Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 20 (1.8.1892)
- Date
- 1892-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitunz. Nr. 20. Seite 4. Achtung haben, die sich selbst nicht achtet. Eine wahre Selbst- Verachtung und Selbstverleugnung ist es, Andersgläubige in dem Wahne zu bestärken, dass in unseren Cultusgemeinden, wo eben keine Hierarchie Platz greifen kann, eine Anarchie herrschen müsse, dass jeder Laie bei uns berufen und berechtigt sei, in religiösen, ' theologischen Dingen das große Wort zu führen, selbst wenn er allen theologischen und rabbinischen Wissens bar ist) dass jede Gemeinde sich ihren Seelsorger nicht nur selbst wählen, sondern auch zuweilen — wenn sie eben keinen ihrem Geschmacks entsprechenden findet selbst schaffen oder richtiger ״machen" kann.. — Schon vor ungefähr drei Decennien hat einer unserer berühmtesten Lehrer und. Redner in einem Vortrage ausgerufen: ״Israeliten! Gin ChiTu.1 La sttiem, eine Entwürdigung des Judenthums ist es, wenn Ihr die Völker und deren Negierungen in der Ansicht bestärket, dass bei Euch Jeder thun dürfe, was ihm beliebt, dass bei Euch Jeder berufen und berechtigt sei, in religiösen Angelegenheiten mitzureden, mitzurathen, mitzustimmen. Wohl trennt keine Scheidewand Priester von Laien in Israels Gemeinden u. s. w. allein seit der Zerstörung des Tempels und seit der Zerstreuung Israels anerkennen wir einen andern Unterschied, den Unterschied taLuiäs eLachomim und ame hoorez, zwischen gelehrten, fach- und sachkundigen Männern und unwissenden, wenn auch vornehmen Leuten, welche Letztere nimmermehr eine entscheidende Stimme haben dürfen bei religiösen, den Kern und das Wesen, die Entwickelung und die Zukunft des Judenthums betreffenden Beschlüssen, Einrichtungen und Fortbildungen. Wer mit Sicherheit im Leben einhergehen will, dem genügen nicht blos Beine, der muß Such Augen haben. Wer aber sind die Augen, die wachenden, prüfenden, in die Feme schauenden Augen der Gemeinden? Die Männer des Geldes, oder die Männer der Thora? Die Häupter des Handels^ oder die Lehrer des Judenthums? Die Spitzen der Industrie, oder die Führer Israels? Mt einem Eifer, der einer besseren Sache werth wäre, wäre, wird in dm großen israelitischen Gemeinden, unter dem Vorwände keine jüdische Priesterherrschaft aufkommen zu lassen, in der Thataber, um die eigene Herrschaft zu befriedigen, das Ansehen den Einfluss und die Autorität der Lehrer in Israel unterwühlt und untergrabm! (Vgl. Dr. Jellineks Predigten.) ״I« der schöne«, Me« M«ir«kacht." Eine wahrhafte und erbauliche Geistergeschichte. Von Ernst Rübenstein.*) (Fortsetzung statt Schluss). ״Es heißt vorher, dass selbst in der Kirche, bei geschulten, großen Chören die Orgel schweigen muß." ״Das stimmt, und wo diese letztgenannte Bedingung beim jüdischm Gottesdienst erfüllt werden kann, hat auch da, wo keine obligate Orgelbegleituug vorgeschrieben ist, die Orgel zu schweigen. Damit ist aber die Orgel nicht a priori ausgeschlossen. Und so wie auf Tausende von Einwohnern erst ein Millionär zu zählen kommt, so gibt es auch wiedemm Gemeinden, die zwar den Chorgesang wünschen, jedoch nur wenige derselben sind in der Lage, einen Chor im Sinne des Herrn Verfassers beizustellen. ״Und welcher Vortheil soll eigentlich, besonders bei schwachen Chorstimmm, daraus erstehen, dass man die Sänger der Stütze beim Gesänge beraubm will? ״Ergo: ein schwacher Chor befindet sich bei der Orgel ganz wohl und in einer großen Synagoge muß ja auch nicht allein & {■apella gesungen werden. Soll die Orgel nicht durchwegs begleitend Auftreten einverstanden, wenn der Chor tüchtig genug Ja, sobald die Autorität der Lehrer in Israel untergraben wird, droht dem Judenthum Gefahr, in seinen