Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 19 (15.7.1892)
- Date
- 1892-07-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. alle diese Handluugm zu verrichten, und dass ich sie nicht aus eigenem Herzenstriebe, wie Korach und seine Gesinnungsgenossen es zu behaupten sich erkühnen, gethan habe; wenn diese Leute hier wie. andere Menschen sterben und das Verhängnis aller Menschen über sie verhängt ist, so hat mich Gott nicht gesandt; wenn aber der Ewige etwas Neues hervorbringt, dass nämlich die Erde, die sie allein abgöttisch verehren, sich gegen sie empören und sie völlig vernichten wird, dann sollt ihr wissen, dass diese Leute den Ewigen erzürnt haben, dass ihr ganzes Streben dahin gerichtet war, die Gottheit zu leugnen, Irrlehren zu verbreiten und das ganze, schöne, herrliche' Religionsgebäude in seinen Grundfesten zu erschüttern." Kleine Chronik. Wie«. Sonntag den 10. Juli fand im israelitischen Tempel des XVI. Bezirkes (Ottakring) die Trauung des Fräulein Jda Nowak mit dem k. u. k. Militär-Rechnungsofficial Hern Emanuel Sternschein statt. Die Braut ist die Tochter des im Bezirke allgemein beliebten Vorstehers Moritz Nowak und war darum auch die Zahl der Gäste eine ungemein große. Dm Trauungsact vollzogen Rabbiner Dr. Deutsch und Qbercantor Schlesinger. BrÜN«. Das Curatorium des jüdischm Landesmassafondes versmdet an die einzelnm Gemeinden einm Entwurf eines Gemeindestatutes. Mit Vergnügen constatiren wir, dass in demselbm auch die Stellung des Cantors als Religionsdiener in dem Sinne präcisirt ist, wie die seinerzeitige Eingabe des österr.-ungar. Cantorm-Vereines an . die hohen Ministerien und an die P. T. Cultusgemeinden es angestrebt hat. (Die Wiedergabe und ausführliche Besprechung des uns vorliegmdm Entwurfes behältmwiruns für die nächste Nummer vor.) Lnndenbnrg. (Orig.-Corr.) Ein seltenes Beispiel von Lehrer- und Schulfreundlichkeit hat die politische Jsraelitengemeinde Lundmburg gegeben. Der Ausschuß derselben hat in seiner am 26. Juni l. I. abgehaltenen Sitzung über Antrag des Ausschuß- Mitgliedes und Obmannes, des Ortsschulrathes Herrn Jonas Gold, einstimmig beschlossen, den an der dortigen Schule wirkendm Herrm, Oberlehrer Eduard Goldschmied und Lehrer Josef Bauer, aus Anlass ihrer, vollmdeten 25jährigen ersprießlichm Lehramtsthätigkeit das Ehrenbürgerrecht der Gemeinde zu verleihen und zugleich bestimmt, dass die Kosten der auszufertigenden Diplome von den Ausschußmitgliedern bestritten werden. Holleschau. Dieisraelitische Cultusgemeinde zu Holleschau hat. beschlossm, einm neum Tempel zu erbaum. Der Bau, mit dem schon im nächsten Frühjahre begonnen werden wird, wird nach dem von dem Architekten H. S. Gärtner in Wim eingereichten Projecte zur Ausführung gelangm. Die Herren Brüder Skrainka in Holleschau haben zu diesem Unternehmen 6000 st. ö. W. gewidmet. Prag. Das patriotische Werk ״Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild" gilt als ein heiliges Vermächtnis seines Schöpfers, des verewigten Kronprinzen Rudolf, dessen freisinniger Geist jedem Religions- und Nationalitätenhasse abhold war. Ob jedoch die jetzige Leitung nach seinen Jntmtionen verfährt, kann fraglich erscheinen, ja man muß sogar annehmen, dass sie sich im offenen Gegensätze zu seinen liberalen Anschauungen befindet, wenn man erfährt, dass sie mit der Bearbeitung der Geschichte der Juden in. Böhmm dm Freiherrn Jos. Alex, von Helfert betraut hat, einen Mann, der aus seinen Antchathim gegm das Judenthum niemals einm Hehl gemacht hat. Dieser schreibt im 7. Jahrgang seines ״Oesterreich. Jahrbuches" in dem Capitel: Die confess. Frage in Oesterreich 1848 wörtlich Folgendes) ״Allein anderseits war es zu wundern, wenn die dm Juden in der Neichshauptstadt anfänglich günstige Stimmung allmählich in das Gegmtheil umschlug, wenn ihr unziemliches Herzudrängm Md Hervordrängen Stimmen der Mißbilligung hervorrief? Dabei blieb es nicht, denn bald giengen die Judm von Vertheidigung zum Angriff über, zu Ausfällen gegen das Ehristmthum, gegm die katholische Kirche und deren Institutionen, Ausfällen der frechsten, unverschämtesten Weise. Musste das nicht Nr. 19. empören? Die Juden sagten: ״Gebt uns frei: Drückt, verfolgt uns nicht um die Neligionsverschiedenheit