Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 21 (15.8.1892)
- Date
- 1892-08-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21 Gesterreichisch-untzurische Suntoren-Zeitung. Seite 5. wunde. — Zuletzt sagt er: Werde mein — ich will Dein treuer Gatte sein; — vergiss den Kummer, den Gemahl — und sei das Ehweib meiner Wahl. Und sie? sie spricht zufrieden: — Da das Schicksal mich beschieden — Dir zur Gefährtin Deines Lebens — sei Dein Werben nicht vergebens. — Sie bat ihn dann um seine Erlebniße — und er erzählte seine Begegniße, — wie seine Seele niedergebeugt, — weil er sich ungehorsam gezeigt — dem König in dieser Nacht — und dass er werde umgebracht — in der Jahre Kraft — seiner Familie entrafft. Da sprach die Frau: Sei ohne Bangen; statt Deines Bruders, der gehangen — knüpfen wir an jenen Pfahl — meinen Gemahl, — den sie haben — begraben. — Bevor es tagt soll es geschehen— und wer kann das Dunkle erspähen? Wer verrathen — geheime Thaten? -— Befolge, was ich vorgeschlagen, — Dein Glück hat Dich zu mir getragen. Nun führt sie rasch zum Grab ihn hin; — verkehrt die Lieb doch oft den Sinn! — dort nahmen sie aus dem Sarg — den Todten, den er barg — und haben es vollbracht, — wie sie es ausgedacht. — Zur Trist eilt sie so schnell sie kann — zu hängen ihren todten Mann. Dies soll lehren: Nur Wenige bleiben stets treu ergeben — der: Todten, die sie geliebt im Leben. — Ihre Liebe schwindet bald dahin; «°- ihr kann nicht trau'n des Sterbenden Sinn. — Haben sie ihn auch umarmt, geküsst, — ihr Herz des Todten doch vergisst; sie denken nicht, sobald er todt — an seine Wohlthat, sein Gebot. — Spricht er: Eingedenk meiner Liebe sei, — meinen Kindern, Enkeln bleibe treu! Ist er todt, vom Staub erfüllt, bleibt doch sein Wille unerfüllt. Die obige Erzählung — Fabel kann man sie wohl nicht nennen, — ist ausführlicher, doch mit einigen anderen Zügen, im Satyricon des Pretonius IV II. cap. CXI und CXII zu lesen. Johann von Salisbury, der 1183 als Bischof von Chartres starb, berichtet in seinem Polycratius sive de Xugis curialium etc. libri S, dass diese Geschichte eine wahre sei, da dies Flavianus mit dem Zusatze bezeuget, dass die Frau in Ephesus, wo der Vorfall sich ereignet hatte, ihr Vergehen in Gegenwart des Volkes mit dem Tode gebüßt hatte (nmlcremque impietatis suae et sceleris parricidatis, et adullerii in conspectn popnli, luisse poenas,.de Nug. cur. 8. Buch, Kap. II.) Wer dieser Zeuge Flavianus gewesen, ist nicht bekannt, wir vermuthen in ihm einen Bischof von Nhodope, der um 484 gelebt. Von einem solchen, namens Flavianus, welcher epistolae ad Petrum Fullonem adversus clausulam ab 60 Trisagio additam geschrieben haben soll, berichtet Grässe in seinem Lehrbuch einer Litteraturgeschichte der berühmtesten Völker des Mittelalters 1. Abth. 1. Hälfte S. 100 Anm. Auch bei Petronius wird die Erzählung, die einen Beleg für die Unbeständigkeit der Frauen liefern soll, als ein wirkliches . Ereignis dargestellt; der Erzähler Eumolpus theilt sie als ״rem sua, memoria factum“ mit. Als eine Thatsache wird sie auch von Rabenu Chananel 990—1050 — in Tosaphot Kiduschin 80 b, 5(uf. כי ההיא erzählt. Um den Leichtsinn des Weibes zu beweisen, zeigt dort der Talmud auf eine gewisse Geschichte hin, ohne diese aber mitzutheilen. Verschieden, von Raschi, der in seiner Glosse z. St. ein anderes Histörchen mittheilt, erklärt N. Chananel: Eine Frau hätte einst auf dem Grabe ihres Mannes geweint und geklagt, da sei ein Mann zu ihr gekommen, der vom Könige den Auftrag erhalten, den Leichnam eines Gehenkten zu bewachen und habe ihre Gunst erobert. Als er jedoch zu dem Galgen zurückgekehrr, wäre der Gehenkte gestohlen gewesen. Er fürchtete die Strafe des Königs und ängstigte sich sehr; die Frau jedoch ermuthigte ihn, indem sie die Leiche ihres Mannes an den Galgen hängte. Diese Erzählung stimmt ziemlich mit der des Petronius überein. Fast eben so lautete die Erzählung auch bei Romulus III, 9. ״Femina et Miles" Nur Marie de France und nach ihr Berachja lässt den Gehenkten von einem Verwandten vom Galgen schneiden und diesen Verwandten, nicht aber den Wächter des Gehenkten die trauernde Frau trösten.