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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-06-11 · Heft 16 (11.6.1892) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 16 (11.6.1892)
Date
1892-06-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Gesterreichisch-ungansche Lantoren-Zeitung. Nr. 16. Wirksamkeit am 20. April 1892 begonnen. Hievon geschieht zu Folge Erlasses der hohen k. k. n.-ö. Statthalterei vom 29. April 1892 Z. 24186 die Verlautbarung. Äattitz. Die vom Cultusvorstande geplante Entlassung unseres allgemein beliebten Cantors, Herrn Adolf Kohn, hat bei einem großen Theil der hiesigen Gemeinde entschiedene Mißbilligung gefunden. In Folge dessen sahen sich viele hervorragende Gemeindemilglieder veranlasst, eine Eingabe an den Vorstand zu richten, in welcher sie gegen die Entlassung Protest erheben und das Ersuchen stellen, Herrn Eantor Kohn, der durch neun Jahre in Kanitz angestellt ist, auch fernerhin im Amte zu belassen. Der Vorstand behavrte trotzdem aus seinem Beschlüsse und schrieb den Concurs aus, was in der Gemeinde Zwiespalt hervorries. Für die Leser der Cantoren-Zeitung ist diese Thatsache umso wissenswerther, als einerseits jene Cantoren, die etwa berufen werdeil sollten, wenig Aussicht aus Anstellung haben, und andererseits manche Collegen nach Kenntnisnahme der hiesigen Ortsverhältniße schon aus Rücksichten der Cvllegialität von der Bewerbung um diesen Posten voükonnnen abstehen werden. BrÜNN, den 7. Juni. Soeben erschien im achten Stück des Landesgesetzblattes für Mähren unter Nr. 40 eine Verordnung des Cultusministers vom 29. April 1892, womit dem im Sinne des Gesetzes vom 21. März 1890 N.-G.-B. 57 constituirten isr. Cultusgemeinden in Mähren aufgetragen wird, gemäß der § 28 und 29 dieses Gesetzes neue Statuten aus- resp. ihre bisherigen Statuten umzuarbeiten. Dies obliegt deir derzeitigen Vertretungen unter Zuzichung des Rabbiners und zweier von der Bezirkshauptmannschast berufenen Gemeindemitgliedem. Die Statuten-Entwürfe sind nebst den bez. Berathungs-Protokollen bis Ende 1892 den Bezirksbehörden zur Genehmigung vorzulegen. Um die Verfassung solcher zur staatlichen Genehmigung geeigneter Statuten zu erleichtern, wird gleichzeitig ein Muster-Statut veröffentlicht, das in der Buchhandlung Winiker für 40 kr. zu haben ist. Es wird demgemäß nunmehr jede der 50 Gemeinden eine amtliche Aufforderung zur Vorlage ibres Statutes erhalten, wobei ihnen jedoch die freie Willenbestimmung bei Abfassung der Statuten innerbalb der Grenzen des § 28 des Gesetzes nicht benonuncn ist, da das Musterstatut nur zur Erleichterung und zur Beförderung der thunlichsten Gleichartigkeit der Statutm dienen soll. Wir gehen somit der endlichen Ordnung unseres Gemeindewesens in Mähren entgegen. Kojeteirr. Am 22. v. M. hatte hier die Dienstmagd Mizera, welche beim Lederhändler Moses Fuchs bedienstet war, ohne zu kündigen ihren Dienst verlassen. Montag den 24. war Fuchs bei den (Fitem der Mizera in Bezmirau und fragte an, warum ihre Tochter den Dienst, ohne zu kündigen, verlassen habe; er erhielt die Antwort, dass ihnen der Aufenthalt der Tochter unbekannt sei. Alsbald verbreitete sich mit rapider Schnelligkeit das blöde Gerücht, dass das Mädchen einem rituellen Morde zum Opfer gefallen sei. Die Gähmng nahm derart überhand, dass die Juden, wo sie sich zeigten, an dem Leben bedroht wurden und einige auch körperliche Verletzungen erlitten, außerdem wurden bei mehreren angesehenen Kaufleuten sämmtliche Fensterscheiben nächtlicherweise zertrümmert. Da in unserem Orte derartige Excesse, von gewissenlosen Hetzern angezettelt, bereits wiederholt vorfielen, so fragt es sich, warum man nicht an eine Vermehrung der Organe der Sicherheit denkt, welche die Wiederkehr von Ausschreitungen im Keime ersticken könnten. Neuern. Herr Eantor M. Reiser wurde mittelst Decret der hohen k. k. Statthalterei vom 14. Mai 1892 als Rabbiner für, Böhmen anerkannt. Tuschkau. Dem Herrn Eantor Sigmund Beinkeles ist von der hohen k. k. Stalthalterei auf Grund der Ministerialverordnung vom 27. Decsnber 1891 die Befähigung als Rabbiner in Böhmen zuerkannt worden. Budapest. Charakteristisch für die liberale und tolerante Gesinnung des verewigten Handelsministers ist eine Äußerung, die er gegenüber einer Deputation der isr. Cultusgemeinde in Györ gethan. Bekanntlich wurde Minister Baross einstimmig zum Reichstags-Abgeordneten von Györ gewählt, und als der dortige Rabbiner Dr. Fischer als Sprecher der Deputation der israelitischen Gemeinde ihn aus diesem Anlasse mit einer schwungvollen Ansprache begrüßte, erwiderte Minister Baross: Ich danke Ihnen, meine Herren, für Ihr freundliches Erscheinen und bemerke hier, dass ich nicht nur für die Einführung der Civilehe bin, sondern mich stolz zu einem Bewunderer Ihrer Race bekenne. