Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 16 (11.6.1892)
- Date
- 1892-06-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Mesterreichisch-ungarische (Lantoren-Zeitung. Nr. 16. seinen Schülern an und auf die gute Lehrmethode, da kann auch ein schlechtbegabter Schüler viel profitiren. Schon der Ausdruck ״wie Eisen" deutet darauf hin, dass auch das Eisen, durch das Feuer erweicht und durch die geschickte Hand des Schmiedes, verschiedene Formen annehmen kann. 89. ״Wer Israel wehe thut, wird ein Vorgesetzter". (Grittin57.) Dieser Spruch lehnt sich an den Schmerzensruf des Propheten Jeremias in den Klageliedern (’Kap. 1, 5.) In alten Zeiten galt gar oft die feindselige Gesinnung gegen die Juden als Anempfehlung für ehrgeizige Personen, und heute ist es nicht anders, man wird Antisemit, um ein Abgeordneter in! Neichsrathe zu werden, oder einen anderen Vortheil zu erlangen. Wir glauben aber noch einen anderen Sinn diesem Spruche zu interpretiren. Der Judenfeind gelangt darum zu hoher und höchster Stelle, damit dir Sturz, der als Strafe folgen muß, ein desto fühlbarerer werde. Beweis dafür Haman und Consorten. 90. ״Man nehme seinen bleibenden Aufenthalt in dein Orte, wo der chemalige Lehrer wohnt". (Beraeh. 8.) Und das aus verschiedenen Gründen. Man hat an dem Lehrer einen intimen, aufrichtigen Freund und Rathgeber; man kann durch ihn seine Lchren fortsetzen; ferner aus Achtung für den Lehrer wird der Schüler sich auch ein Unrecht zu begchen mehr in Acht nehmen. 91. ״Kaue nur recht mit dm Zähnen, Du findest es schon in dm Füßen wieder". (Sabbat 152.) Die Speisen erhalten den Menschen, doch muß der Mensch dabei bedacht sein, er mäßige seine Gier, gmieße langsam, verschlinge die Speism nicht, selbst bei einem Heißhunger, sondern zerkaue sie gehörig,. dadurch wird die Verdauung leichter. Es ist das überhaupt ein Mahnruf zur Mäßigkeit. Ordentlich Essen kräftiget die Füße zum Gehen, und die Füße sind die Stütze des ganzen Körpers. Der Fuß heißt im hebräischen ״Eegel־־, erinnert an das deutsche ״regelmäßig". (Forts, folgt). W.r. ״Irr der schöne«. stille« Maiennacht." Eine wahrhafte und erbauliche Geistergeschichte. Von Ernst Rübenstein. (Fortsetzung). ״Auch ich", fuhr das Harmonium fort, ״erwartete einm Gmuss, aber es kam anders. Der Mann, der ״Herr Obercantor" Litulirt wurde, war eine stattliche Erscheinung mit mächtigem Vollbart und bmeidenswertem Embonpoint. Gravitättsch öffnete er dm Deckel, mit etwas theattalischem Affect setzte er sich. Hierauf zog er einige Register, aber so sonderbarer Eombination, dass mir vor Staunen der Athem stockte und ich nichts mehr begreifen wollte. Die guten Leutchen drängten sich um ihn und die Rückwärtsstehenden machten lange Hälse. Nun schlug der Herr Obercantor auf die Tastm los, und sofort wurde es mir klar: das ganze Gethue und Gemache des lieben Mannes war ja der reine Humbug 1 Der hatte ja keine Idee von Spiel oder Harmonie. Es ist mir bis heute unbegreiflich, was sein Aneinanderleimm falscher Accorde ohne Sinn und Melodie vorstellen sollte. Jmer aber war mit sich höchlich zufrieden und beendigte sein Spiel mit einer undefinirbaren und ihn vollkommen beglückendm Dissonanz." ״Das war die große Fuge von Beethoven, Herr Vorsteher", wandte er sich hierauf erklärend an einen Herrn, der sein Gesicht in undurchdringliche Falten gehüllt mit getheilten Gefühlen dem Spiel gelauscht, bald wieder meine Wmigkeit von allen Seiten musterte; ״so haben wir es im Conservatorium gelernt!" Dieser winkte verständnisvoll, und sein Nebenmann, ebenfalls ein Herr Vorsteber, meinte hierauf: ״Kann man auf ״das" Harmonium auch jüdisch spielen?" Me Anslrnndschaster. Eine