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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-05-21 · Heft 14 (21.5.1892) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 14 (21.5.1892)
Date
1892-05-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. GHekkeichisch-üNTcwische:.Eäntvren-ZeitunT. Hofrath Nothnagel «her den Antilemitisrnus. In der lchten Generalversammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus entivickelte Professor Nothnagel, der bekannt-' lich zu dm Gründern dieses Vereines gehört, seine Anschauungen über den Antisemitismus in folgender Weise: Wir Alle haben uns heute hier in Einem Gedanken gefundm, ein gleiches Empftndenbeseelt, tragt uns alle. Wie verschieden der Zkffchaüüngskreis der Einzelnen in socialer, in politischer und mancher sonstigen Beziehung sein möge, in Einem, in dem hier entscheidenden Punkte berührt er sich bei uns Allen — in dein Gefühl der Gerechtigkeit, Dieses hat uns, vor Jahresfrist zusammengeführt. Und die aus demselben entspringende ethische Pflicht, die schmachvollen Angriffe gegm unsere jüdischen Mitbürger abzuwehren, hat diesen Verein in das Leben gerufen. Ich weiß nicht, meine Herren, was größer in einem fühlendm Menschen sein muß: ob der Ekel über das wüste Treiben, welches sich als Antisemitismus bezeichnet, oder der Zorn über dasselbe, oder eine tiefe Traurigkeit darüber, .dass eine solche Seeelenpest sich verbreiten konnte. Wenn eine , wahrhaft große Bewegung die Menschen ergreift, so liegt ausnahmslos auch eine bedeutende Idee zn Grunde, im Anfänge vielleicht von Manchem nicht erkannt, nicht verstanden, aber .doch einen:. Inhalt bergmd, der irgend einen sittlichen' Kern emschließt und dämm auch eine Lebensberechtigung bedingt und gewährleistet. Wenn in dem Strom einer solchen Bewegung die Wellen dm Einen oder den Anderen verschlingm, so ist das! wohl beklagmswerth, aber es sind das Opfer, welche wenigstens einer fortschreitmdm Entwicklung gebracht wurden, die der Gesammtheit zu Gute kommt. Meine Herrm, von einem solchen Standpunkte aus die! antisemitische Bewegung prüfen zu wollen, wäre eine Versündigung gegm die elementarsten Forderungen nicht nur der Gerechtigkeit und Humanität, sondern selbst des schlichten Verstandes. Keinerlei Idee und keinerlei noch so verschrobmes Ideal liegt in Wahrheit dieser Bewegung zu Gmnde, kein zündender Gedanke führt sie, kein leuchtmdes Ziel winkt an ihrem Ende. Von alledem das Gegmthell. Wozu, meine Herrm, soll ich in dem trüben Sumpfe rührm, aus welchem die Giftblasm des Antisemitismas aufsteigen? Sie alle kennen ihn ebenso gut wie ich. Und ich muß sagen, dass es mir widerstrebt, das .traurige Gewirr von Beschränktheit und Schwäche, von Neid und Hass, von Allem was klein und hässlich in der Menschennatur ist, und was in seinem Zusanunenwirken die empörende Fratze des. Antisemitismus erzeugt hat, Psychologisch zu analysirm. Nur von den klaren Höhen der historischm Anschauung möchte ich in dieser Stunde die Sache, für welche wir mit Emst und Treue zu wirken uns bemühen, in wenigen Bemerkungen beleuchtm. Der Redner gab nun eine historische Skizze über das Schicksal der Juden unter den Völkern, unter denen sie lebten, und über die Verfolgungm, denen sie lediglich deshalb ausgesetzt warm, weil man ihnm dm Erwerb mißgönnte. Confessionelle Gründe feien es nicht gewesen, die zur Verfolgung der Juden Anlass gaben. Gerade die Päpste und die Kirche forderten in Erkmntnis ihrer hohen Pflichten und in edlem Gerechtigkeitsgefühl Nr. 14. sehr.oft und vielfach׳ Mlde und Schonung gegen die. Juden. Die Stellung׳'der Juden, im Verkehrsleben wurde durch allerlei Maß- -nahmen derart verändert, dass sie aus dem Waaren- und Groß- :Handel allmälig. auf das Geldgeschäft und . den Kleinwaarenhandel .zurückgedrängt wurden. Und' nun beginnt jene fürchterliche und grausame:Zeit, welche das gemarterte Volk unter die׳:schlimmsten Ausnahmsgesetze stellte, vom Ackerbau,. Gewerbe und: Großwaaren- Handel ausschloß. י::. Erst im vorigen Jahrhundert, als erleuchtete und hochsinnige Männer anfiengen,^ihre Stimme zu erheben, begann man, theoretisch des Verbrechens gegen Humanität und Gerechtigkeit sich bewusst zu werden. Praktisch wurde es, in der Form wenigstens und von Seiten der Staaten als solches, aufgehoben, als die großen politischen Umwälzungm die rechtliche Gleichstellung aller Staatsbürger ohne Rücksicht auf Nationalität und Confession herbeiführtm. Wenn trotzdem jetzt von Neuem der Hass gegen unsere jüdischen Mitbürger hervorgebrochen ist, jetzt in unserer culturell und wissenschaftlich fo hoch entwickelten Zeit in erschreckendster und für den Menschenfreund beschämendster Weise von Neuem um sich gegriffen hat, was ist, psychologisch untersucht, die letzte und eigentliche Triebfeder davon? Wieder sagen die Einen: der confessionelle Gegensatz. Das ist unmöglich, denn ein wahrhaft frommer Mensch würdigt jede religiöse Ueberzeugung. Hass gegen Andersgläubige verträgt sich nicht mit der echten Frömmigkeit. Die Anderen meinen: der Racmgegmsatz. Das ist ganz unhistorisch, demt bekanntlich gehören namentlich in unseren östlichen Ländern sehr viele Bekenner des mosaischen Glaubens ethnologisch gar nicht zu den Semiten, sondern zu den Slaven. Und dann, wenn wirklich bei Einzelnen ein solcher sogenannter Racengegensatz die Quelle ihres Antisemitismus sein sollte, wie klein, wie verächtlich, und in seinen Konsequenzen wie erschreckend, ist eine solche Art des Empsindens. Das stärkste Gefühl für das Vaterland ist das Gebot, politische Gegensätze zwischen Völkern können zu blutigen Kämpfen führen, in denen mit Begeisterung das Dichterwort lebendig wird: ״Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles einsetzt für die Ehre". Aber für Nacengegensätze als solche soll es keinen Raum in uns geben. Erst Mensch, dann Weißer, Gelber, Rother, Schwarzer; erst Mensch, dann Germane, Slave, Semit, Romane; erst Mensch, dann Jud, Christ und Muselman. Nein, nicht confessioneller Gegensatz; auch nicht nationale Abneigung sei ° das Maßgebende und Treibende für das Wiederaufwachen des Antisemitismus in unseren Tagen. Für die erschreckende Verbreitung, für die empörende Gestaltung dieses Frevels an der Humanität und Gerechtigkeit ist genau dasselbe Motiv die Triebfeder wie vor 800 bis 900 Jahren: Der gemeine Neid, die niedrige Mißgunst. Man vergisst bewusst oder unbewusst, dass es Hundert- und aber Hunderttausend von ärmsten Judengibt, welche bitter und mühselig mit des Lebens Noth ringen; man denkt nur daran, dass es den jüdischen Mitbürgern heute ermöglicht ist, in den Wettbewerb in dem Kampfe ums Dasein einzutreten —־ man haßt den Concurrenten auf den Gebieten des geistigen und gewerblichen Lebens. Das, meine Herren, ist der wahre Kern des Antisemitismus, ist das traurige zugleich an demselbem, dass er aus dem Gemeinen in der Menschennatur seinen Ursprung nimmt. Alle Declamationen von sogenannten anderen Beweggründen, Erklärungen, Rechtfertigungen für denselben sind hohl und nicht. Auf׳ alle gibt

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