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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-07-01 · Heft 18 (1.7.1892) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 18 (1.7.1892)
Date
1892-07-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. ■ Nr. 18. sind zudem ausnahmslos Familienväter, die sich im Vertrauen auf die Zugehörigkeit zu einer so bedeutsamen Gemeinde einen häuslichen Herd gegründet haben, der nun plötzlich und unvermuthet zerstört und niedergerissen wird. Und wenn schon der in Aussicht gestellte Gnadengehalt dem bisherigen fixen Gehalte gleichkäme, so wäre derselbe zum Leben für eine Familie noch lange zu wellig, da das Fixum der Chorsänger nur einen minimalen Theil ihres Einkommens bildet. An der Spitze der Wiener Cultusgemeinde steht gegenwärtig ein Mann, der durch seine edle Menschenfteundlichkeit, durch seinen vielgeübten Wohlthätigkeitssinn sich im ganzen Vaterlande einen vielgepriesenen Namen erworben. Tausende und Abertausende, die seine milde Hand vor Noch und Elend geschützt hat, blicken dankbar zu ihm auf, und wir können es immer noch nicht glauben, dass dieser, Mann, in dem Gerneinwesen, dessen Haupt er bildet, eine so Himmelschreiende Ungerechtigkeit gutheißen wird. Chor und Cantor erscheinen im modernen Gottesdienste als ein untrennbarer Begriff, der Letztere ist der natürliche Beschützer des Elfteren, und mit Recht wird man daher ftagen, was haben die Wiener Cantoren zur Entlassung eines Theiles ihres Chorpersonales gesagt, und in welchem Sinne haben sie in dieser Frage ihr Votum abgegeben? Diese berechtigte Neugierde unserer geschätzten Leser können wir leider nicht befriedigen, denn die Cantoren wurden einfach nicht gefragt. Ist das auch möglich? Jawohl! Die Zeiten haben sich eben geändert, die alten Traditionen sind verlassen, ein neuer Cours ist eingetreten. Wir wollen gar nicht sprechen von der Aera Sulzer, der über alles, was Chor und Gottesdienst betraf, eine unumschränkte Herrschaft führte, selbst vor Jahren noch, nach dem Rücktritte Sulzers, war den Cantoren ein maßgebendes Votum eingeräumt —- und so ist auch die in allen gut organisirten Gemeinden Oesterreich-Ungams geübte Praxis — aber in Wien ist das heute uicht mehr der Fall, der allmächtige und allwissende Herr Vorsteher versteht das besser. Geradezu unglaublich und unfassbar sind die Anschauungen, welche da zur Geltung gelangm. Man höre und staune! Vor mehr als Jahresfrist wurde das Bedürfnis laut, in den Chorverhältnißen des Stadt- und Leopoldstädter Tempels eine Aenderung herbeizuführen. Der natürliche Vorgang wäre wohl der gewesen, dass man von den Cantoren ein Gutachten abverlangt hätte, in welcher Weise dm etwa eingetretenen Uebelständen abgcholfen werden könne. Im hohen Rathe jedoch wurde es anders beschlossen. Nichtjüdische Musiker wurden als Experten bemsen und nach einmaligem Anhören eines Gottesdienstes sollten sie ein Votum abgeben, das zur Grundlage weiterer Maßnahmen diente. Nun, allen Respect vor den musikalischen Qualitäten dieser Herren Experten, aber um über jüdischen Synagogengesang ein Urtheil fällen zu können, muß man lange Zeit in dieser Sphäre gelebt und gewirkt haben, ein Fernstehender, ob Laie oder Musiker, hat hievon nicht einen blassen Dunst. In erster Reihe musste somit die Ansicht der Cantoren gchört werden, und gerade die Functtonäre der Wiener Cultusgemeinde vereinigen eine solch' hohe Summe cantoraler und musikalischer Fähigkeiten, dass sie wohl mit vereinten Kräften das richüge Remedium gefunden hätten. Nach vielen Berathungen wurde endlich ein neuer Chordirigmt für beide Synagogen angestellt. Wenn auch diese Vereinigung unpraktisch