Grundfesten erschüttert zu werden, daher kam es, dass unsere Weisen trotz ihrer großen Bescheidenheit den Bekennern des Judenthums stets eingeschärft haben, die Autorität der Lehrer und Vorgesetzten hochzuhalten und zu schätzen. Als Nabbi Jehuda ha Nassi vor seinem Scheiden von hinnen die Nassi-Würde seinem Sohne Gamliel III. übertrug, rief ec ihm zu: neliog nesiafceba berama, mein Sohn halte die Würde Deines Amtes hoch, suche dem Volke zu imponiren, damit die Autorität Deines Amtes nicht tlnterwühlt werde. Von R. Gamliel II. wird erzählt, dass er, als er zum Nassi ernannt wurde, jede Auflehnung gegen seine Beschlüsse mit dem Banne bestraft hatte. Als er einst, nach Aussage zweier Zeugen, die von jedem Verdachte nicht frei zu sprechen waren, den Kalender geordnet, die hohen Feier- und Festtage sowohl als den Versöhnungstag festgesetzt hatte, fand 3t. Josua b. Chananja diese Anordnungen für unrichtig und nahm auch keinen Augenblick Anstand, den Patriarchen seines Jrrthums zu überzeugen, worin ihm auch Chanina b. Dosa, ein allgemein hochgeachteter Lehrer, vollkommen beipflichtete. 9k. Gamliel aber, der schon im Interesse seines hochwichtigen Amtes, das er bekleidete, durchaus nicht als fehlbar erscheinen wollte, ertheilte dem R. Josua b. Chananja den Befehl, an jenem Tage, den er, (B. Chananja nämlich) nach seiner Berechnung für den eigentlichen Versöhnnngstag hielt, vor ihm in den Altagskleidern, mit Stab, Reisetasche und Geldbeutel zu erscheinen. R. Josua, über eine solche ihn tief ver-, letzende Zumuthung höchst entrüstet, war Anfangs umsoweniger entschlossen dem Verlangen des Patriarchen zu entsprechen,- als er durchaus nicht geneigt war, sich eine derartige Demüthigung gefallen zu lassen. Allein B. Dosa, mit dem er zuvörderst hierüber Rücksprache gepflogen, neth ihm, sich gegen den Patriarchen ja nicht aufzulehnen, sondern vielmehr ihm Folge zu leisten, selbst wenn seine Anordnugen auf Jrrthum beruhen, weil sonst die Moralische Existenz der höchsten religiösen Behörde in Frage gestellt werden könnte. ״Die Autorität des ״Nassi" müsse unter allen Umständen gewahrt werden." (Noss-b. Lasob. II. 8, 9.) Mit einer Resignation und Unterwürfigkeit sondergleichen erschien R. Josua an dem Tage, den er nach seiner festen Ueberzeugung für den eigentlichen Versöhnungstag hielt, vor ist. Aber nur nicht ins Extrem Umschlägen, und das Kind mit dem Bade ausschütten! ״Es heißt aber, wir mögen uns an die Sulzerische Compositionsweise halten und diese sei für uns der richtige Weg." ״Halt!" rief das Harmonium, ״da habe ich auch mitzusprechen. Ich hatte genügend Gelegenheit, in die Sulzerischen Gesänge zu gucken und in denselben nichts gefunden, was keine Orgelbegleitung vertrüge. Int 80״Lir Zijon II.“, wo der Sage nach der Sohn Sulzers gefeilt haben soll — relata refero — hat ja die obligate Orgel Sitz und Stimme. Wäre Sulzer principiell gegen die Einführung der Orgel gewesen, so hätte er sie nicht derart protegiren können. Auch die Gesänge aus dem ״Schir Zvjon I“ können die Chore der Landsynagogen ohne Begleitung nur mangelhaft vortragen. ״Bei dieser Gelegenheit", fuhr das Harmonium fort, ״will ich mir ein Häufchen Groll, das schon lange mein Innerstes belastet, vom Herzen reden: Ihr Juden könnt den Götzendienst ebensowenig lassen, als Euere Vorfahren. Der Götze der heutigen Juden ist Sulzer. Der Mann hat unbestritten die größten Verdienste um den Synagogengesang dadurch erworben, dass er eigentlich -der Schöpfer des geregelten Chorgesanges in der Synagoge genannt werden muß. Dass mir aber seine Compositionswese derart imponirt hätte, un( — wie fein Blatt sagt — dieselben weiter zu verfolgen, kann sch nicht behaupten. Die Musik geht ihren Entwickelungsgang.