Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 17 (21.6.1892)
- Date
- 1892-06-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 17 Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite o. Fabelsammlung gegeben, die den Titel ״Ms61116 Esob״ oder einen ähnlichen Namen geführt habe. Diese Hypothese stützt er auf den eben angeführten Bericht von den 3000 Maschal, die Salomo verfertigt und dass er geredet über die Bäume, von der Ceder u. s. w. bis zum Mop und setzt hinzu, dass jenes Fabelbuch von Palästina nach Griechenland gekommen, wo der Name ״Llisoble Esob", Sprüche von Mop, in ״Sprüche des Aesop" umgewandelt worden sein mochte. Für diejenigen, welche die Identität des Aesop ' mit Mop deshalb unwahrscheinlich finden, weil Aesop eine historische Person ist, deren Lebensgeschichte bereits Herodot geschrieben, sei hier bemerkt, dass neuere Gelehrte die Behauptung aufgestellt, die sie durch wichtige Gründe gestützt haben, dass die Erzählung von der Existenz eines Sklaven Aesob, der Fabeln gedichtet, selbst eine Fabel sei?) Sie betrachten den fabeldichtenden Sklaven nur als die Personifikation der Fabel, für deren Allegorisirung sich der Sklave dämm an! meisten eignet, weil er sich nicht wagt, die Wahrheit seinem Herrn frei und unverhohlen auszusprechen und daher seine Ansichten in versteckter, scherzhafter Weise vertragen muß. Einen Beweis aber, wie sehr ein Wesen ohne alle Realität sich verkörpern und zur Volksfigur werden könne, liefert zur Genüge der deutsche Eulenspiegel, dessen Grabstätte sogar zu Möln bei Lübeck nachgewiesen wird, obgleich er, kritischer Untersuchungen zufolge, nie existirt habe und nur die Personifikation des alten deutschen Schalksnarrenthums sein soll. (Fortsetzung folgt.) *) Merkwürdig bleibt dieses fabelhafte Schicksal der Fabeldichter allerdings. Der arabische ״Lockman" verliert sich als fabelhafte Person bis in den Koran. Der indische ״Bidpai" hat sich als eine Verwechslung mit der indischen. Fabelsammlung: ״Hytopadesa" erwiesen.; Und der griechische Aesop ist vielleicht nichts anderes als eine umlautende Abkürzung des indischen Hytop. Die Anskundschafter. Eine Schristerklärung. Von Dr. M. H. F r i e d l ä n d e r. (Schluss.) Wäre also nicht eine Thorheit zu glauben, Moses habe den göttlichen Auftrag erhalten, Spione abzuschicken? Es heißt.״ ׳seblach lecho anoschim“, Du kannst Männer, edle wackere Männer entsenden wejosuru damit sie — nicht etwa geheimnisvoll umherschleichen — das Land erforschen. Die Eigenthümlichkeit und Beschaffenheit jenes Landes, das sie besitzen werden, sollen sie erforschen. Sie sollen dort Studien machen, um zu erfahren, ob das Klima auf die körperliche und geistige Entwickelung der Menschen einen wohlthätigen oder schädlichen Einfluss übt; denn ob das Land einnehmbar sei, war zu erforschen nicht nöthig, da Gott der Herr schon früher ihm zugesagt, dass sie in den Besitz dieses trefflichen Landes gelangen werden. Die göttliche Vorsehung wollte bloö Israel, noch bevor es nach Palästina kam, die Neberzeugung verschaffen, dass dieses ihnen verheißene Land in jedem Betracht ein segensreiches sei, daher sie dort für die unsäglichen Leiden und Qualen, denen sie in Egypten ausgesetzt waren, im vollsten Maße Entschädigung finden würden. Den Sendboten wurde daher der Auftrag ertheilt, vor Allem zu erkunden, ob das Klima jenes Landes auf die körperliche Entwicklung des Menschen wohtthätig wirkt, was sie wohl an dem kräftigen Körperbau der Menschen erkennen würden. Femer ob das Klima auch die geistige Entwickelung des Menschen fördert, das heißt, ob die Leute dort geistreiche Strategen, muthige, unerschrockene Helden, oder ob sie beschränkte feige Menschen