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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-08-01 · Heft 20 (1.8.1892) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 20 (1.8.1892)
Date
1892-08-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 Gesterreichisch-ungarische (Lantoren-Zeitung. Seite 5. R. Gamliel in den Alltagskleidern, mit dem Stab, der Reisetatche und dem Geldbeutel in der Hand. Tief gerührt über einen solchen, von einem hohen Grade von Selbstverleugnung zeugenden Gehorsam konnte R. Gamliel nicht umhin ihn zu umarmen und auszurufen: Herzlich willkommen mein Lehrer und Schüler, mein Lehrer an Weisheit, mein Schüler an Gehorsam (ibid). Trotz dieser Versöhnung gerieth R. Gamliel denn doch gar bald mit R. Josua in einen heftigen Streit, wobei R. Gamliel sich vom Zorn so weit Hinreißen ließ, dass er dem R. Josua, einem allgemein verehrten Lehrer, zurief: ״Stehe auf, dass Zeugen wider Dich aussagen mögen", das hieß soviel, als ihn auf die Anklagebank versetzen. Er ließ ihn stehen und setzte seinen Vortrag fort. Diese Verfahrungsweise des Patriarchen N. Gamliel wirkte auf die Anwesenden höchst deprimirend. Sie sahen sich daher veranlasst, den Nassi seines Amtes zu entheben und auszurusen: ״Wie lange noch soll man Deute Härte empfinden". N. Elieser b. Azaria wurde jetzt zum Nachfolger R. Gamliels ernannt. Wie benahm sich aber R. Gamliel gegen denselben? War er bemüht, wie dies bei den großen Diplomaten unserer Zeit oft der Fall zu sein Pflegt, seinem Nachfolger das Negieren soviel als möglich zu erschweren? Nichts von Alledem. Gerade am Tage, da R. Elieser in sein Anit eingesetzt wurde, gab R. Gamliel sprechende Beweise seiner großen Bescheidenheit und Uneigennützigkeit dadurch, dass er sich bei den Vorträgen des neuen Nassi pünktlich eingefunden, den Beschlüssen der Mehrheit, seinen früheren Principien gemäß, Anerkennung gezollt und unter keiner Bedingung es duldete, dass die Autorität des Patriarchen erschüttert werde. Nun, jetzt erst gewann das Volk die Ueberzeugungdass N. Gamliel, als er die Nassiwürde bekleidete, seine Härte nicht etwa deshalb gebrauchte, um seinen Ehrgeiz und seine Herrschsucht zu befriedigen, sondern einzig und allein, um die Würde des wichtigsten religiösen Amtes im Interesse der Religion zu schützen. Die Folge dieser gewonnen Ueberzeugung war, dass R. Gamliel wieder in sein früheres Amt höchst ehrenvoll eingesetzt wurde, das er bis an sein Lebensende in ungestörter Ruhe bekleidete. Diese Rehabilitation gereichte - sowohl dem Patriarchen als dem Volke zur Ehre; sie bewies, dass das Volk intelligent genug war, um die echte Wissenschaft, wie die wahren Träger derselben würdigen zu können. Moses sehnlichster Wunsch war, dass das von ihm großgezogene Volk Israel stets auf einer hohen Stufe der Cultur und Bildung stehe, um einerseits die Religion, die Wissenschaft und die Träger desselben würdigen und andererseits den Völkern der Erde imponiren zu können. Er ries daher Israel zu: ״Siehe, ich habe Euch gelehrt Gesetze und Rechte wie der Ewige mein Gott mir befohlen, d. h. mit anderen Worten, was ich Euch gelehrt, ist kein Product meines, sondern des göttlichen Geistes, uscrbsmartem beherziget daher diese Lehren, achtet und schätzet die Religion, wie die Lehrer derselben, weil nur durch die Werthschätzung und Verehrung der religiösen Wissen׳ schäften und Förderung derselben Ihr im Stande sein werdet, den Völkern der Erde die Achtung abzugewinnen. Sie werden dann ausrufen: rak am chocbom wenowaun hagauj hagodaul base. ״Wahrlich, diese große Nation ist nur weise intelligent und verständig", weil nur von der Cultur beleckte Menschen die echte Wissenschaft zu würdigen verstehen. Urber die Fadel dei de« Juden nebst einigen Uebersetzungen