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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-08-15 · Heft 21 (15.8.1892) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 21 (15.8.1892)
Date
1892-08-15
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantorcn-Zeitung. bereits getroffenen Maßregeln wurde beschlossen, aus die öffentliche Meinung in Galizien in diesem Sinne einzuwirken. Der Minister des Innern bat aus sanitären Gründen die Aufnahme von aus Rußland eingewanderten Juden untersagt. Wien. (Ein Papst jüdischer Abstammung.) Wir lesen in den ״M. N. N.": ״Es ist int gegenwärtigen Augenblick, wo der Proceß Buschhoff zu Ende gegangen, wohl nicht uninteressant daran zu erinnern, dass es vor 75.0 Jahren einmal einen Papst jüdischer Abstammung gegeben hat. 1130 bis l 138 saß Anaklet II. auf dem Stuhle Petri; er entstammte der Baronssamilie Piere Leone und diese waren richtige Ghettosuden, deren Name — Löwenstein — aus dem Hebräischen übersetzt war. Es ist dies vielleicht das älteste Beispiel einer Adelsfamilie jüdischen Stammes, den der Papst Piere Leone selbst niemals verheimlichte. Anacletll. war als Gegenpapst gegen Jnnocenz II. gewählt worden und behauptete sich, da er Rom, Mailand und den von ihm zum Könige ernanten Grafen Roger von Sicilien auf seiner Seite hatte" bis zu seinem Tode im Jahre 1138 gegen Kaiser Lothar!1. Budapest. Angesichts der antisemitischen Beschuldigung über Ritual- resp. Blutmorde, ist es von Interesse, welche Stellung in früheren Jahrhunderten die Obrigkeit zu den damals ebenso erhobenen Anklagen eingenommen bat. Der ״Freis. Ztg." wird der Wortlaut eines Edikts, das im Jahre 1539 König Sigismund I. von Polen bestätigt hat, zur Verfügung gestellt. In dem Edikt heißt es: ״Ferner verordnen wir, dass übrigens kein Jude von irgend einem Christen in solchem Falle beschuldigt werden darf, indem er nämlich sagt, dass die Juden jedes Jahr nothwendiger Weise Blut von Christen oder Hostien der christlichen Kitchen gebrauchen, da ja die Statuten des Papstes Jnnocenz und die ConstitutuLionen uns belehren, dass sie in solchen Dingen nicht zu beschuldigen sind, weil dies ihrem Gesetze entgegen ist. Und wenn in Zukunft irgend ein Christ in seiner Verwegenheit irgend einen Juden solcher Dinge beschuldigt, so geben und gestehen wir ihnen folgendes Recht zu, dass selbiger Christ, wenn er Zeugen und Beweis beibringen und diese seine Sache ausführen will, so muß er es beweisen mit drei rechtschaffenen und in unserem Reiche begüterten Juden, welche in ihrer Lebensführung un- Gescholten und in! Glauben unerschütterlich sind, und mit vier Christen, welche ebenfalls in unserem Reiche wohlbegütert und in ihrer Lebensführung unbescholten und im Glauben unerschütterlich sind. Und wenn der Christ durch ein derartiges Zeugnis gegen den Juden den Beweis geführt, so wird der Jude des Todes schuldig und mit demselben zu bestrafen sein; und wenn der Christ ein derarüges Zeugnis nicht beibringt und gegen den Juden den Beweis nicht führen kann, so wird er selbst zu derselben Todesstrafe zu verurtheilen sein, zu welcher der Jude hätte verurtheilt werden sollen. Und wenn um solcher Dinge willen unsere landsäsfigen Adeligen oder die Bürger unseres Reiches gegen selbige unsere Juden gewaltthärig verfahren, ohne dass sie rechtlich überführt sind, so sollen deren Güter für unsere königliche Kammer ciugezogen werden, und ihr Leben bleibt unserer besonderen Gnade überlassen." — Man sieht, dass die heutige ״Cultur" der damaligen Zeit nicht weniger als vorausgeeilt ist. Innsbruck, (Schulschluss.) Hier fand am 6. v. M. der solenne Schluss des Schuljahres der israelitischen Neligionsschule durch den Neligionslehrer für Volks- und Mittelschulen, Herrn Obercantor Emil Fränkel, statt. Die Anstalt besuchten die israelitischeu Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums, der Ober- und Unterreal-, Bürger- und Volksschulen, der Handels-Akademie und der Ursuliuerinnen höherer Töchterschule. Die Stadt Innsbruck stellte in bereittvilligster Weise das große Lehrzimmer im Gebäude der städtischen Bürgerschule in der Gilmgasse zur Verfügung. Die Jnspection hatten die Herren S. Abeles, Will). Dannhauser und Louis Bauer. Lrpto St.