Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 15 (1.6.1892)
- Date
- 1892-06-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 5. Eine glücklich vollendete Pfeife veranlasst die größte Freude ״Ist oam wieder g'rothe, deär Jubel und des Glück"; und nun wird darauf los gepfiffen, dass alle Hunde rebellisch werden. Und as de Flauten sünd turecht, Dünn ward de schöne Lust irst echt: Sei flauten un tuten, Lütt Krischan und Luten, Uns Korl und Korlin Al müßt't man so sin! Die Schönheit des Tones ist nicht immer die Hauptsache, wenn es nur recht klingt in alle Weite. In Sahamber's Dichtung ״Der kleine Däumling" werden die Kinder im wilden Walde von den Eltern verlassen. Der Rückweg ist ihnen unbekannt. Auf alle mögliche Weise suchen sie die Eltern von ihrem trostlosen Zustande in Kenntnis zu setzen, auch die Maienpfeise wird versucht: Ein fünfter brach sich ein Zwerglein Von dem saftigen Strauch unv schlug beständig die Rinde, Bis sie, mürbe gemacht, vom weißen Stamme sich löste Und ein Pfeifchen arrs ihr, ein weithin tönendes wurde. Doch, wie hell er auch pfiff, daß alle Brüder es hörten, Und behende um ihn, den artigen Künstler, sich schaarten. Keines der Eltern vernahms. Eine dankbare Zuhörerin war Frau Hadwig, wie wir aus Ekkehard wissen: Als Audifax seine Pfeife erschallen ließ ״war Frau Hadwig schier eines Mittags Länge oben auf dem Söller gestanden und hatte ihm gelauscht, vielleicht daß ihre Stimmung der Melodie der Sackpfeife entsprach — und wie Audifax des Abends seine Ziegen eintrieb, sprach sie zu ihm: Heische Dir eine Gnade? Da bat er um ein Glöcklein für seine Ziegen." Weniger Vertrauen brachte Vater Laurentius seiner Maienpfeife entgegen: Wie darf ich kecklich greiffen Der bäurisch ich und grob Nach meiner Mayenpfeiffen Zu spielen deren Lob Vor welcher die Posaunen Des Himmels auch sogar Schier allerdings erstaunen Sambt ganzer Engelschaar Im Unterinnthal vereinigen die Bursche mehrere Pfeifen und verfertigen eine Art Pansflöte. Um eine ganz wunderbare Pfeife — fujarka — zu erhalten, welche auch die ältesten Leute tanzen macht und wie wohl der Rattenfänger von Hameln eine hatte, muß man, nach Woycicki, im dunkeln Walde die grüne Weide aufsuchen, welche niemals Wasserrauschen, noch den Hahn krähen hörte. Einer gar wunderbaren Weide gedenkt ein Volksmärchen der Zigeuner, das Wlislocki ausgezeichnet hat: ״Eben wollte der alte Hirte draußen seine Herde heiwärts treiben, als er einen jungen Weidenbaum bemerkte, den er noch nie gesehen. Erstaunt blieb er vor dem Weidenbaum stehen, der aus dem Grabe seines jüngsten Sohnes emporgewachsen war. Dem Hirten gefielen die schlanken Zweige der Weide und er schnitt sich einen derselben ab, um sich damit eine Flöte zu machen. Als er auf der Flöte spieüe, hörte er deutlich und vemehmbar die Worte: Meine Brüder erschlugen mich, . Meine Brüder begruben mich; Vater, grabe du mich aus, Vater, trage mich nach Haus; Von des Chagrins großer Kralle Dann verbrenn' die Hälfte Du, Mit der Asche mich bestreue Führe mich dem Leben zu." Und somit schließe ich mein Capitel volksthümlicher Musikgeschichte. Salicional der Orgel als schmelzendes Adagio. Mund und Augen weit geöffnet, starrte ich das Instrument an, welches von unfichtbaren Fingern gespielt, Register um Register einsetzte und nun mit vollem Wecke seine höchste Kraft entfaltete. Ich zupfte mich an Nase und Ohr, biss mich in die Finger, um zu sehen, ob ich noch träume oder wach wäre. Meine Sinne waren aber intact, das körperliche Gefühl ließ keine Zweifel aufkommen: Dort erklang das Geisterinstrument und jetzt zeigte sich mir — Eiskalt lief's mir über den Rücken. Während des Präludiums waren die umherliegenden Orgelbestandtheile lebendig geworden. Langsam nach den Rhythmen der Musik hatten sie sich in Bewegung gesetzt und lagerten geordnet um die Orgel: Windladen und Orgelpfeifen, Calcantenhebel und Bälge, eines neben dem anderen. Das Spiel wurde schwächer — jetzt noch ein reizend süßer, ersterbender Tonschluss — dann vollkommene Stille. Da öffnete sich die Vorderwand der Orgel, und ein schönes Weib, schön wie die Lorelei, anmuthig wie ein Märchen und dabei ernst wie ein stabat mater, trat heraus. ״Eine besondere Veranlassung ist es", so redete sie ihre Nersammlung an, ״die mich bewogen hat, Euch einzuladen. Unsere Freundin (und dabei deutete sie auf ein ziemlich defectes Harmonium) ist nach längerer Abwesenheit heimgekehrt. Sie wird uns berichten, was sie draußen erlebt?" Ein erwartungsvolles ״Ah?" antwortete der Ansprache. Das Harmonium öffnete seinen Deckel und mit etwas heiserer Stimme begann es ״singend und sagend" also: ״Ich komme aus dem Tempel her! In der Fülle meines Glanzes verließ ich Euch vor drei Jahren und heute, nach so kurzer Zeit, stehe ich, eine Ruine, vor Euch. Wie bereits erwähnt, kam ich in eine jüdische Synagoge." ״Hm, Hm" brummte eine 16süßige Principalpfeife im Subbass und wackelte bedenklich mit dem Kopfe, ״wie kommt Saul unter die Propheten? und was hat die Orgel bei den Juden zu suchen?" Das Harmonium ließ einen asthmatischen Seufzer vernehmen und fuhr fort: ״Das Bethaus, in welches ich gebracht wurde, war schlicht, aber nett und sauber, und ich freute mich, daselbst ein friedliches Heim zu finden. Aber der Aufenthalt machte mir das Gotteshaus zur Hölle und untergrub meine so feste Constitution. Schon der Empfang war ein so sonderbarer, dass er mich mir bösen Ahnungen erfüllen musste. Kaum war ich ausgepackt, so umstanden mich neugierig viele Leute: Männer, Weiber, Greise und Kinder. Die beurtheilten mich aus eine Weise, die mir höchst widerlich schien, den Leuten aber eigenthümtich und wahrscheinlich angeboren ist, denn ich hörte auch die Kinder in der Art der Alten sprechen. Später gewöhnte ich mich an diese Trivialitäten. ״Da hieß es endlich: Der Herr Obercantor kommt?" ״Ei, was?" fragte die Orgelkönigin, ״ein Obercantor? Meister Bach nannte sich mit Stolz ״Canror", aber von ״Obercantoren" ist mir nichts bekannt. Das Harmonium muß uns etwas von des Obercantors Compositionen Vorspielen; das soll ein Genuss werden!" (Fortsetzung folgt).