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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-08-01 · Heft 20 (1.8.1892) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 20 (1.8.1892)
Date
1892-08-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Gesterreichisch-ungarische (Lantoren-Zeitung. Seite 3. risch und harmonisch so einfach als möglich sein, alle gewaltsamen Wendungen vermeiden, damit das Ohr der Gemeinde nicht von der Melodie abgelmkt und der Andacht dadurch ein Hemmschuh angelegt werde, sonst verfällt der liturgische Gesang in Mißcredit, wird langweilig, weil die Seele nichts dabei empfindet, noch denkt. Ein gut geübter Gesang wirkt mächtig und kräftig auf das Gemüth, doch hüte man sich, durch trivialen und sentimentalen Gesang, durch Schnörkel und Coloraturen den Tempelgesang zu verunzieren. Solche Kunstückchen lasse man hübsch draußen, sonst geht die Andacht sicher verloren, denn der Ohrenschmaus hält nicht lange an. Am Meisten aber wird der Chasan mit der Zeit darunter zu leiden haben, denn der fromme Israelit geht nicht in die Synagoge, um blos die Gesangproductionen des Cantorö und Chores still mit anzuhören, sondem er will dabei mit thätig sein und im stillen Gebete ohne jegliche Ablenkung seinem Herzen und seinen Empfindüngen Luft verschaffen. Das Zeitrad lässt sich nicht hemmen und die Veredlung unseres Cultus ist eine brennende Frage in den besseren jüdischen Zeitschriften geworden. Bei einer vollständigen Betheiligung an allen liturgischen Gesängen von Seiten der Gemeinde, sei es mit oder ohne Orgelbegleitung, bekömmt der ganze Gottesdienst mehr Geltung, mehr Interesse und zeitgemäßeren Charakter. Die Erfahrung hat gelehrt, dass viele Vorbeter durch permanentes, stereotypes Um ändern des feststehenden Chasonus nicht blos :ganz eigenthümliche Abweichungen von der ursprünglichen Melodie aufdrängten, sondem dadurch sogenannte ״Stückchen" schufen, welche, trotzdem sie nur ihrer Phantasie enstammten, von den betreffenden Gemeinden als Mmi Sinai“ beibehalten und fortgepflanzt wurden. Hieraus ist der Ursprung vieler Melodienvarianten zu erklären, ein Uebel von furchtbarer Tragweite, so dass weder der Musikhistoriker noch mitunter die Nachbargemeinde die Einheit des Chasonus zu finden und zu erreichen vermag. Die Tempelgesänge dürften auch niemals zweistimmig gesungen werden, es verbietet dies die Würde des geistlichen Gesanges; entweder einstimmig als Gemeindegesang, oder mindestens dreistimmig, wenn ein Quartett nicht aufgebracht werden kann. Alle anerkannten Musiktheoretiker haben es längst constatirt, dass geistliche Gesänge wenigstens dreistimmig erklingen müssen, wenn dieselben harmonisirt werden. In erster Linie muß die Gemeinde der ״Unmündigen", aus deren Munde sich schon der Herr -sein Lob bereitet, von den Cantoren in der Schule dazu angehalten werden, ihre Tempelgesänge richtig, sicher und fertig singen zu können. Auf diese Weise werden die Kinder vom Anfang bis zum Ende der Schulzeit gewöhnt, die Gesänge richtig zu erfassen, 'um. dieselben bei dem Gottesienst verwenden zu können. Um jedoch dieses hohe Ziel zu erreichen, müssen die Eltern und die Vorstände für diese heilige Angelegenheit selbst thätig sein, d. h. die Jugend dazu anhalten und den liturgischen Gesang als einen Lehrgegenstand in den Lehrplan aufnehmen, dann wird Großvater und Enkel wieder in einem Sinne und in einem Geiste gemeinsam für die Verherrlichung des Gottesdienstes wirken und thätig sein, wie ehedem. Der mächtigste Hebel der Religion. Eine Schrifterklärung. Von Dr. M. H. Friedländer. In seinen vorzüglichen, von göttlichem Geiste erfüllten Reden, die der große unsterbliche Lehrer Moses vor seinem Scheiden an das von ihm großgezogene Israel gehalten, hat er es nicht