Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 15 (1.6.1892)
- Date
- 1892-06-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 15 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. zu vergehen? Hört, wie der königliche Sänger David, dessen Psalmen nicht nur in Israels Gotteshäusern, sondern in allen Bethäusern der monotheistischen Religionen täglich andachtsvoll gesungen werden, jene Zeit schilderte: ״Nemaugim erez wechol josckweho onauchi tikanti amudeko selah." ״Es bebte und zitterte, es wankte und schwankte die Erde und alle ihre Bewohner, ich aber befestigte ihre Säulen, Selah." Um diesen Ausspruch in seiner wahren Bedeutung erfassen zu können, müssen wir uns die Zustände der damaligen Zeit vergegenwärtigen. Der erste mächtigste und einflußreichste Culturstaat war um jene Zeit unstreitig Egypten. Kunst und Wissenschaft erfreuten sich dort der schönsten Älüte und Prosperität. Die egyptische Schule war weltberühmt und die ChartumeMizraim. die Gelehrten Egyptens, spielten selbst am Hofe der Pharaonen eine hervorragende Nolle; trotz alldem aber verdiente das Leben nicht den Namen Leben, die Welt nicht den Namen Welt. Bürger im modernen Sinn hatte es damals nicht gegeben, sondern Machthaber und Sclaven. Dass das Sclavenleben kein beneidenswerthes war, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden; aber selbst die Herren lebten nicht glücklich, weil das Element, das das Leben bedingt, der Friede, die Eintracht und Zufriedenheit ihnen fehlte. Abgesehen von dem damals in Egypten herrschenden Kastenwesen, das nur geeignet war, den Stolz, Hoch- und Uebermuth nicht aber den Frieden, die Freiheit und Gleichberechtigung zu fördern, waren es die zahlreichen religiösen Parteien und Secten, die sich schroff gegenüberstanden, sich gegenseitig zu bekämpfen suchten, wodurch selbstverständlich das Leben, das heißt der Kampf um das Dasein, nur erschwert nicht aber erleichtert wurde. Und dieses Sectenwesen war die natürliche Folge der vielen Götter, die in Egypten ihre Verehrer und Anbeter gefunden hatten. Dort gab es einen Gott der Liebe und einen des Hasses, einen Gott der Rache und einen der Versöhnung, einen Gott der Belohnung und einen der Bestrafung, einen Gott, der das Feuer, und einen, oer das Wasser, einen, der die Elemente in der Natur, und einen, der die Vegetation, einen, der die Thiere und einen, der die Menschen beherrscht. Und alle diese Götter wurden von ihren Anhängern fanatisch angebetet und verehrt. Dieser wilde Fanatismus aber erzeugte nur Intoleranz, Unduldsamkeit, Neid, Hass und Scheelsucht. Die Worte, Friede, Eintracht, Nächstenliebe, Humanität, Duldsamkeit waren für jene Menschen fremde unfassbare Begriffe, daher drohte ein Chaos hereinzubrechen und das schöne prachtvolle imposante Weltgebäude in seinen Grundfesten zu erschüttern. Einer solchen Katastrophe musste von Seite des großen, edlen Schöpfers, der doch nicht dulden durfte, dass sein Meisterwerk von nichtigen Wesen, von Staubgeborenen zerstört werde, vorgebeugt werden. Und dies geschah durch die zehn Plagen, von welchen Egypten heimgesucht und die von dem thörichten Götterglauben verpestete Luft gereinigt wurde. ״Und an allen Göttem Egyptens werde ich Strafe üben, ich bin der Ewige." Durch diese zehn Plagen haben die Egypter die Ueberzeugung gewonnen, dass die Kraft und unumschränkte Macht, die sie den verschiedenen Göttern zugeschrieben, nichts als ein leerer Wahn sei und dass es nur einen einzigen gibt, der das Wasser wie das Feuer, die Thiere, die im Wasser, wie jene, die auf dem Lande leben, die Vegetation wie die Elemente in der Natur und besonders den Menschen beherrsche, kurz, dass es nur einen Gott gibt, der der Schöpfer des Weltalls, der Vater aller Menschen, der Lenker aller Geschickesei.