Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 18 (1.7.1892)
- Date
- 1892-07-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. Nr. 18 DruMont bauscht den Prozeß Burdeau-Nothschild gar zu einem epochemachenden Ereignis, dem Ausgangspunkt der antisemitischen Aera in Frankreich, auf und ist stolzer auf seine Verurtheilung, als auf das Gnadengesuch, welches alle Geschworenen zu seinen Gunsten unterzeichnet haben sollen. Die Geldstrafe wird ihm nicht geschenkt werden, aber das kann ihm sehr gleichgiltig sein; denn die 80—90,000 Franken sind ihm schon gestern mit Wucher von Bewunderern ersetzt worden, und die drei Monate Gefängnis müssen, wenn er sie absitzen darf, dem Antisemitismus Zinsen und Zinsesziusen abwerfen. ״Falls die Juden," schreibt er in der ״Libre Parole", ״den glücklichen Einfall hätten, mich im Kerker vergiften zu lassen, so würde der Antisemitismus triumphiren und die nächste Kammer mindestens hundertfünfzig Antisemiten zählen. Alle meine Fehler, alle Mängel meines Werks würden vor dem Sarge eines Mannes zusammenschrumpfen, der im Gefängnis für eine Idee gestorben wäre." Bei diesen Duldermienen lässt Drumont es noch nicht bewenden; er brüstet sich mit der ״Nachahmung Christi" und geberdet sich allen Ernstes, als hätte er die Märtyrerpalme verdient. Wie ' viel Überspanntheit, wie viel Schlauheit dabei mitunterläuft, wäre schwer zu bestimmen. Doch ist so viel sicher, dass die Herren Drumont, de Mores u. Cie. gute Speculanten sind und die materiellen Vortheile, die ihnen aus ihrer Parteinahme gegen alles Jüdische und Jüdelnde erwachsen, nicht verschmähen. Durch seine antisemitischen Schriften ist Drumont, der die Rothschild und die protestantischen Pillet-Will, die Pereire und die Hottinger,. die Bischoffsheim und die Maltet zusammenwirft, als wären Synagoge und ,,temple“ (wie die französischen Reformitten ihre Kirchen nennen) eins, ein reicher Mann geworden, und bei der ״Libre Parole", die nichts einträgt, aber Commanditäre hat, die k fonds perdu blechen, hat er sich erkleckliche Vortheile gesichert. ^So keift und geifert er um Geld und macht sich in den Augen derer lächerlich, welche die Verhältuiße kennen. Der Fall des Marquis de Mores ist noch viel bezeichnender. Er gieng vor Jahren, durch die Union Generale oder sonst ruinirt, nach Amerika, wo er sich abenteuernd Herumtrieb, bis er einen der im letzten Prozesse so arg zerzausten deutschen Juden fand, der ihm eine seiner Töchter mit reicher Mitgift zur Frau gab. Eine Schwester der französischen Marquise heirathete einen deutschen Baron und Militärattache, der für den ihm zuzugebrachten Reichthum ebenfalls mit vornehmem Antisemitismus danken soll. Die Drumont freundlichen Kundgebungen nach der Verkündigung des Verdikts der Geschworenen wurden durch eine sensationstüchtige Telegraphenagentur übertrieben: kaum dass ein paar Camelots auf dem Boulevard Montmartre nach bekannten Mustern und zu einem festen Tarif den Verurtheilten hoch leben und Drohungen gegen die Juden laut werden ließen. Viel bedeutsamer als all' das Geschrei ist der Schritt der Geschworenen, welche, nachdem sie Drumont zu drei Monaten Gefängnis, einer Buße von 1000 Fr. und der Einrückung des Urtheils in achtzig Blätter, die achtzigtausend Franken kosten darf, verdonnert hatten, ein Gnadengesuch Unterzeichneten. Das kann nur heißen, dass die Geschworenen, größtentheils Kaufleute, zwar den Abgeordneten Burdean nicht wollten verunglimpfen lassen, dass sie aber ein williges Ohr für Drumonts Schilderung der misslichen