-Mikl0s. Fräulein Gisela Haas, Tochter des hiesigen sehr beliebten Obercantors Benjamin Haas, hat sich mit Herrn Josef Petersilka, Assekuranzbeamter aus Wien, verlobt. Berlin. Die ״Nordd. Allg. Ztg." liest den Conservativen der Sröcker'schen Couleur, die die Judenfrage in ihr Programm Nr.'21. aufnchmen wollen, wieder einmal ordentlich den Text; sie schreibt : ״Die bisherige persönliche Bekämpfung des Judenthums hat in einer Reihe von Jahren, wie für Jedermann klar vor Augen liegt, gar nichts zu Tage gefördert, als ein ödes Schreien und Schimpfen, welches durch den Rückschlag, den ein so widerwärtiges Gebühren bei Menschen von maßvoller und anständiger Denkungsart her- Vorbringen musste, den gemein und brutal Angegriffenen Sympathieen zuführte, die wesentlich im Gerechtigkeitsgefühl und in der Achtung vor den Bestimmungen unseres Staatsgrundgesetzes ihren Grund und ihre Wurzeln hatten. In den Versammlungen einer erhitzten und urtheilslosen Menge immer aufs Neue und in immer weiter gehendem Maaße Forderungen aufzustellen, welche eine Beseitigung grundlegender Verfassungsgesetze in sich schließen, ohne doch den Muth zu haben, mit einem Antrag auf legale Aufhebung dieser Gesetze offen hervorzutreten, ist verwerfliche Demagogie, ist nicht blos mit conservativer Prinzipientreue,, sondern mit staatserhaltender Gesinnung unvereinbar. Dein niedrigen Sinne des Nvwdythüms ' ist Gerechtigkeit ein unverständlicher Begriff. Wo daher die Organe des Staates, die Diener und Vollstrecker des königlichen Willens, nach Pflicht und Gewissen ihres Amtes walten, erfrecht sich der bethörte Wahnwitz, die Integrität der Obrigkeit, in Zweifel zu ziehen." Hieran dürften die Herren Hamtnerstein, Stöcker uiid Consorten wohl vorläufig genug haben. Hannover. Sonntag den 21. d. M. findet in der hiesigen Synagoge die Trauung des Fräulein Rosa Berggrün, Tochter der Frau Obercantor Berggrün, mit Herm Jsmar Danziger statt. Magdeburg. Der ״Bosphore Egyptien" hatte vor einen, Monat die Sensationsnachricht verbreitet, ein Dr. Geote habe an, Fuße des Sinai die beiden Gesetztafeln des Moses aufgefunden. Der französische Archäolog Georges Benedite, der nicht weniger als dreitausend Inschriften auf der Sinai-Halbinsel zurückgebracht und demnächst veröffentlichen wird, theilt über diesen Dr. Geote, den er übrigens persönlich nicht kennt, mit, derselbe habe in seinen früheren Angaben verschiedene Jrrthümer, zum Beispiel über die Dichtheit derBeduinenbevölkerung und über die Türkisenminen daselbst, veröffentlicht und scheine gern durch ein Vergrößerungsglas zu blicken. Jetzt habe er wahrscheinlich am Fuße des. Djebel Monca zwei jener zahlreichen Inschriften gefunden von dem nämlichen epigraphischen Charakter, wie die übrigen. Es sind dies nabatäische Inschriften, ׳herrührend von den in Jdumäa sesshaften semitischen Stämmen, von denen sich eine Unzahl auf den Felsen der Sinai-Halbinseln finden. Schon 335 nach Christi wurden dieselben für das Werk der alten Israeliten ausgegeben, welche hier nach den Gesetzestafeln sich während vierzig Jahren auf allen Felsen des Sinai im Schönschreiben geübt hätten. Der auch im Mittelalter verbreiteten irrigen Meinung, diese zahlreichen Texte seien Erinnerungen an den Auszug der Juden aus Egypten, ist 1840 der deutsche Gelehrte Beer entgegengetreten. Dies hinderte freilich nicht, dass bald darauf, die Engländer Förster und Sharpe ähnliche Jrrthümer wiederholten und die Inschriften der Nabatäer in ,nehr odet weniger phantastischer Weise sortsetzten. Binnen Jahresfrist dürste nun die Uebersetzung, die Herr Benedite von allen diesen Inschriften gibt, erscheinen, aber der französische Gelehrte äußert im Temps selbst seinen Zweifel, ob inan nicht in zwanzig oder hundert Iahten in denselben doch wieder Autographe der Begleiter des Moses oder des Moses selbst und vielleicht sogar Jehova's (?) erblicken werde. München. Der hiesige Obercantor, Herr Emanuel Kirschner, ein wegen seines prächtigen Baritons und seiner Meisterschüft als Stimmbildner überall geschätzter Künstler, ist zum Professor der königlichen Akademie der Tonkunst ernannt worden. St. Gallen. Unser allbeliebter Cantor, Herr Osias Hochglück, der während seiner mehrjährigen Amtswirksamteit Hierselbst׳ sich die vollsten Sympathien aller Kreise erworben hat, verlässt zum größten Bedauern' der ganzen Gemeinde am 15. d. M. St. Gallen, un, einen, Rufe nach Amerika Folge zu leisten. (Denk verehrten College», der jederzeit ein so hervorragendes Interesse allen genreinsamen Standesangelegenheiten entgegengebracht hat, rufen wir ein herzliches Lebewohl zu und hoffen, dass er, im Westen angelangt, die alten collegialen Beziehungen wieder anknüpfen wird. (D. N.)

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