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die israelitischen Bürger Ungarns nicht blos Lebensfähigkeit, sondern auch wahren, unverfälschten Patriotismus besitzen. Was die Rede Sr. Hochwürden, des Herrn Rabbiners betrifft, habe ich selten einen schönen Gedanken so herrlich ausgedrückt vernoinmen. Dessau. Der ״Anhaltische Staatsanzeiger" schreibt: ״Bei Gelegenheit einer Audienz, welche Se. Hoheit der Herzog den Herren Landrabbiner Dr. Weisse und Eommerzienrath H. Sonnenthal aus Dessau in Ballenstädt am 15. Mai zu ertheileu die Gnade hatte, haben Höchstderselbe Seine Missbilligung über die antisemitischen Agitationen und Versammlungen geäußert und zugleich die Erwartung ausgesprochen, dass die bisher in Eintracht lebende Bürgerschaft Dessau's diesen den Classenhass erzeugenden Bestrebungen fernbleiben werde." VeEtt. Wieder wurde ein antisemitischer Maulheld als Betrüger entlarvt. Rector Ahlwardt, der durch seine Broschüre ״Judenflinten" in letzter Zeit soviel von sich reden machte, wurde am 2. Juni verhaftet. Die Verhaftung erfolgte jedoch nicht auf Grund der in der Broschüre aufgestellten lügenhaften Verdächtigungen, sondern wegen verschiedener Unterschleife und Betrügereien, die sich dieser saubere Patron zu Schulden kommen ließ. Berlin. Trotz aller Ableugnungsversuche steht nach zuverlässigen Mittheilungen fest, dass bei der Berathung der Programmrevision in der conservativen Fraction des Abgeordnetenhauses die Richtung der ״Kreuzzeitung" eine Niederlage erlitten hat und dassdie Mehrheit namentlich die Verbindung der Partei mit dem heutigen Antisemitismus ablehnt. . Berlin, 30. Mai. Die Verhandlung gegen den Prediger Hans Georg Harder aus Neu-Weißensee, dessen Verhaftung im vorigen Jahre so bedeutendes Aufsehen erregte, begann heute vor der 2. Strafkammer des Landesgerichts II. Bei der großen Zahl der zu vernehmenden Zeugen — es sind einschließlich zweier medizinischer Sachverständigen 87 Personen geladen — wird die Sache im großen Schwurgerichtssaale verhandelt. Der am 6. Mai 1846 geborene Angeklagte hat durch die lange Untersuchungshaft körperlich nicht gelitten, er macht den Eindruck eines behäbigen Landpfarrers. Er vermeidet es, einen Blick auf die Zeugen zu werfen. Die Anklage zerfällt in vier Theile. Es wird dem Angeklagten zur Last gelegt : 1. in der Zeit vom Jahre 1887—91 dusch mindestens 29 selbstständige Handlungen als Geistlicher mit Personen, nämlich Schülern, denen er Confirmandenunterricht zu ertheilen hatte, unsittliche Handlungen vorgenommen: 2. in mindestens 120 Fällen sich desselben Verbrechens mit Schülern unter vierzehn Jahren schuldig gemacht: 3. in einem Falle dasselbe Verbrechen zu Heinersdorf begangen, und 4. sich in verschiedenen Fällen des Versuchs derselben Strafthaten schuldig gemacht zu haben. Nach Verlesung des Anklagebeschlusses wurde die Oesfentlichkeit ausgeschlossen. Die Verhandlung wird voraussichtlich 2 Tage in Anspruch nehmen: Stettin. Unser Eantor, Herr Sarasohn, begieng am Lag be-Omer die Feier seiner silbernen Hochzeit, welche Zeugnis von der Liebe und Verehrung, die er sich während seiner Thätigkeit hier erworben, ablegte. Fast alle Gemeindemitglieder kamen gratulireu und brachten sinnige Gaben und Geschenke. Auch die Gemeindebehörden ließen es sich nicht nehmen, dieses Tages zu gedenken, ebenso gedachte unser Rabbiner Herr Dr. Vögelstein von der Kanzel des Silberpaares. Der Knaben-Verein, eine Schöpfung Sarasohn's, ernannte ihn zum Ehrenmitgliede; auch die Äroßloge der B'ne Brith in Berlin übersandte einen Glückwunsch. An Depeschen von auswärts fehlte es ebenfalls nicht. Die größte Freude für das Jubelpar mag aber wohl die gewesen sein, dass alle Kindör zugegen waren, um mit den Eltern das schöne Fest zu begehen. Mögen sie nach 25 Jahren sich wieder zusammentreffen' in Gesundheit und Wohlergehen! Basel. Die am Auffahrtstage in Olten tagenden Vertreter der verschiedenen Cantone der deutschen Schweiz in Sachen der- Hebung und Verbesserung des schweizerischen Volks- und National-

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