Zustände gehabt hatten, welche das jüdische Maaren- und Geldgeschäft in Frankreich eingeführt haben soll. Er behauptete, den Finger auf eine wunde Stelle zu legen, und gewann dadurch manche für sich, die den Feldzug nicht mitmachen möchten, weil er etwas Barbarisches hat, ihm jedoch mit Theilnahme und frommen Wünschen für sein Gelingen folgen. Mozart in Frankfurt a. M. Die ״Franks. Ztg." brachte vor Kurzem*) in einem ״Mozatt's letzter Aufenthalt in Frankfurt" überfchriebenen Artikel den sicheren Hinweis über die von W. A. Mozart während seines Hierseins im October 1790 innegehabte Wohnung, und zwar auf Grund des aufgefundenen CoNcertzettels, durch welchen Mozart damals zu seinem Concert das Publicum einlud. Der Berichterstatter, Herr Musikdirector Dr. Henkel, berührte indess nicht den musikalischen Theil dieses Concertes, wovon Kenntnis zu haben, gewiss manchem Leser erwünscht gewesen wäre. Da inzwischen von der Hand desselben Verfassers interessante Mittheilungen in einem anderen musikalischen Fachblatt, nämlich in dem vom Professor E. Breslaur redigirten ״Klavierlehrer" veröffentlicht wurden, so unterlassen wir nicht, daraus Nachfolgendes zu reproduziren. Der Concertzettel trägt die Ueberschrift: ״Mit gnädigster Erlaubnis wird heute Freitag den 15. October 1790 im großen Stadt- Schauspielhause Herr Kapellmeister Mozart ein großes musikalisches Concert zu seinem Vortheil geben. Der Anfang, ist um Eilf Uhr Vormittags." Also nicht am 14. October wie die Biographen mit- Lheilen, sondern erst am 15. October fand das Concert statt. Die Erlaubnis dazu Seitens Hohen Raths war allerdings für den 14» October gegeben; die Abhaltung desselben war somit um einen Tag verschoben worden. Aus dem gedruckten vollständigen Programm ergibt sich nun weiter Folgendes: Mozart spielte wirklich zwei Clavierconcerte seiner Coniposition, und so erklärt sich, dass zwei ״Krönungsconcette" eristiren, und zwar unter diesem Namen das in f (Köchel 459) und dasjenige in d (K. 537). Als weiterer Claviervortrag ist noch verzeichnet ״eine Phantasie aus dem Stegreife von Herrn Mozart". Das Concert eröffnete eine neue große Symphonie des Concettgebers; es muß dies eine der herrlichsten des Meisters gewesen sein, in Es, Gr-moll oder C-dur, die er alle drei 1788 componitt hatte. A. W. Ambros sagt von diesen Werken: ״Besitzt, vom rein musikalischen Standpunkt aus, die Welt wohl etwas Vollkommeneres als diese drei Symphonien?" Das Concert unterstützten noch Mad. Schick (f 1809 als Kammersängerin in Berlin) und Signor Cecarelli (f 1814 als Kammersänger in Dresden) durch Arien und Duette von anderen Componisten: ebenso ist die Schlussnummer eine Symphonie ohne Angabe des Componisten. Also nicht nur Mozart'sche Werke kamen zur Aufführung, wie gewöhnlich angenommen wird. Auch die Angabe der Biographen, Otto Jahn eingefchlvssen, dass Mozart mit seinem in Franfurt chm begegnenden alten Papa v. Be ecke (dieser war von Beruf württembergischer Offizier, aber ein ausgezeichneter Clavierspieler) eine Claviersonate zu vier Händen und ein Concett für zwei Claviere miteinander im Concert vorgetragen hätte, ist, wie aus dem Programm des Concettzettels deutlich erhellt, eine irrige. Es bleibt nicht ausgeschlossen, dass beide Spieler diese Stücke bei einer Pttvatgelegenheit aufgefühtt haben, denn Mozart, dessen Name auch in Frankfurt ein hochangesehener war, verkehtte viel in den besten Kreisen, in welche auch bedeutende Künstler und Künstlerinnen eingefühtt waren. *) S. Nr. 16 der östcrr.-ungar. ״Cünwreri-Zeitriiig".