*) Klei«» Chronik. Wien. Der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde hat ein Rundschreiben an alle hervorragenden jüdischen Gemeinden des Continentes erlassen, worin er dieselben ersucht, ihre Delegirten zu einer Berathung über wichtige religiöse Angelegenheiten am 6. September d. I. nach Wien zu entsenden. Zweck der Conferenz sei, ״Mittel aufzusuchen, um das religiöse Bewusstsein der Glaubensgenossen, welches im Schwinden begriffen sei, zu heben". Das Hauptaugenmerk solle auf den Gottesdienst und den Religionsunterricht gerichtet werden. Die Lösung theolgischer Fragen ist ausgeschlossen. — Der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde hat sich mit der Einberufung dieser Versammlung ein! unbestreitbares Verdienst um das Judenthum erworben und es freut uns, dass es sich nach so langer Stagnation auch in Wien einmal zu regen beginnt. Wien. Qberrabbiner Dr. Jellinek wurde von einem herben. Schicksalsschlage betroffen. Dienstag, den 2. d. M. ist seine Gattin, Frau Rosalia Jellinek, geb. Bettelheim, im Alter von 60 Jahren in Baden Plötzlich gestorben. Drei Söhne und zwei Töchter nebst dem Gatten trauern an ihrer Bahre. Das Leichenbegängnis fand' Mittwoch Nachmittag unter zahlreicher Theilnahnle der besten Wiener Kreise in Baden statt. In die Functionen theilten sich Rabbiner Dr. Reich und Cantor Schäfer aus Baden und Dberrabbiner Dr. Güdemann und Obercantor Singer aus Wien. Wien. Der bevollmächtigte Vertreter des Barons Hirsch, D. F. Feinberg, macht in der ״Ned. Chron. Woschoda" bekannt, dass die Nebersiedelung von Personen, welche unter dem Schutze der Hirsch'schen Comites anszuwandern wünschen, nicht vor dem Monate Januar 1893 beginnt, da vor diesem Zeitpunkte in den dortigen Colonien die Vorbereitungen erledigt werden können.- Daher sei es von keinem Nutzen, wenn Personen, die auszuwandem beabsichtigen, schon jetzt Anmeldungen in dieser Angelegenheit vorstellen. Im Herbste laufenden Jahres eröffnet das Hirsch'schc Centralcomite zu Petersburg seine Wirksamkeit; späterhin werdert auch nach Maßgabe der Nothwendigkeit an verschiedenen Punkten im Innern Provincialeomites eröffnet. Dahin haben alle diejenigen ihre Anmeldungen zu richten, welche durch Vermittlung der Comites nach Argentinien gebracht zu werden beabsichtigen. Wien. In der unter Vorsitz des Ministers Zalesky stattgefundenen Conferenz zur Erörterung der Galizien und die Bukowina bedrohenden Choleragefahr, hob Sectionschef Erb die Mangel- Hastigkeit des russischen Sanitätsdienstes hervor und wies auf die Truppenconcentrierung an der Grenze und das Zusammeuströmen jüdischer Elemente daselbst, sowie auf die.daraus erwachsenden großen Gefahren hin; obgleich bisher in Galizien, wie in der Bukowina kein Cholerafall vorgekommen sei, scheine es doch nothwendig, dass die Bevölkerung auf die eminente Gefahr aufmerksam gemacht werde. Nach Entgegennahme der Mittheilung über die *) Es sei hier noch auf Lessings Fragment, ״die Matrone des Ephesus" Lachman Bd. 2, S. 576 hingewiesen. — Vgl. Datier, Examen de l,hi3toire de la Matrone d’Ephese, in den Memoires de l’academie royale des inscriptions et belle lettres, Paris 1780 YL1S. 523.