Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 19 (15.7.1892)
- Date
- 1892-07-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 letzter Linie auch die religiösen' Schattenseiten der Speisegesetze eindringlich zu betonen. Unsere Gemeinden wären in ihrem Wohlthätigkeitswesen viel besser daran, wenn sie nicht mit diesem Störenfried zu rechnen hätten. Die koschere Küche schafft Absonderlichkeiten nnd Absonderungen da, wo. sie nicht hingehören, wo Vereinigung und Einigkeit wünschenswerth wäre. Darum ist es unrichtig, wenn man die Speisegesetze von dem Wunschzettel der Reformbestrebung verbannte, weil sie Privatsache, Sache der Einzelnen seien. Sie sind Anliegen der Gesammtheit, denn Einer richtet sich nach dem Anderen und die Abhängigsten von Allen, die Beamten, die Armen, können allein nicht Vorgehen, wenn sie nicht die Stütze der öffentlichen Meinung zur Seite haben. Diese muß energisch ihr ceterum censeo rufen: Hinweg mit den Speisegesetzen. Nicht länger soll der Jude den modernen Tantalus darstellen, umringt von den erlaubten Genüssen des Lebens zu darben, zu fasten, zu entsagen, nicht kraft freien Willens, sondern unter dem Drucke eines v e rin eintlichen Gottesgebotes." Weder die Fadel bei den Jade» nebst einigen Uebersetzungen der Mischle Schualim, Fabeln der Füchse, des Rabbi Berachja bar Natrony Hanakdan. Von A. Stein, Taus. (Fortsetzung.) Von Nasch! verschieden erzählt die Fabel zu Hesekiel 18. 2. Hai Gaon, ein gelehrte Rabbi des 10. Jahrhunderts'), der überhaupt eine andere Lesart in der betreffenden Talmudstelle vor Augen gehabt. Diese Lesart hat gelautet: R. Jochanan berichtete, 300 Fabeltl hat R. Meir besessen, und von diesen Allen ist nur eine bis auf uns gekommen, diese aber ist ׳ Die Väter essen saure Trauben und den Kindern werden die Zähne stumpf, oder nach der Angabe Anderer: Richtige Wage ׳). Zu diesem Verse theilt er nun folgende Fabel mit : Zu dem Löwen, der einst den Fuchs verzehren wollte, sprach dieser: Siehe, ich reiche nicht hin, um Deinen Hunger zu stillen, daher will ich Dir einen feisten Menschen zeigen, an dem Du Dich, wenn Du ihn verspeisest,' vollständig zu sättigen vermagst. Der Löwe willigte in den Vorschlag und wurde hierauf vom Fuchse an den Rand einer verdeckten Grube geführt, auf deren entgegensetzter Seite ein Mensch saß,, zu dem man nur über die Grube schreitend gelangen konnte. Als aber der Löwe den Menschen erblickte, sagte er zum Fuchs: Ich fürchte, das Gebet dieses Mannes werde mir Schaden bringen. Sei nicht zaghaft, erwiderte ihm der Fuchs, Deine Sünde soll ja erst an Deinem Sohne oder Deinem Enkel abgetragen werden, bis dahin hät's noch lange Zeit. Da ließ sich der Löwe bethören, sprang auf die Gmbe und siel hinein. Hierauf trat der Fuchs an den Graben hin und schaute auf den Löwen hinab, welcher ihm zurief: Du hast mir ja gesagt, dass nicht mich, sondern meinen Enkel erst die Strafe treffen werde? Ja, antwortete der Fuchs, Dein Groß vater hatte schon eine Sünde begangen und dafür mußt Du nun. büßen. Da, sprach der Löwe: Die Väter essen saure Trauben nnd den Kindern werden die Zähne stumpf. Ei, daran, meinte der Fuchs, hättest Du bald anfangs denken sollen. Doch nicht nur jene verlorene Fabelsammlung des R. M6ir, in deren Beschaffenheit wir eben durch die Mittheilungen Raschis und Hai Gaons einen Einblick erhalten, führte dm Namen ') 969—1038. s) -Schaare tschubab, Leipzig 1858 — Zeichen Jj V Seite 3. ״Mischle Schualim", es eristirt in der jüdischen Litteratur eine andere Fabelsammlung unter gleichem Titel. Es sind dies die