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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-06-21 · Heft 17 (21.6.1892) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 17 (21.6.1892)
Date
1892-06-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Dcsterrcichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 17. Wir wollen der Persönlichkeit des neuen Cantors keinerlei Animosität entgegenbringen, seine Qualitäten sind gewiss die besten, und wir hoffen auch, dass er ein würdiger Vertreter des Cantorenstandes werden wird; aber gegen das durch seine Wahl documentirte Princip müssen wir Verwahrung einlegen. Im Interesse der Weihe und Würde des jüdischm Gottesdienstes darf es nicht angehen, dass Concerffaal, Bühne und Betpult in solch innigen Contact gerathen und Ueberläuser von dieser ausgesprochen weitlichen Sphäre zun! gottesdienstlichen Bemf mit offenen Armen empfangen werden. Von der Bühne in die Synagoge, von der Synagoge zur Bühne! Eine Illustration für den letzten Fall hat sich gleichfalls vor Kurzem in einer österreichischen Provinzstadt ereignet. Beide Cantoren sind zur Bühne übergegangen. Wie in außercantoraleu Kreisen hierüber geurtheilt wurde, möge folgendes Schreiben zeigen, das uns von einem Manne zugekommen, dessen Urtheil wir achten und schätzen gelemt haben: ״Sehr geehrter Herr und Freund! ... Ich. habe immer an der Meinung festgehalten, dass der ideale Zug, von dem der Cantor in der Auffassung seines. Pflichtenkreises getragen ist, seine Eignung für sein heiliges Amt irr erster Reihe docunstntirt, während es seine musikalische Befähigung erst in zweiter Reihe thue. Ich gestehe auch geme, dass Sie, geehrter Freund, und mit Ihnen jene würdigen Cantoren, die ich in meiner langjährigen Amtsthätigkeit zu beobachten Gelegenheit hatte, mich in meiner Meinung bestärkt habm. Die hiesigen Cantoren wissen es besser , und fühlen sich als anerkannte Träger bahnbrechender Wissenschaftlichkeit berufen, die Welt aus den Angeln zu heben: Fort mit der moralischen Eignung, fort mit dem Ideale der Heiligkeit des Amtes — die Stimmgabel und der, rechte Tonansatz, der Triller und das hohe C sind das Alpha und Omega des Cantorates! — Wäre die Sache nicht so ernst, man müsste darüber herzlich lachen! Bei Herm A. hat sich der Amtseifer in den Theaternamen 36. verloren, bei Herrn B. hat der Opernsänger den Cantor erschlagen. Damit habe ich Ihnen Alles gesagt!---- Man darf übrigens Herm A. nicht mit Herrn B-.in einem Athemzuge nennen. Herr A. hat viel gelemt, führt sich höchst anständig, ist nach allm Richtungen verwendbar, sehr fleißig und zielbewusst: er wird hier einen sehr guten Namen hinterlassen und ein würdiges Andenken. Aber Herr B.!-— er hat das Cantorat herabgewürdigt, sein Amt profanisirt. — —, —. Er ist wiederholt auf der Bühne einer hiesigen Gesangschule ausgetreten, hat im ״Propheten" dm Johann von Leyden wacker mit einem Kreuze auf seinem unschuldigen Haupte gesungm und befindet sich dabei ganz wohl und ist— ״Schochet". --— Uns Cantoren kann dieses ewige Hin und Her, das von den Gemeindm in letzter Zeit geradezu favorisirt wurde, keineswegs gleichgiltig sein, es schädigt und untergräbt das Ansehen und die Würde unseres Standes; auch für den Fall, als Jemand den Cantorenbemf aufgibt und sich der Bühne oder dem Concertsaal zuwendet, denn zumeist kehrt der Betreffende nach jahrelangem Umherziehm und endlichem Schiffbmche seiner mit überspannten Hoffnungm begonnmen Bühnencarriere wieder zum Betpulte