der NLsebls Schualim, Fabeln der Füchse, des Rabbi Berachja bar Natrony Hanakdan. Von A. Stein, Taus. (Fortsetzung.) Die Uebersetzung ist, wie das Original, das 107 Meschalim enthält, in gereimter Prosa abgesasst und gibt die Schlussverse, die sich nur bei 39 Fabeln vorfinden, ebenfalls in geeigneten Versen wieder. Den von Barachja seiner Fabelsammlung!erth eilten Titel ״Mischle Schualim" motiviert derselbe am Ende des Buches durch die List des Fuchses, der in den Fabeln die bedeutendste Rolle spielt. Wir glauben aber, dass ihm bei der Wahl des Namens wohl auch die Mischle Schualim des N. Meir vorgeschwebt haben. Angemerkt muß noch werden, dass die Sammlung nicht nur Fabeln enthält, welche in dem Buche der Marie de France zu lesen sind, sondern auch andere, theils von R. Berachjas eigener Ersindung und theils solche, deren Stofs er aus dem Talmud, oder vielleicht auch aus anderen Büchern geschöpft hat. Von den 2 Vorwörtern, welche Berachja an die Spitze seiner Fabeln gestellt, finde hier das kürzere Platz und folgen 4 Fabeln desselben, von denen nur die erste in den Fabelsammlungen des Auch die alte Kirchenmusik hat Werke.'für die Ewigkeit geschaffen, besaß Componisten, die bedeutender waren, als Sulzer, und doch gibt es einen Musiker, der behaupten wollte, es dürfe z. B. nur im Palestrina-Styl geschrieben, oder, weil Pergolese sein ״stabab matsr" im Quartett begleiten lässt, nur auf solche Weise componirt werden. Ebensowenig wird Jemand als Grundsatz ausstellen: Weil die alten Meister der römischen, niederländischen und neapolitanischen Schule ohne Orgelsatz — dem Verhältniße entsprechend — schrieben, habe die Orgel nichts in der Kirche zu suchen. Umsoweniger darf über die Tempelmusik unserer Zeit apodiktisch geuttheilt werden, da diese so ziemlich unentwickelt ist und ihre Vervollkommnung einer ferneren Zukunft anheimgestellt ist. Die jüdische Tempelmusik als K u n st w e r k ist arm. Was zählen ein paar Namen — Sulzer, Lewandowsky, Weintraub, Naumburg? Und wenn im Stillen auch ein ״Rubin" in vollster Pracht erglüht: er ist zu isolirt, um sein Licht der Menge erstrahlen zu lassen. ״Was den Fortschritt hindert, hat mir mein ״Obercantor" drastisch illüstrirt. In einer Kirche nämlich darf nur ein Musiker Musik machen, und dieser strebt nach Fortbildung. Der Cantor aber, nach dem Ideale seines Referenten, der seine Orgel in der Kehle hat: wozu denn der unütze Ballast des musikalischen Wissens? Er improvisirt ä la Joel Dowid, bezieht ein schönes Gehalt und lässt sich ״Herr Obercantor" tituliren!" ״Der Verfasser spricht die Befürchtung aus, dass nach Einsührung der Orgel es uns so ergehen könnte, wie unseren chrisilichen Collegen, welche nach dem Auskommen der Orgel aufgehört haben zu extstiren. ״Es ist mir zwar nicht klar, welche die ״christlichen College!!" des jüdischen Cantors sein sollen. Ebensowenig verstehe ich, wer in der Kirche von seinem Platze verdrängt worden wäre. Wohl hat sich die Geistlichkeit gegen die ״Neuerung" gesträubt, wenn auch erfolglos. Aber seit Einführung der Messe, also seit dem 6. Fahrhundert, haben Person und Sache in der Kirche ihren bestimmten Platz und Rang. Bitte daher um etwas mehr Deutlichkeit und Klarheit! ״Eines aber verstehe ich: Alle sonstigen Einwürfe gegen die Berechtigung der Orgel sind werthlos und im obigen Satze hat der Verfasser Farbe bekannt. Er fürchtet die Rivalität der Orgel! Deshalb mussten zuerst der Orgel alle Untugenden angedichtet werden, um schließlich, wenn auch umschrieben, einzugestehen: ״Ich und meinesgleichen sind nicht in der Lage, neben der Orgel zu existiren!" Also fort mit ihr! Der Orthodoxismus wird ihr fürwahr — aber wohin gerathe ich? (Schluss folgt.)

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