Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 19 (15.7.1892)
- Date
- 1892-07-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Gesterreichisch-ungarische (Lantoren-Zeitung. Nr. 19. widmen sollten und nicht nur glänzen wollten mit ihren Stimmmitteln, deren Herz vielmehr durchdrungen war von dem, was ihr Mund kündete. Meschorrim la adonaj, heißt es in der heiligen Schrift an der angeführten Stelle — ein Mahn- und Weckruf für die Cantoren der Gegenwart und Zukunft. Sie zogen in den Kampf, wo Gott der Herr allein den Sieg verleiht, den Worten des Psalmistm gemäß: ״Lügnerisch ist das Ross für den Sieg und durch die Menge seines Heeres rettet er sich nicht", ׳und sie stimmten an: ״Danket dem Ewigen und bekennet es, dass ewig währet seine Gnade." Das zehnte Lied endlich, auf das wir leider noch lange warten werden und welches die ganze Welt, ja das ganze, große Erdenrund zu unbesoldeten Cantoren machen wird, wird das große Freiheitslied der Zukunft sein, wie der Psalmist es kündet: ״Singet dem Herrn die ganze Erde". Die Jünger der Akademie zu Kabes, die eine Aeußerung des Rabbi Snadja Gaon mit vollstem Rechte nicht unterschätzen, glauben nun, dass der Psalm mit der Ueberschrist לאיתן!־!אזרחי dem Patriarchen Abraham zugeschrieben werden könnte und Saadjah an diesen Psalm gedacht haben mag. In der That finden wir in zahlreichen Pijjutim — ich erinnere an den Pijjut des Ne'ilahgebetes, wo איתן für Abraham gebraucht wird — statt des Patriarchen-Namens Abraham dessen Attribut איתן- Mir scheint jedoch, dass wir gar nicht so weit gehen müssten, denn die Apocryphen') lassen den Patriarchen Abraham, als er in den Kalkosm geworfen wird, Gott dem Herrn ein Loblieb anstimmen; von diesem Liede mag Saadjah Gaon durch die arabische Umgebung Kenntnis erhalten haben und es, um dem Mer nach seine Anordnung der Lieder zu veranstalten, an erste Stelle gesetzt haben. (Fortsetzung folgt.) Die jüdische« Speifegesetze. Unter dem Titel ״Briefe an einen Freund" plaidirt Herr Emil Lehmann in den ״populär-wissenschaftlichen Monatsblättern" für die Abschaffung der Speisegesetze. Trotzdem wir von unserem conservativen Standpunkte aus die Anschauungen des geehrten Autors nicht billigen könnm, glauben wir dennoch dieselben unserem Leserkreise nicht vorenthalten zu sollen, einerseits weil es sich wirklich um eine so tief ins praktische Leben einschneidende Frage handett, und andererseits weil durch die Veröffentlichung eine Anregung zur Discussion derselben gegeben wird. Herr Lchmann schreibt: ״Du hast Recht, es ist eine unangenehme Lage, in die Euer Rabbiner gerathen ist. Als Ausschussmitglied für die Festfeier zum Jubiläum Eueres Bürgermeisters mit zum Festmahle geladen, schwankt er zwischen entschuldigender Absage oder entsagungsvoller Scheintheilnahme. Beides gleich bedmklich — ein bezeichnendes Bild für die Sackgasse, in die wir mit den Speisegesetzen hineingerathen. Nicht ein Fall — tausend Fälle von schwersten Verlegenheiten, von Unbequemlichkeiten und Unannehmlichkeiten aller Arten bietet das tagtägliche Leben dieser Frömmigkeit vom koscheren Kochtopf. Die klugen Leute sind ja gleich da und schnell fertig mit dem Urtheil: es sei Euerem Rabbiner schon recht, warum habe er sich an dem Feste — Ausschussarbeiten betheiligt. Sie verargen ihm, dass er gleich anderen ״Spitzen", in Gemeinschaft mit dem Superintmdenten, ') Dass der Talmud und Midrasch die Apocryphen gekannt, habe ich in meiner Schrift: ״Ueber das Verhältnis der Kirchenväter zur talmudisch-midraschischen Litteratur" (Berlin 1891) nachzuweisen versucht. dem Gerichtspräsidenten