uttd für die Dauer unhaltbar ist, so muß die Wahl der Person als ein glückliche bezeichnet werden. Sie fiel auf Herrn Professor Josef Sulzer, den Sohn unseres verewigten Altmeisters, schon seine Name ist eine Empfehlung usid er vereinigt mit: fachmännischer Tüchtigkeit eine langjährige Erfahrung; von ihm hätten wir es aber am wenigsten erwartet, dass er die Mäntter, die an der Seite seines Vaters gestanden sind und im Wiener Chor^die alte Sulzer'sche Schule repräsentirten, ohne Protest und Widerspruch ziehen ließ. j Der neue Chordirigent wurde bei seinem Amtsantritte ׳mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet, leider wieder im Widerspruche mit den alten Traditionen der Wiener Cultusgemeinde, die seit Sulzers Zeiten dahin giengen, dass beim Synagogengesange der Cantor das erste und letzte Wort zu sprechen habe. An diesen Traditionen müssen wir festhalten und wir werden es jederzeit bekämpfen, wenn, von welcher Seite immer, der Versuch gemacht wird, die cantorale Wirksamkeit und sockit das Ansehen und die Bedeutung des Cantors im jüdischen Gottesdienste herabzudrücken. Bei. Herrn Professor Sulzer wollen und können wir diese Absicht nicht voraussetzen. Es wäre auch von ihm ein Act der Unklugheit, denn er würde hiemit das Werk seines verewigten Vaters untergraben und dem Wiener Synagogengesange, der mit dem Namen Sulzer so eng verknüpft ist, die wärmsten und aufrichtigsten Anhänger und Verehrer im Kreise der Cantoren entziehen. Wenn wir im Vorangehenden einzelne Vorfälle aus dem jüdischen Gemeindeleben in Wien vor die Oeffentlichkeit gebracht haben, so wurde hiemit keineswegs der Zweck verfolgt, gegen irgend eine bestimmte Persönlichkeit des Vorstandes oder der Verwaltung Front zu machen. In erster Reihe hielten wir uns nur das Interesse jener Kreise vor Augen, deren pu^licistische Vertretung uns naturgemäß obliegt, und in zweiter Linie sollte vor dem großen Publikum, das leider dem Gemeindelebeü mit besorgniserregender Theilnahmslosigkeit gegenübersteht, die Richtung gekennzeichnet werden, welche gegenwärtig die Wiener Cultusgemeinde einschlägt. Uns dünkt, es ist nicht jene aufsteigende Linie, in welcher sie vordem zu Ehre, Ruhm und Anerkennung geschritten ist und sich den Weltruf einer Mustergemeinde erworben hat. Eine Rückkehr auf die früheren Bahnen, zu den alten, wohldewährten Traditionen ist dringend geboten. Sie wird der Gemeinde und ihren Institutionen zum Wohle und zum Heile gereichen. Pariser Antisemitismus.! Paris, im Juni 1892. Als der Abgeordnete Bürde au, welcher seine Ehre im Prozeß gegen Drumont und dessen ״Libre Paroli" selbst vertheidigt.hatte, in der Kammer erschien, hatte er vollauf zu thun, um alle Hände zu drücken, die ihm entgegengestreckt wurden. So erhebt sich auch in der anständigen Pariser Presse nur eine Stimme, üm die Verurtheilung des rasenden Antisemiten gutzuheißen, der aus ׳ Judenhass einen unbescholtenen Mann, welcher kein Jude ist, der Bestechlichkeit beschuldigt. Dadurch wird aber Nochefort nicht zum Schweigen gebrächt, und Drumont nicht in seinen Ueberzeugungen erschüttert. Rochefort schreibt heute wieder aus London herüber, es bleibe doch wahr, dass die Bank von Frankreich, deren Privilegium Burdeau der Kammer zur Erneuerung empfiehlt, in den Händen der Juden sei, der französische Kriegsschatz in den Händen der heimathlosen Familie Rothschild, welche alles Gold an sich zieht und der dummen Menge die Banknoten, wetthlose Papierwische, lässt. Um unermesslichem Unglück, einem Verbrechen gegen das Vaterland, vorzubeugeii, dürfe von dem Privilegium der Bank nicht weiter die Rede sein.

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