortrefflich harmonisirt. Auch eines von Herrn Obercantor Lin har dt arrangirtes Weschomru, einer uralten Melodie, sei an dieser Stelle lobend Erwähnung gethan. Am Sabbathmorgen wurden hauptsächlich Compositionen von Sulz er, Naumbourg und Berggrün — auch der herrliche, jüngst herausgegebene Schlußkadisch des Letzteren — aufgeführt. Alle Gesänge wurden mit großer Präcision erecutirt und gebührt hiefür dem Dirigenten Herrn Rose ein volles Lob, umsomehr als sämmtliche Gesänge in der kurzen Zeit von drei Wochen bei der tropischen Hitze einstudirt worden sind, und zwar theisweise mit Kräften, welche in früheren Jahren auf dem Chore mitgewirkt hatten und die durch ihre bereitwillige Unterstützung wesentlich zu der würdigen Feier beigetragen haben. Herr Obercantor Linhardt war ausgezeichnet disponirt und befriedigte die Zuhörer in vollem Maße. Nach dem Einheben der Thora stimmte der Chor das N a u m b o u r g'sche Se’u scheorim an. Hierauf bestieg Herr Landrabbiner Dr, Gronemann die Kanzel und hielt die Festrede, in welcher er in warmen, schönen Worten der ehrwürdigen Gründer des Chores,, von denen noch einige das Glück haben, mit Stolz und Freude auf ihre Thätigkeit zurückzublicken, gedacht,. sodann hob er die unsterblichen Verdienste der Männer hervor, welche bereits das Zeitliche gesegnet haben und deren Andenken unvergesslich bleiben wird. Schließlich sprach der Redner die Hoffnung aus, dass der Chor unter seiner jetzigen Leitung weiter gedeihen möge, sei er doch für den Vorbeter beim Gottesdienste ebenso nothwendig wie die schöne Fassung, durch die der Edelstein besser zur Geltung käme. Nachdem Herr Dr. Gronemann ein Gebet gesprochen hatte, durchbrauste das majestätische Beethoven'sche ״Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" die weiten Räume des Gotteshauses, und der melodische Zauber dieser herrlichen Weise theilte sich den Herzen der Zuhörer mit und erfüllte sie mit Andacht. — Nach Schluss des Gottesdienstes fand im Sitzungssaale der Synagoge die eigentliche Feier statt, zu der etwa 160 Einladungen ergangen waren. Landrabbiner Dr. Gronemann hielt eine kurze Ansprache an den verdienten Präsidenten, Herrn Geh.-Commercienrath Meyer, in welcher er die unermüdliche Thätigkeit und Opferwilligkeit desselben rühmte. Alsdann sprach Herr Julius K a u f f m a n n, der erste Gemeindevorsteher, seitens des Vorstandes und der Repräsentanz, sowie der ganzen Gemeinde herzlichen Dank aus für das kostbare Geschenk, mit welchem er das Gotteshaus so herrlich geschmückt und die Gemeinde so hoch geehrt hätte. Mit thränenerstickter Stimme dankte der Jubilar und lud zum Schluss alle Anwesenden zu einem Frühstück ein. Abends fand ein großer Commers statt, welcher erst spät in der Nacht beendet war. . Wien. Folgende Schüler der Cantoren-Bildungsanstalt des Obercantor I. Bauer in Wien, haben kürzlich ihre Stellungen als Cantoren angetreten: S. Presser in Straßnitz, S. Geiringer in Gablonz, I. Schwarz in Gänserndorf und L. Stiefelzieher in Galgocz. Lnndenbnrg. Zum Feste des 70. Geburtstages und 20jährigen Amtsjubiläums des Großindustriellen und Bürgermeisters