Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 22 (1.9.1892)
- Date
- 1892-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22 Oesterreichisch-urigarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. gegen unverschuldete, vergewaltigende willkürliHe Brodlosmachung zur Seite?! Und wenn solche Unglückliche in ihrer schreienden Noth endlich zu dem ihnen verheißenden Schutze der Staatsgesetze ihre Zuflucht nehmen, dann ist es nichts als der bloße ״Brod- Punkt", der sie treibt, auf dieser ״abschüssigen Bahn" gegen die ״besseren" Ausländer vorzugehen? Mein verehrter Herr Redacteur! Ich könnte Ihnen wohl eine Geschichte — eine Geschichte allerneuesten Datums und I>ro domo! — erzählen, wie es zugehl, wenn ein einheinrischer Beamter von unseren jüdischen Kleingemeinden. abgesetzt wird, aus dem Sie und alle Ihre lieben Leser es anschaulich lemen könnten, dass es sich hier nicht um eine bloße Brodneid-, sondern um eine wirkliche Lebens- und Nothfrge handelt, die ja bekanntlich — Eisen brechen soll. Doch ich schließe lieber und schweige, denn סיג לחכמה שתיקה Zum FOjiihrigen Jubiläum de« Synagogenchore« in Hannover.') Geschichtliche» Ucbcrblick von S e m i n a r b x v e c 10 r D r. Kroner. In den Anfängen unseres Jahrhunderts war in den jüdischen Gemeinden Deutschlands eine mächtige Bewegung, welche den öffentlichen Gottesdienst durch Predigten, die dem Bildungsbewusstsein der Zeit entsprachen, verständlicher und wirkungsvoller gestalten wollte. Dieselbe Bewegung drängte auch dahin, den Gesang im Gotteshause durch musikalisch gebildete Borbeter und einen geordneten Chorgesang zu veredeln. In der Gemeinde Hannover, in der ein lebhafter Sinn für Würde und Ordnung des Gottesdienstes herrschte, hatte der Landrabbiner Dr. Adler זצ״ל die zeitgemäße Predigt eingeführt, und -so stellte sich bald das lebhafte Verlangen ein, auch hier einen kunstgerechten Synagogengesang einzurichten. Als im Jahre 1841 der würdige und sehr verehrte Borbeter S. Löwenheim זציל gestorben war, traten besonders einige jüngere Leute, wie M. A. Behrens, Louis C. Meyer u. A. mit einen! Aufrufe dafür ein, dass ein musikalisch gebildeter Vorbeter angestellt werde, der die Aufgabe übernehme, einen Chorgesang einzurichten. Die damaligen Vorstandsmitglieder Ephraim Meyer, Alerander A. Cohen, Adolf Berend, Gumpel Leiser, mit ihnen der Kriegsagent Jakob Leffmann Cohen, erwirkten die Zustimmung des Landrabbiners Dr. Adler, dass im Jahre 1842 Herr Hermann Holzel, früher in Magdeburg, ein Schüler Sulzers, ein musikalisch feingebildeter Mann, zum Vorbeter gewählt wurde. Mit Begeisterung und Thatkraft, unterstützt von den obgenannten jüngeren Männern, bildete er einen aus 20—30 Knaben, Jünglingen und Männem gemischten 3 bis 4-stimmigen Chor, .der alle von der Gemeinde bisher gesagten und gesungenen Nesponsen auszuführen hatte. Eine in der Neligionsschule selbst eingeführte Gesangsstunde gab Gelegenheit, die Fähigeren kennen zu lernen und für den Chor auszuwählen. In der M. M. Davidschen Freischule wurde eine Gesangstunde eingeführt, in welcher Holzel selbst unterrichtete. Allwöchentlich fanden in den Räumen der Neligionsschule 2 bis 3 Chor-Uebungsstunden statt, in welchen Sulzer'sche Gesänge, theils auch Composittonen Hölzels von ihm selbst unter Mitwirkung eines Chorleiters, Herm *) Der ausführlichen, von Herrn Emil Berggrün verfassten Bericht über daS schöne Fest veröffentlichen wir an anderer stelle. Solling, eingeübt wurden. Solling war ein musikalisch tüchtig