׳ Durch diese Ueberzeugung hatte die egyptische Götterwelt ihren Todesstoß erlitten und die sittlich-moralische Welt neue Säulen, Trag- und Stützpfeiler erhalten, dass sie weiter bestehen konnte. Mit Recht ruft daher der Psalmist aus: ״Vor der Offenbarung am Sinai bebte und zitterte, wankte und schwankte die Erde", denn die Geister waren wahnmnachtet, der Götterglaube hatte sie bethött und verwildert, fanatisirt und verhetzt. Da übte Gott der Herr an den Göttern Egyptens Strafgerichte aus und erschien dann an! Sinai, um dem morsch gewordenen Weltgebäude durch die herrlichen, unvergleichlich großen, menschenbeglückenden Lehren seiner Thora, für deren Annahme Israel sich mit wahrer Begeisterung und ungewöhnlichem Enthusiasmus erklärte, Säulen, Trag- und Stütz- Pfeiler unterzulegen, damit seine weitere Eristenz gesichert sei; on.au.cki tikanti amudeho 8618k. Mit gerechtem Stolze durfte daher der Prohpet Jrsaias ausrufen: ״Wie Deine Gesetze zur Erde kamen, lemten Gerechtigkeit die Bewohner der Welt". Durch die Thora erfuhren sie, dass es nur einen Gott gibt, der der Vater aller Menschen ist und es sehnlichst wünscht, dass seine Kinder sich gegenseitig lieben und brüderlich behandeln sollen. Durch die Lehre Moses, die jede Engherzigkeit und Unduldsamkeit, jeden Hass und Neid, jede Rachgier und Verfolgungssucht auf das Entschiedenste verpönt und nur allgemeine Nächstenliebe und Menschenverbrüderung lehrt und Predigt, haben sie erfahren, dass es thöricht und barbarisch sei, Menschen ihrer religiösen Anschauungen wegen zu hassen, zu verachten und zu verfolgen. Nun, werdet Ihr Gegner Israels noch behaupten, dass Moses die herrlichen Lehren der Thora einzig und allein der ״egyptischen Schule" zu verdanken hatte? Entspricht das erhabene, echte Mcuschmliebe athmende Gesetz: ״Wenn ein Fremder — d. h. einer, der einer anderen Nation, einer anderen Rasse angehört — sich in Euerem Lande aufhält, so dürfet Ihr ihn nicht drücken. Der Fremdling, welcher bei Euch sich aufhält, soll von Euch wie der Einheimische betrachtet werden, Du sollst ihn so lieben, wie Du Dich selbst liebst, denn Ihr seid auch Fremdlinge gewesen im Lande Egypten; ich der Ewige Euer Gott", dem Geiste der ״egyptischen Schule?" Hatte Moses das herrliche Gesetz: ״Du sollst einen heidnischen Sclaven nicht seinem Herrn ausliefern, wenn er bei Dir vor seinem Herrn Schutz sucht; lass ihn bei Dir wohnen, an welchem Orte es ihm gefällt, in einer Deiner Städte, wo es ihm beliebt, Du darfst ihn aber nicht drücken" der ״egyptischen Schule" zu verdanken? Oder das schöne, wahrhaft menschenbeglückende agrarische Gesetz, womach Gmnd und Boden nicht für immer verkauft werden durfte, damit nicht der Pauperismus, das Elend und die Noth um sich greife, das herrliche, göttliche Gesetz ukorosem draur boorez lecbol josckweho: Ihr sollt die Freiheit im Lande proclamiren, und zwar iechoi josckweho für alle Bewohner, denn ich dulde weder das Kastenwesen noch den Klassen- und Rassenunterschied, weschaftem isck 61 achusosau, jeder muß endlich zu seinem Besitze gelangen, es darf keine Enterbten und Besitzlosen geben, jeder muß ein menschenwürdiges Dasein fristen können? War es die ״egyptische Schule", die ihn den Werth eines jeden Menschen zu schätzen und zu achten gelehrt? Hatte er überhaupt dem thiervergöttemden und menschenbedrückenden Egypten die zahlreichen, unvergleichlich großen, von wahrhaft göttlichem Geiste durchdrungenen Lehren der Humanität, die, trotz des fortschreitenden Geistes, ihre Verwirklichung unter dm Völkem der Erde heute noch nicht gefunden, zu verdanken gehabt? Wer wäre so thöricht, so bomirt und beschränkt dies behauptm zu wollm! Nicht den egyptischen Gelehrten und Bilderschriftkundigen, nicht der berühmten ״egyptischen Schule", sondern einzig und allein