zurück. Wer dm Beruf eines jüdischm Cultusbeamten, und nammtlich des Cantors, erwählt hat, der prüfe sich zuerst genau, ob er auch im Stande sein wird, die schweren Bürden und Lastm dieses Amtes zu tragen; mannigfache Entbehrungen und Beschränkungm harrm seiner, die nur ein bescheidener Sinn und ein hoher sittlicher'Ernst mit Gleichmuth hinnehmen kann. Wer jedoch nach Ehre und Anerkennung strebt, die im rauschenden Beifall der Menge Ausdruck finden, der bleibe fern von den Hallen des Tempels und wende sich den weltlichen Künsten zu, wo glänzende Triumphe, materielle Erfolge und ein freies, ungebundenes Leben mit gleißnerischem Scheine ihn! entgegenwinken — den domenvollen Pfad des Cultusbeamten möge er nicht betreten! So denken wir Cantoren von unserem Amte, und wenn auch die ehrsamen Gemeindm und die Richtung gebenden Kreise derselben unsere Anschauungen theilen wollen, dann würden sicherlich für das jüdische Cantorat und für den jüdischen Gottesdienst bessere Zeiten anbrechen. M. Isrdor Koeb Secretär der^.11i3.n66I81a61id6 gestorben 2. Juni 1892. M. Isidor Loeb, einer der begabtesten und aufopferndsten Juden des Jahrhunderts, weithin bekannt durch die Dienste, die er der jüdischen Sache in seiner Eigenschaft als Secretär der Alliance Israelit© in der ganzen Welt leistete, ist am 2. d. M. im Alter von 53 Jahren gestorben. Er wurde geboren im Jahre 1839 in Sulzmatt, einer kleinen elsäßischen Gemeinde, wo ehedem die Colmarsche Conststorial-Aushebung war und sein »Vater, Seligman Loeb, Rabbiner gewesen. In seinem achtzehnten Jahre trat er ins Rabbiner-Seminar, wo er sich hervorragend auszeichnete. Nach der Erlangung des geistlichen Ranges verließ er das Seminar, und drei Jahre darauf wurde er mit dem Rabbinate zu St. Etienne betraut. Doch hier verblieb er nicht lange. Seine ungewöhnliche Intelligenz und seine Schaffenskraft erregten bald die Aufmerksamkeit einiger Leiter der Alliance Israelit©, die damals im neunten Jahre ihres Kampfes unter dem Präsidium von Adolphe Cremieux stand. Er wurde eingeladen, die Secretärstelle zu übernehmen, und nahm 1869 das Anerbieten an. Seit damals sind die Wege der Alliance und die ihres Secretärs kaum von einander zu unterscheiden. Er vertiefte sich in seine Pflichten mit ebenso viel Bescheidenheit als Fleiß, und wäre es nicht der tausendfache Briefwechsel, den er infolge seiner amtlichen Stellung zu unterhalten hatte, die Welt würde wenig von Isidor Loeb gewusst habm. Seine Leistungen wurden in dm von. der Gesellschaft verfassten Berichten, der er so sehr nützte, nie erwähnt, und bei wichtigen Versammlungen lehnte er immer eine bloße ״Ehrenrolle" ab. Doch die wichtige Rolle, die er beim Fördem dieser ausgebreiteten Institution spielte, konnte nicht geheim bleiben, und die Welt begann Isidor Loeb als die unwandelbare Verkörperung der Alliance zu schätzen. Keines Menschen Rath wurde vielleicht in der weiten jüdischen Gemeinschaft mehr gesucht, und niemand war lieber bereit, jeden: Bittsteller Beistand und freundlichen Rath zu gHvähren. Diejenigen, die ihn persönlich kanntm, konnten leicht den Einfluss seiner besonderen Eigenschaften — seines unermüdlichen Fleißes, seines gesunden Urtheils, seiner richtigen Folgemng, seiner Vorsicht, seiner berechnenden Schaffenskraft und seiner reichen Gelehrsamkeit — auf das Gedeihen und die Entwickelung der Alliance Israelite verfolgen. Er verließ sie als eine der best organisirten Anstalt ihrer Art in der Welt,

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