Fabeln des Rabbi Berachja bar Natrouaj Hanakdan aus Südfrankreich, der in der Sprache feines Landes ״Crispia" genannt wurde. Stammen, wie es Hitzig vermuthet, in der That Aesops Fabeln aus Palästina, so hat die hebräische Litteratur in Berachjas Sammlung nur einen Schatz zurückerhalten, der ihr im Laufe der Zeit abhanden gekommen war. Denn Berachjas Fuchsfabeln sind ihrer großen Mehrheit nach nichts anderes, als von ihm bearbeitete Fabeln des Aesop, die er freilich nicht unmittelbar aus der griechischen Duelle geschöpft, sondern durch die französische Litteratur des Mittel alters, oder besser, durch die romanische Litteratur kennen gelernt hat. Le ckit oder 1e livre ck'Vsopet, der Spruch oder das Buch des kleinen Aesop, heißt der Eanal, der dem Berachja die meisten Fabeln seiner Sammlung zugeführt hat. Jenes Buch enthält 103 Fabeln und Histörchen, die in der ersten Hälfte des 13. Jahr- Hunderts aus den! Englischen ins Französische übertragen wurden, nachdem sie aus dem Griechischen ins Lateinische und durch den König Heinrich I. oder II. aus dem Lateinischen ins Englische übersetzt worden waren. Die französische Uebersetzung oder vielmehr Bearbeitung ist in einfachem, klarem, ja für jene,Zeit selbst elegantem Stile und in Versen von einer Französin, die am englischen Hofe Heinrichs llk. lebte, abgefasst. Der Name der Verfasserin ist Marie de France, die den Zusatz de France ihrem Namen gab, nicht weil sie dem königlichen Hause Frankreichs angehörte, sondern weil sie in England ihre französische Nationalität betonen wollte. Untemommen hat sie die Uebertragung der Fabeln auf Veranlassung des Grafen Wilhelm Langdegen, des natürlichen Sohnes Heinrichs II. Von allen Beweisen, die dafür sprechen, dass die Fabeln der Marie de France dem Berachja Hanakdan bei der Bearbeitung seiner Fabelsammlung Vorgelegen*), wollen wir nur die folgenden hier anführen: Vor Marie de France waren in Frankreich die äsopischen Fabeln nur in griechischer und lateinischer Sprache zu?Iefen; sie war unter allen Schrifstellem die erste, welche diese Dichtungsart auf dem Gebiete der französischen Litteratur anbaute. Nun schreibt aber Berachja in dem kurzen Vorworte zu seinen Fabeln, dieselben lebten schon in dem Munde Aller und wären bereits in allen Sprachen schriftlich gesammelt. Ist dies ״in allen Sprachen" auch nur Hyperbel und blos auf die Berachja theils nur dem Namen nach bekannten Sprachen zu beziehen, welche schon litterarische Erzeugniße besaßen, so geht doch daraus klar hervor, dass ihm eine Sammlung von Fabeln in seiner Landessprache vor Augen gekommen sein musste. Da sich aber im 13. Jahrhundert außer Marie de France kein anderer französischer Schriftsteller mit Uebertragung der Aesopischen Fabeln beschäftigte, so konnte eben nur ihr: ״Ls livre cl’Ysopet" unserem Berachja als Quelle gedient haben, zumal, da in vielen Fabeln eine genaue Uebereinstimmung;nüschen beiden Schriftstellern zu bemerken ist. Diese Uebereinstimmung hat freilich Carpoly') zu der Aeußerung veranlasst, Marie de France habe aus Berachja geschöpft: erwägt man indess, dass Marie ausdrücklich das Original, das sie benutzt, als ein englisches bezeichnet, so stürzt Herrn Carpoly's Hypothese *) Diese französischensFabeln sind auch die Quelle der CUidofcU iaopeti, gedruckt in Constantinopel 1519 und sonst noch. Für unsere Kehauptung zeugt schon der Name Asopetti, Jsopet mit hebraisirter Endung. Der Verfasser dieser •20 Fabeln i;t ein Provence!?, oder, was noch wahrscheinlicher ist, ein <.vanier. Gesterreichisch-ungarische (Lantorerr-Zeitung.