Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 20 (1.8.1892)
- Date
- 1892-08-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 20. Seite 6. Aesop zu findm und die 2. ihren Stoff den! Talmud entlehnt hat. Die Schwierigkeit der Uebersetzung dürfte der Sachkenner selbst finden. Es spricht R. Berachja, Sahn Natronajs, der Punktator: Um Albeme klug zu machen, den Jüngling zu belchren, den Einfichtsschwachen, erfand das treffliche Mittel mein Denken, die Herzen wie einen Garten zu tränken — mit Fabeln von Füchsen und anderen Thieren — die die Leute im Munde fuhren. Wohl sind diese Fabeln von Thierwesen — schon in allen Sprachen zu lesen; ich wich jedoch ab in der Form — von anderer Schriftsteller Norm. — Denn ich schmückte alle Geschichten, die mir geeignet scheinen — dem Leser Nutzen zu bringen — in vielen Dingen. Sie sind köstlicher als Goldes Glan; — herrlicher als Perlenkranz — wie die es werden sehm — die zu urtheilen verstehen. Fab. 4 Der Hahn und der Edelstein. Von Weisheit wendet ab sein Aug' der Thor Er ziehet dem, was gut, das Schlechte vor. , Einst stand auf Schutt, gebracht zu Häuf' Ein Hahn und wühlt' ihn auf, Grub mit den Füßen nach Hühner Weise Nach Würmern und andrer Speise. So fand er einen Stein von hohem Werthe, Und da er nicht länger zu graben begehrte, Sprach er, ich hoffte auf guten Fund, Auf einen Wurm für meinen Mund Da fand ich Dich, o Edelstein; Doch wie kannst du mir׳ von Nutzen sein? Wahrlich prächtig ist dein ׳Blitzen Stolz wär' der Reiche Dich zu besitzen; Er trüge Dich an seiner Hand, Umfasst von goldenem Band; Dann bildete Dein Glanz Einen Strahlenkranz Jetzt treten in den Koth dich Armen Meine Füße ohn' Erbarmen Denn ohne Werth bist Du für mich, Ein Würmchen lieb't ich mehr als Dich; Dies würde mich vor Hunger schützen, Wie aber sollt ein Diamant mir nützen? Dies Gleichnis ist zu deuten, dass man begegnet Leuten, — die solche geringschätzig betrachten, die höher sind als sie zu achten. Verschmähen das Gute huldigend dem Schlechten, wenden sie ihr Auge vom Gerechten, nahen ihm nur in der Noth, die ihnen droh!. Doch lehrt ein Spruch des Weisen schon: Selbstverderben ist des Verächters Lohn*). Mein Gedicht, — das spricht; Wie sich der Hahn vom Diamant gewandt^ Den er in Straßenkoth erblickte, So wendet sich der Mensch im Unverstand Vom Rath, den ihm die Weisheit schickte. Dies Uebel packt sein Herz mit starker Hand Und lässt nicht los, wenn's einmal drückte, Geschmäht wird, wer der Versuchung widerstand, Wer würdig sich mit Tugend schmückte Zum Festkleid wird das schmutzige Gewand Vernünftig heißt nur der Verrückte. Gleich hartem, goldumfasstem Diamant Gilt Kalkstein jetzt der leicht Zerstückle׳ .(׳ ') Marie de France, Fab. 1. Diese Nutzanwendung gleicht der französischen, die mit den Versen schließt: Bien, ne kenor, noient ne prisent Le pis prendent,. le miels aespisent. D. I). sie schätzen wenig die Güter, die Ehren, sie wählen das Schlechte und verwerfen das Gute. 2) Im Phädrus. lib. III. Fab. XII, lautet die Anwendung witzig: Hoc illis narro. qm in יי non intelligntit, ״Dies erzähle ich denen, die tnich nicht verstehen? Fab. 6 Der Fuchs und die Fische. Gar Viele rathen das mit arger List, Was für sie gut, für andere schädlich ist Einst gieng