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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-09-01 · Heft 22 (1.9.1892) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 22 (1.9.1892)
Date
1892-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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.Seite 2 Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 22. Unseren Standpunkt zu dieser Sache haben wir bereits zu wiederholten Malen klar gelegt. Wir halten das Hineintragen der Nationalitaien-Frage in die inneren Angelegenheiten des Judenthums für ' ein wahnwitziges Beginnen. Die Rassen- und Nativualitäten-Jdee ist die Nährmutter des Antisemitismus, und dessen Geschäfte besorgen׳ diejenigen, welche derartige Fragen bei uns aufwerfen. Es ist wahrhaftig der Sorge und des Streites genug in Israel, als.dass es nöthig wäre noch einen neuen Zankapfel in die Gemeinden zu werfen. Seit Jahrhunderten sind die Israeliten. treue Bürger des Staates, in dem sie leben und in dem sie den Schutz der Gesetze genießen. Das wissen die Fürsten wie die Völker sehr genau. Und selbst die Antisemiten wissen, es, wenn sie es auch, oder vielleicht gerade, weil sie es so geflissentlich in Abrede stellen. Aber niemals ist es irgend Einem eingefallen, zu behauptendass die religiöse Gemeinschaft Mit den Juden anderer Länder den Patriotismus beeinträchtigte. Da keine Religion auf ein Land beschränkt ist, könnte man ja denselben Vorwurf gegen jedeNeligionsgenossenschaft erheben. Erweist sich derselbe als absolut hinfällig, wozu der Lärm, wozu die Ausländerfrage? Wir fragen nicht: -Wozu die Denunziation; denn deren Zweck ist leider nur zu klar,. Mm. beachte nur den Zwischensatz ״zum Theil stellenlose, ^um Theil in kleineren Stellungen sich befindende Beamte". Es war also der Brodpunkt, der diese Leute auf jene abschüssige Bahn getrieben hat. Wo aber dieser Factor nicht mitspricht,, erscheint die Aufwerfung der. Ausländer-Frage geradezu unbegreiflich. Der Äabbiner oder Lehrer ist der Vertreter des jüdischen Geistes, der' jüdischen Lehre in der Gemeinde. Dieser Geist des Judenthnms — wir sagen das mit Stolz und unbeschadet unserer innigen Anhänglichkeit an die theure deutsche Heimat — ist aber derselbe in allen jüdischen Gemeinden. Und genau so wie die Wissenschaft mit Stolz auf ihre Jnternationaliät pocht, wie sie keine Schranken' und Grenzpfähle kennt, genau so wie heute und zu allen Zeiten Professoren von Czernowitz nach Heidelberg, von Jena nach Innsbruck, von Freiburg nach Chicago berufen werden, genau so werden die jüdischen Gemeinden keinen Anstand nehinen, einen Rabbiner zu berufen, der ihren berechtigten religiösen und wissenschafilichen Anforderungen entspricht, gleichviel wohin der Zufall auch seine. Wiege gestellt haben mag. Die hervorragendstenNabbinate in Oesterreich- Ungarn (Wien und Pest) sind mit Norddeutschen besetzt. In Prag waren die Tempelprediger bis auf die Gegenwart,stets Norddeutsche. Uud so ist es auch umgekehrt und so wird es auch bleiben. Nicht die!Nationalitätensondern die Bedürfnisfrage wird in diesem Punkte entscheiden. Und. bezüglich der Cantoren hat schon vor Jahren der gewiss eminent sachkundige Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Berlin, der ja auf diesem Gebiete die verschiedenartigsten Erfahrungen zu machen Gelegenheit hatte, dis bisher unwiderlegte Behauptung aufgestellt, dass wir ohne die polnischen Chasanim überhaupt nnmöglich auskämen. Erfreulicher Weise gilt dasselbe nicht sür Rabbiner und Lehrer. Nichtsdestoweniger wird es sich nach wie vor > keine Gemeinde nehmen lassen, ihren .Rabbiner nach Bedürfnis zu wählen, nach seiner religiösen Richtung,, nach seinem moralische Charakter, nach seiner, wissenschaftlichen Bildung und seinen bisherigen Leistungen, nicht aber nach . dem ׳ Komitat oder Bezirke, in. dem er das Licht der Welt zu erblicken das Glück oder.Unglück hatte.