geschulter Mann, Chorist am Kknigl. Hoftheater und wurde eine unentbehrliche Stütze des Chores. Die Meisterschaft Hölzels, der bewährte Eifer Sollings, die freiwillige Hingebung der Sänger brachten es dahin, dass der neugebildete Chor am שבת נמו ח im Jahre 1842 zum ersten Male in der Synagoge in Thätigkeit trat. Die Neuheit dieser Einrichttlng, die man in dieser Form bisher im Gotteshause nicht kannte, blieb nicht ohne Widerspruch. Doch nur wenige Einzelne blieben dem Gottesdienste fem; die Gemeinde selbst begrüßte den neuen Gesang mit großer Freude. Bald fanden sich auch Anlässe, die trefflichen Leistungen des Chores vor größerer Öffentlichkeit zu zeigen, wie z. B. die im Jahre 1849 erfolgte Geburt eines Kronprinzen. Aber schon nach 4 Jahren schied Hölzel aus dem Amte, um nach London, wohin auch der Landrabbiner Dr. Adler als Chief-Rabbi berufen ward, überzufiedeln. Der Verlust einer solchen Kraft drängte zu neuer Stützung des Chores, den die Gemeinde nicht mehr entbehren wollte. Zunächst gab man dem Chore eine festere Verwaltungsstütze durch die Wahl einer neungliedrigen Commission, die aus Gemeindemitgliedern gebildet war und die Angelegenheiten des Chores zu überwachen hatte. Dann wählte man einen Schüler Hölzel's, Herrn W. Selig, der sich bereits im Chore durch seine gute und angenehme Sttmme hervorgethan hatte, im Jahre 1846 zum Vorbeter, der mit den Chorgesängen voll und ganz vertraut, ein meister- Hafter Kenner der alten Melodien, mit den! Chore, dessen Leiter Solling blieb, weiter den Gottesdienst ausführen sollte. Ein ganz besonderer Förderer des Chores wurde aber der neu gewählte Landrabbiner, Herr Dr. S. Meyer זצ״״ל, der sich des Chores mit Eifer annahm, zur freiwilligen Teilnahme anregte und die Chorproben selbst häufig besuchte. Zur Seite stand ihm schon damals sein Bruder Herr L. Meyer, der in der Commission war und das wärmste Interesse für die Sache zeigte. Nach zwei Jahren wurde dem Chore eine neue Förderung durch die 1848 neu gegründete Bildnngsanstalt für jüdische Lehrer gegeben, indem diejenigen Schüler, welche gute Stimme hatten, zur Mitwirkung im Chore veranlasst wurden. Die Leistungen des neugeordneten und geschulten Chores errangen sich immer mehr volle Anerkennung. Er bewährte sich bei dem großen Leichenbegängniße des ersten Vorstehers Adolph Berend, des General-Adjutanten der fteiwilligen städtischen Bürgerwehr, am 22. Juli 1891. Man erbat sich seine Mitwirkung bei Synagogeneinweihungen in kleineren Gemeinden, so am 14. September 1893 in Großmunzel, am 0. Febnrar 1898 in Pattensen v. d. L., am 3. April 1898 in Verden. Das Hauptverdienst an allen diesen Erfolgen gebührte dem wackeren Solling, und um so größer war der Schmerz, als derselbe im Jahre 1863 verschied. Der Chor bekam aber einen neuen Leiter in dem musikalisch hervorragenden August Bünte, der später Mufikdirector wurde und mit vieler Liebe seines Amtes waltete. Dadurch ward dem Chore die Freude zu teil, im Jahre 1867 auf eine 29jährige Thätigkeit in Ehren zurückblicken und sein Jubiläum unter der Betheiligung der edelsten Männer der Gemeinde feiern zu können. Der Chor blieb in gleicher Höhe, als Herrn August Bünte dessen Bruder Friedrich Bünte im Amte der Chorleitung folgte. Eine ganz neue Wendung seiner Verhältniße erfuhr der Chor aber im Jahre 1870. Bis dahin hatte derselbe, sowie besonders der Vorbeter Selig, dem Beispiele Hölzel's folgend, in einfacher und schlichter Weife die synagogalen Gesänge ausgeführt, meist mit treuer