u. s. w. von diesen veranlasst, sich an einer Feier überhaupt betheilige, für dieselbe überhaupt Antheil zeige, die einem hochverehrten Manne gilt, der an der Spitze der Bürgerschaft steht. Freilich, umgekehrt, wenn dieselben ״Spitzen" etwas vomehmen und den Rabbiner ausschlössen — dann wäre es jenen Klugen auch nicht recht. Dann sprächen sie von Ausschließlichkeit, von ״Nischus." Und sieh' Dich um im Alltagsleben, wohin Du blickst, überall findest Du, welch' eine traurige Schranke die Speisegesetze aufrichten. Da ist ein armes Waisenkind. Es fehlt an Unterkommen. -Das städtische Waisenhaus könnte es aufnehmen — ja, sagen die Hüter der Frömmigkeit, das geht nicht, da müsste es ja ״trefe" essen! Eine Kranke soll ins Stadtkrankenhaus kommen — die Pflege ist gut, aber das Essen taugt nichts, denn es ist nicht koscher, und da mag sie lieber daheim ohne Abwartung, aber auch fern von rituell verbotenen Speisen, bleiben. Man will jüdische Mädchen und Frauen zu Krankenpflegerinen ausbilden. Das Bedürfnis ist da, auch die Gelegenheit zu einem ebenso anständigen, ja edlen, wie nützlichen Erwerb günstig. Alles gut — aber die Speisen! Im Krankenhause wird nicht rituell gekocht, und darum will die Jüdin nicht als Pflegerin eintreten. Und wenn sie es auch thun wollte — die und die tonangebeiide Familie würde daran Anstoß nehmen, würde die Trefesesserin unter gewerblichen Bann stellen. Da ist eine an Kindern reich gesegnete Famile. Der Vater ist kein Armer, aber der Broderwerb wird ihm schwer. Aber noch weit schwerer wird ihm die Anschaffung der theuern koscheren Speisen. Das gilt vor Allem von unseren Beamte n. Der Cultusdiener muß, wo jeder Andere nur soll oder will. Wehe ihm, wenn ein Eiferer ihn, seine Frau oder sein Kind bei dem Genuss eines nicht rituell geschächteten Stückes Fleisch überrascht! Und das geht von den kleinsten bis zum höchstgestellten Synagogenbeamten. Sie sind doch auch Menschen, sie reisen ins Bad, zur Erholung. Aengstlich müssen sie darauf achten, dass sie ihren Neiseplan so einrichten, wie sie, nicht am behaglichsten, nicht am genussreichsten, sondern wie sie koscher Unterkommen. Sind das lvürdige Zustände? Sind die Opfer, die Millionen täglich dem rituellen Speisegesetz bringen, des Opfers werth? Ich habe traurige Schilderungen von einem Schiffsarzte gehört über die Leiden der armen russischen Juden auf dem Zwischendeck eines Auswanderer-Schiffes. Sie aßen nicht trefe! Wie lange noch sollen zu den unendlichen Qualen der Feinde von außen sich noch die des eignen Wahnes gesellen! Wenn heute die Begründer und Förderer des Judenthums, die Propheten und die Weisen wieder aufständen, was würden sie sagen zu den Aeußerlichkeiten und zu dem Formelwesen, das mumienhaft sich aus der Cultur vergangener Jahrtausende und entfernter Gegenden erhalten hat, bei Manchen stärker, als der edle Geist des Alterthums! Was sie sagen würden — wir können's in Jesaia Nachlesen! Es mag sein, dass eine große Anzahl unserer Glaubensgenossen in den Speisegesetzen göttliche Anordnungen, weise Vorschriften erblickt, wohlthätige Absperrungsniittel. Es mag sein, dass in guten Verhältnißen lebende, die geflissentlich sich von der Außenwelt zurückziehen, in dem koscheren Essen ihr Labsal, die harmonische Befriedigung religiöser und leiblicher Bedürfniße erblicken. Aber die Unbemittelten, aber die Gebildeten, aber alle die, denen es unverstündlich ist, wie sich die Religion um den Kochtopf kümmern kann — sie können nicht anders, sie müssen laut ihre Stimmen erheben, um die volkswirthschaftlichen, die gesellschaftlichen, die ästhetischen, ja in