— trotz der siebenundsechzig braven Knaben!" Hierauf kam von S. N a t h a n in Königsberg folgende Erwiderung: ״Gegen die in Ihrem jüngsten Leitartikel unter ״Ausländer" ausgesprochene Tendenz und Sentenz, dass in den jüdischen Gemeinden Deutschlands 3.) bei der Wahl von Rabbinern nicht die Nationalitäten-, sondern die ״Bedürfnissfrage" entscheidend bleiben solle, und b) bei der Wahl von Cantoren ״überhaupt nur polnische Chasanim" in Betracht kommen, — gestatten . Sie gütigst dem. ergebenst Gefertigten folgende Einreden. Doch sei voraus bemerkt,, dass ich kein Rabbiner und vor Allem keiner jener siebenundsechzig. ״Menschen" bezw. ״Knaben" — sollte wohl plattdeutsch ״Buben" heißen! — bin, welche beim Minister vorstellig wurden, fortab keinen Ausländer zu bestätigen, sondern dass ich im Gegentheil stets nach dem selbstverleugnenden Grundsätze handelte, den ich auch öffentlich aussprach: angesichts der Judenaustreibung aus Russland fehlt mir der Muth dazu, einen polnischen Cantor, der sich in meine Stelle drängt, zu denunziren, wenn ich auch selbst durch ihn verdrängt, stellen- und brodlos werde! Und noch eine Vorbemerkung: für die Rabbiner spreche ich hier auch nicht, es fehlt mir das Mandat dazu; wohl aber für die reichsangehörigen Cantoren, insbesondere diejenigen, -welche in unseren kleinen! Gemeinden zugleich als Religivnslehrer re. nicht den Beruf haben sollten, den Synagogencültus zu ״veropern", sondern vor Allem doch wohl sach- und fachkundige ״Vertreter des jüdischen Geistes und der jüdischen Lehre" in den>(leinen Gemeinden zu sein; — ja ich sage cs geradezu des deutsch-jüdischen Geistes und der zu unserem hervorragendsten Culturelement gewordenen, historisch entwickelten deutsch-jüdischen Auffassung und Allwendung unserer heiligen Lehre! Dass aber gerade in diesen Punkten in allen jüdischen Gemeinden aller Länder der Geist des Judenthums denn doch nicht immer derselbe ist, das bezeugt Mir der — -Herr Chefredacteur selber mit seinen dafür sehr bezeichnenden Äusführungen: ״Aus dem Carlsbade" in Nr. 26—28 dieses geschätzten Blattes! Die Denunziation an und für sich will ich . nicht vertheidigen. ״Aber deren Zweck", so sagt der Herr Verfasser, ״ist leider nur zu klar"; denn die Denunzianten waren zum Theil — ״stellensvse rc. Beamte". Warum aber waren sie das?! Ist es gerecht, ist es ״jüdisch", ist es religiös, Human oder auch nur volkswirthschaftlich praktisch,' ganze Generationen von einheimischen oder einheimisch gewordenen,' für ihr Amt sowohl deutsch als jüdisch gesetzmäßig 'v'orgebildeten Beamten einfach, zum —-י Proletariat zu werfen, weil ausländische leichter oder billiger oder zahlreicher zu haben und, wenn Cantoren, ״größere" Chasanim sind?! Ich kann Ihnen, verehrter Herr Redacteur, augenblicklich mindestens ein Dutzend/ solcher Cantoren, Lehrer :c. nennen — meine Mittel als Schriftführer eines Cultusbeamten-Vereines von fast 300 Mitgliedern erlauben mir das! —^welche z. B. stellenlos unter den polnischen und anderen Schnorrern in Deutschland herumlaufen! Nun sollte einmal ein Chronist anfstehen, der die Haarsträubenden Willküracte protocollirte, durch welche so viele jüdische Cultusbeamte (und Familienväter) um Drod und Stellung kamen! ~ ״Die Juden sind verpflichtet, sich in Allem nach den Gesetzen und Einrichtungen des Staates zu richten", sagt irgendwo das Allgemeine Preußische Landrecht. Ist es je. erhört worden, dass bei andersgläubigen Staats- oder Gemeindebeamten die Entfernung aus Um Amte so oft, so schnell, so leichtfertig ' und — gewissenlos betrieben wird, als in unseren ״autonomen" jüdischen Gemeinden? Und welche § Schutzmittel stehen wohl diesen jüdischen (zumal' den bereits äbaewirthschäfteten, alternden) Beamten

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