unterlassen, auch die am Sinai verkündeten zehn Gebote zu wiederholen und sie mit folgenden Worten einzuleiten: Reell limadefci es’chem clrakim umisehpotim kaascher ziwani Adonai elohailaasos ken bekerew boorez ascher atem boim schomo leriscbto. ״Siehe! Ich habe Euch Gesetze und Rechte gelehrt, wie der Ewige mein Gott mir befohlen, dass Ihr sie ausübt in dem Lande, dahin Ihr kommt, es in Besitz zu nehmen. Behaltet sie wohl und übet sie aus, denn dieses wird Eure Weisheit und Vernunft sein bei den Völkern." Das heißt mit anderen Worten: Durch die Lehr- und Vorschriften dieser Thora werdet Ihr imstande sein, den Völkern der Erde zu imponiren, ihnen die Achtung abzugewinnen. Welch' eine Welt von Gedanken liegt in diesen Motten! Hier hat Moses gleichsam seinem Volke gezeigt die Wege, die es einzuschlagen, die Winke, die es zu beachten, die Lehren, die es zu befolgen, und die Vorschriften, die es zu beherzigen habe, um sich seiner hohen Aufgabe als Träger der erhabensten Idee, der Gottesidee, auf die glänzendste Weise entledigen zu können. Dies näher zu beweisen, soll die Aufgabe folgender Betrachtung sein. Der mächtigste Hebel der Religion ist unstreittg die Achtung vor derselben; die Werthschätzung und Verehrung der Träger der Gotteslehre, die Werthschätzung und Verehrung der Vettreter des Cultus, der Förderer der Cultusanstalten und Institutionen. Elohim lau sekalel wenosi beamecho lau soaur. ״Ein göttliches Wesen sollst Du nicht geringschätzen und den Fürsten Deines Volkes nicht missachten;" d. h. wie unsere Weisen es erklären, man darf weder die Lehrer, noch die Vettreter des Volkes geringschätzig behandeln, diese wie jene müssen um ihres heiligen Amtes willen,. das sie bekleiden, geachtet, gewürdigt, verehrt und gefeiert werden, wenn das religiöse Leben inmitten der Gemeinde Jeschuwuns sich der schönsten Blürhe erfreuen soll. Ez chajim hi lemachasikim bo wesomcheho meuschor ruft der königliche Psalmist aus. Ein Baum des Lebens, des gesunden, kräftigen Lebens ist die Thora für die, die ihre Lehren verbreiten, und diejenigen, die die religiösen Anstalten und Institutionen kräftigst unterstützen, werden glückselig. Und in der That lehrt die Geschichte, dass in jenen Zeiten, wo das Wort Kowaud hatora, Verherrlichung der Thora, keine leere Phrase war, wo man in allen Gemeinden Israels für die Verbreitung der Kenntnis der Thora die größten Opfer bereitwilligst gebracht, wo das religiöse Oberhaupt Rabbi, d. h. Meister und Lehrer, genannt mtb als Träger der Gotteslehre, als Verkünder des göttlichen Wottes, als Förderer der Neligiosität und Humanitär verehrt und betrachtet wurde, wo man sich gern seinen Anordnungen fügte und seinen Vorträgen mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschte; in Zeiten, wo die Vertreter der Gemeinde als die ersten Würdenträger, als die Säulen und Stützen daselbst angesehen und ver ehrt wurden, das religiöse Leben in Israel sich der schönsten Blüthe und Prosperität erfreute und keine Macht der Welt im Stande war, dieses kleine, den Stürmen der Jahrtausende trotzende Völkchen zu erschüttern; während in Zeiten, wo die Kenntnis der Thora aus Israel geschwunden, die Träger derselben nicht im Entferntesten beachtet, das religiöse Oberhaupt nicht als Nabbi, als Lehrer und Meister, sondern, wie der vulgäre Ausdruck in den kleinen Dorfgemeinden unseres engeren Vaterlandes lautet, als ״Nebbe" d. h. als untergeordneter, besoldeter hebräischer Elementarlehrer betrachtet, und die Vorsteher nicht als Würden-, sondern als Bürdenträger angesehen .wurden, dem Judenthum Gefahr drohte in seinen Grundfesten erschüttert, dem Hohn und der Verachtung der Außenwelt pmsgegeben zu werden, denn wie kann inan vor einer Confessiott

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