an eines Flusses Saume — ein Fuchs und sah im Wasserraume — einen Fisch in eiliger Flucht — vor einem anderen, der ihn zu Haschen sucht. — Jetzt kam der Verfolger heran — und stieß den Verfolgten an; dieser erwiderte den Stoß — so gieng der Kampf, der heiße, los — und ein Retter war nicht da. Als der Fuchs dies sah, trat er still zum Wasser hin, — denn er führte es im Sinn' — beide mit den Zähnen zu fangen — oder sie durch List zu erlangen. Doch nur des scheidenden Wassers lvillen — konnte er seine Gier nicht stillen. Da gieng er ohne zu sprechen ein Wort — von dieser Stelle fort — hin nach des Wassers anderer Seite. Dort sah er wieder Fische im Streite: die Kleinen werden bedrängt von den Großen, — die Schwaben von den Starken gestoßen. Da rief er den Fischen zu: — ״Thoren, ihr gönnt euch nicht Ruh'; umschlingt euch wohl ein brüderlich Band? waltet ein Gesetz in eurem Land, wo Einer dem anderen Verderben bringt. — Der Große den Kleinen verschlingt? Machten mich zum König ihrer Wahl — die Fische allzumal — so ließ ich nichts verletzen — von den bestimmten Gesetzen. — In Furcht und Bangen lebt ihr — euch zu bekämpfen strebt ihr. — Auf eurem Wege ist euch Leid beschieden — ihr kennt nicht Ruh' noch Frieden, — ihr werdet zerbissen — zerissen. — Hört deshalb meine Worte! kommt zu mir nach diesem Orte; hier werdet ihr Freude haben — und des Friedens Gaben. — Befolgt was ich gersthen an, — ihr segnet mich ganz sicher dann! —Kommst, herauf auf trockene Erde — so leben wir zusammen ohne Beschwerde — ihr werdet da nicht hadern, nicht streiten, — noch euch Kampf bereiten —! Denn bei uns lebt kein Empörer, noch ein Ruhestörer. —- Da gibt's Freuden ohne Schranken, — neu zu beleben die Herzenskranken; auch thun niemand was zu Leide — die Erbbewohner in ihrer Freude — die sie so fröhlich macht — bei Tag und Nacht." ״Wie",sprach ein Fisch, ״auf trockener Erden — sollt uns Friede werden? — Sieh, da wir im ruh'gen Wasser leben, — von unseren Familien umgeben, — stiegen Räuber über uns her, — vertilgen der Unfern immer mehr; — wir müssen vor den Netzen bangen, — vor den Fischern, die uns fangen. — Viele kommen mit Angeln herbei, — und wir stoßen aus einen Schmerzensschrei; o kenntest du unser Reich, — würdest du fürchten uns gleich. —- Und wenn auch du. auf listige Weise — dir jetzt verschafft fette Speise; — so wirst du doch nicht unterliegen, - denn deine Feinde werden dich bekriegen — und es wird dir nicht gelingen, —* sie zu bezwingen. — Wie willst du dennoch uns schlau bethören — und auf der Erde Frieden schwören? — Wahrlich, dem Vogel m der Luft, *— dem Fische in der Wassergruft — /und dem Thiere auf dem Feld — wird lauernd nachgestellt; — selbst Menschen fühlen Kampfes Leid — hervorgerufen durch ihren Neid, Ueber dem Hohen ist gibt's noch ein höherer Hüter — und über ihnen gibt's noch einen Gebieter?) Das Gleichnis will vor Nathgebern warnen, — die durch süße Worte umgarnen; — denn der Heuchler Heerde — gleicht dem Staub?) der Erde. — sowie ihr Mund — dem frechen Hund. — Drum soll jeder auf die Falle achten — der Weise hat Augen zu betrachten?) ') Koheleth 5. 7. ב) Im Texte steht bier es ist jedoch augenscheinlich vom Copisten oder Setzer für בע^ף gewyt worden : {) Koheleth & 14. . . : ׳״