Schrifterklärung. -Von Dr. M. H. Friedländer. Wenn wir den jüngst verlesenen Wochmabschnitt, in welchem uns das schmachvolle Benehmen der Auskundschaster, die als Ne- Präsentanten des Volkes entsendet wurden, um das verheißene Land zu erkunden, geschildert wird, mit Verständnis lesen, so drängen sich uns Fragen auf, die zu lösen ein jeder Lehrer als seine heiligste Pflicht erachten muß. Wie! ist es denn möglich, ist es denkbar, dass die Rosche bne• Jisroel Repräsentanz eines Volkes, das vor Kurzem erst sich, wie kein zweites Volk auf Erden, für die Annahme der Gotteslehre mit idealer Begeisterung bereitwilligst erklärte, das einstimmig ausgerufen: Alles, was Gott der ׳Herr gesprochen; wollen wir beherzigen und befolgen, dass die Repräsentanz eines Volkes, das von der göttlichem Vorsehung berufen wurde, . als ״Reich von Priestern, als heiliges Volk" in der Geschichte zu figuriren, die ewigen Wahrheiten, die herrlichen menschenbeglückenden Lehren der Thora in der Welt zu verbreiten und der Cultur und Bildung, der Freiheit und Gleichberechtigung überall Bahn zu brechen, zumeist aus Verräthern und gemeinen Verleumdern bestanden? Ferner erscheint es unbegreiflich, warum Moses dem Hosea bei der Entsendung nach Kanaan den Namen Jehosua gegeben. Nach der tiefsinnigen Bemerkung unserer Weisen soll Moses, als er die ällzugroße Bescheidenheit Josua's wahrgenommen, ihm zugerufen haben «10 gosohlaoho, Gott möge Dir beistehen 1nsa2a8 Lleragliw, da Du Dich in einer solchen Gesellschaft befindest." Wie! gehört denn die Bescheidenheit zu den Schwächen und Fehlem des Menschen? Hat nicht vielmehr die heilige Schrift es für angemessen gefunden, von Moses, der doch gewiss alle Tugenden und Eigenschaften, die nur irgend einen Sterblichen auf׳ Erden zieren und schmücken können, in sich vereinigte, blos die eine Tugend, ״Ich wills meinen; das habe ich von Sulzer gelernt. Ich habe eben keine Noten bei der Hand, sonst sollten Sie meine ״Keduschah" zu hören bekommen!" —Ein kleiner Junge, der eben von seinem Musiklehrer gieng, hatte eiü Heft Noten unter den! Arme. ״Herr Obercantor, ich Hab' hier Noten!" — ״Dummer Junge; das sind ״jüdische" Noten?" — Beschämt zog sich der Kleine zurück. Die Proben nahmen ihren Anfangs .Ter Herr Obercantor hatte die ״jüdischen" Noten mitgebracht. Sie sahen genau aus, wie unsere gebräuchlichen Tonzeichen; nur die Harmonien waren gar kraus und kunterbunt durcheinander gewürfelt, so dass ich aus der Tonart nicht klug werden konnte. Glücklicherweise kannte sich der Herr Obercantor in dem labyrinthischen Tongewirre richtig aus. Mit einem Finger tastete er auf der Claviatur die Melodie zusammen und sang dieselbe zugleich mit etwas wilder Stimme mit. Hierauf forderte er den ״Chor" — ein regelloses (Konglomerat aller Stimmen — auf, die angedeutete Weise zu fingen. Und mit gutem Beispiel vorangehend, schrie er die Melodie unter möglichst falscher Begleitung mit. So giengs eine Weile fort. Während der arme Mann bereits ein Beträchtliches schwitzte, schlugen hinter seinem Rücken die Jungen Purzelbäume und die Mädchen trieben Unfug. Schließlich zeigte es sich, dass der ״Chor" so klug war, wie zuvor. Der Herr- Obercantor entließ die ungelehrige Schaar und rapportirte matt und heiser dem eintretenden Herrn Vorsteher: ״Es muß ein Spieler ausgenommen werden. Ich muß den Chor ״dirigiren". Auch wollen Sie dem Lehrer sagen, die Kinder sind große ״Unzochten". Es wäre schon Zeit, dass ein neuer Lehrer käme!" Der ״Spieler" kam. Es war ein simpler Organist der alten Schule. Kaum angefangen, musste er jedoch sein Spiel unterbrechen. ״Dös i§' jo falsch, daraus kann der Teufel nicht klug werden!" —׳