seien, die sich verbarrikadiren und in Festungen ihren Versteck suchen. Solche Studienreisen aber können nur für Männer von Geist, von hoher Intelligenz und edlem Charakter erfolgreich sein, daher lautete der göttliche Auftrag: 8ob1aob leobo anoscbim. Männer, edle. Reform den heftigsten Einspruch. Ter Streit war ein heftiger. Das Haupt der orthodoxen Pattei, Thomas von Aquino, sagt 1250 also: ״Ecclesia nostra non adsumit instrumenta musiea, ne videatur judaicare“ d. h. in gutes Deutsch übertragen: ״Wir brauchen in der Kirche keine Musik wie etwa die Juden'" Und schon im 11. Jahrhundett sagte der otthodoxe Bischof Baldricus zu Dol in der Bretagne: ״Ego 81 quidem in ihodulationibus organicis non multum delector, sed per Hoc ad intelligendum excitor, quod sicut multimodae fistulae varii ponderis et diversae magnitudinis in unatn agitae conveniunt cantilenam: Ita homines in unam debent convenire sententiam“; soll den Sinn haben: ״Wenn ich auch von dem Orgelspiel nicht sonderlich erbaut bin, so ergreift mich aufs höchste der Zusammenklang der verschiedenen Register, welche sich zu einem großattigen Tongebilde — trotz aller äußerer Verschieden- Hellen — vereinigen: so auch sollten alle Menschen sich in einem Sinne einigen." So zu finden in Mabillon's Annalen pag. 505. An anderer Stelle sagt er ganz offen: 81״ igitur organa habemus, eis ut ecclesiastiea consuetudine permittimur; sin autem, sine sacrilegio eis carere possumus“ d. h.: ״Wenn wir schon Orgeln haben, so mögen sie in der Kirche spielen, widrigenfalls wir sie, ohne eines Verbrechens uns schuldig zu machen, als etwas höchst Begehrenswetthes vermissen müssten!" Ich gaffte die schöne gelehrte Dame mit getheilten Gefühlen an. Wenn mir sonsthin nichts widerwättiger ist, als ein superkluges Weibchen in seiner aufgeputzten Unwissenheit, so ward mir wiederum ganz sonderbar zu Muthe, als ich die Sprache der Kirchenväter von so schönen Lippen so ungehemmt hervorsprudeln hörte. ״Ich fürchte", erwidette ich etwas kleinlaut, ״dass in dem Streite pro und oontra die Widersacher der Orgel den Sieg davontragen werden. Mein Freund hat mir zur Lectüre die letzten Nummern der ״öst.-ung. Cantorenzeitnng" hier gelassen. Diese (Nr. 8, 11, 12, 13, die übttgen besitze ich nicht) enthalten unter dem Titel: ״Zur Klärung der Frage der traditionellen Tonarten" den Schlussartikel einer Reihe von Aufsätzen, in welchen der mir unbekannte Verfasser die Nachtheile der Orgel für Judenthum und Gottesdienst klar erweist!" ״Klar erweist", echote piepsend eine vorwitzige zweifüßige Spitzflöte, ״verstehe, verstehe! Wenn die Orgel abgeschafft sein wird, so werden sich die traditionellen Tonatten klären. Daher der Tllel!" Ein verweisender Blick des Präsidiums hieß die vorlaute Schwätzerin schweigen und ich hielt mich für verpflichtet, den frechen Zwischenruf zu entkräftigen: ״Die Klärung muß schon in früheren Numern erfolgt sein. Nr. 8 erzählt von der lyrischen klaren Stimme eines Joel Dowid". ״Aha", pfiff der kleine ״Zweifuß", ״vielleicht hat Herr Ivel Dowid mit seinem Kunstgesang und der ״klaren Stimme" klärend auf die-Tonatten eingewirkt?" — Man steckte das fteche Wesen in eine hölzerne Bombardonpfeife. ״Joel Dowid hat vor etwa 50 Jahren durch die Macht seiner Coloratur hingerissen. Das ist ein Grund des Herrn Verfassers, die Orgel aus dem Gotteshaus zu entfernen." ״Und ist ein solcher Solovortrag nicht für Sänger und Publikum ermüdend? Gewinnt nicht die Stimme an Fülle, wenn sie sich auf eine Begleitungsstimme stützen kann? Da war man ja bereits vor 350 Jahren einsichtsvoller und gestattete auf offener Bühne dem Sänger, sein Madrigal eigenhändig auf der Geige zu begleiten!" (Fortsetzung folgt.)