willen! Achtet unseren Glauben, unsere Meinungen, Sitten und Gebräuche!" Sie selbst aber waren weit entfernt, der ungeheueren christlichen Mehrheit gegenüber, in deren Mitte sie weilten, das Gleiche zu thun. Sie höhnten und, verspotteten, sie verdächtigten und verunglimpften alles, was christlich, namentlich was katholisch war, sie besudelten es mit all' dem Geifer und Hass, dessen ihre Race fähig ist." Troppo«, 11. Juli. Am Samstag, den 9. d. M. fand im hiesigen israelitischen Tempel eine Feierlichkeit statt, an welcher der gesammte Vorstand, sowie eine Anzahl Gemeindemitglieder theilnahmen. Es galt dies nämlich dem zweiten Vorsteher der hiesigen Cultusgemeinde, dem Fabrikanten Herrn Siegmund Spitzer, der seine silberne Hochzeit feierte. Da dieser Tag auf einen Samstag fiel, so beschloss der Vorstand, den allgemein geachteten und verehrten Vorsteher, der sich viele Verdienste um die hiesige Cultusgemeinde erworben, durch eine beim Mussaf-Gottesdienste einzuschaltende festliche Veranstaltung zu ehren. Die Feierlichkeit wurde durch einen schwungvoll vorgetragenen Chor: ״Segne Allmächtiger", unter der Leitung des Herrn Qbercantor Singermann eingeleitet, worauf der Herr Rabbiner Dr. Blüh eine Ansprache an das Jubelpaar hielt. Der Schluss-Chor: ״Danket dem Herrn", in welchem Herr Qbercantor Singermann ein eindrucksvolles Bariton-Solo sang, beendigte die würdige und schöne Feier. Eger. Am 9. Juni fand der feierliche Act der Grundsteinlegung auf dem Fundamente der hiesigen neuen Synagoge statt. Hieran nahmen theil der gesammte Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde'und eine weitere Anzahl von Mitgliedern derselben, sowie auch das lögliedrige Baucomits mit dem Baumeister u. A. Die rituellen Zeremonien und Gebete verrichtete der - Obercalltor und Neligionsweiser, Herr Samuel Popper, unter Assistenz des Herrn Cantors A. Lederer. Sodann nahm der Tempelvorsteher Herr: Moritz Beck die Verlesung der Widmungsurkunde vor, und der Vorsteher der Gemeinde Herr Max Gottlleb hielt eine der Feier angemessene Ansprache an die Versammlung, worauf die Einlegung der Kapsel durch den Senior des Baucomits'ö, Herrn Leopold Kohner, erfolgte und alle' Anwesenden die üblichen Hammerschläge auf -den Grundstein führten. Bndapest. In Steinumanger, wo fast täglich bei den verschiedenen Erdarbeiten römische Gräber aufgedeckt werden, wurde jüngst in einem solchen eine altjüdische Münze gefunden. Dieselbe war merkwürdigerweise als Obolus (Fahrpreis für die Ueberfahrt über den Unterweltfluß Styx) verwendet worden. Sie ist mehr oval als kreisrund, mit kreisrunder Nandeinfassung und zeigt auf der einen Seite eine Palme sowie einige althebräische Schriftzeichen, auf der Kehrseite dieselbe Randeinfassung und Spuren einer Umschrift, die ein zackiges Blatt umrahmt. Die Münze stammt aus der Epoche der makkabäischen Freiheitskriege und zwar aus der Zeit des Hohepriesters Simon. Stuttgart. Wie weit die antisemitische Verhetzung -schongediehen ist, beweist ein vom ״Beobachter" mitgetheilter Vorfall im Stadtgarten und Residenz-Cafs. Ein zur Neserveübung eingezogener Reserveoffizier unterhielt sich letzten Samstag im,Stadtgarten mit einem israelitischen Schulkameraden. Da machte ein Berliner Herr/ der sich später selbst als Reserveoffizier bei einetn Berliner Regiment vorstellte, die laute Bemerkung, es sei eine Schmach fürs Vaterland, dass ein Offizier sich mit einem Juden an einen und denselben Tisch, setze; diesem Offizier gehöre der Degen abgenommen und.. stückweise ins Gesicht geschleudert, die Uniform ausgezogen 2c. Am Pfingstmontag fing derselbe ״Berliner Reserveoffizier" seinen Radau im Residenz-Cafe an, kam dabei aber, als ertrotz aller Vorstellungen nicht ruhig werden wollte, schlecht weg. Ein Jude titulirte ihn per ״Lausbuben", ein anderer packte ihn am Kragen, prügelte ihn. ordentlich durch, und am Schlüsse wurde der Berliner Reserveoffiziergleich dem Gast aus Nubierland vor die Thüre geworfen. Ob er trotzdem seinen Degen bebält, wissen wir natürlich nicht; aber das wird der Berliner Herr eingesehen haben, dass gemeine antisemitische Hetzereien in Stuttgart, auch bei solchen, die keine Freunde der ״Semiten" sind, verabscheut werden. Gestexreichisch-untzärische Lantoren-Zeitung.