Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 14 (21.5.1892)
- Date
- 1892-05-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitmtz. Seüe 3 Nr. 14 primitiven Werkzeuge gebracht. Ein aus dem Jahre 1627 stammender Spruch ״Von allerhandt Waaren, so man zu Augsburg in allen Gassen herumschreyet", den Birlinger in seiner ״Alemania" mittheilte, weiß sogar von einem Handel mit Maienpfeifen zu melden: Hic muss ich Euch anzeigen Ehe ich zum Ende komb: Doren und Dorenschlehen Schreyt man auch heromb, Spindlen und Mayenpfeiffen; Dazu Weiber, Stroh. Damit werd dises Schreyen Ein ganzen Tag also. Der Wunsch, seine Freude auffällig durch die Stimme, durch Schreien, Jauchzen, Singen auszudrücken, ist wohl so alt als das Menschengeschlecht selber; später entstand das Bestreben, die eigene Stimme durch Schallwerkzeuge zu ersetzen, zu begleiten, zu verstärken, noch später wurden die Tonwerkzeuge erfunden, unter diesen wohl wieder zu allererst die Pfeifen. Die Natur selbst wurde die Lehrmeisterin; der im Schilfrohre blasende Wind veranlasste den lauschenden Hirten selbst zu versuchen, ob er nicht durch Blasen Töne erzeugen könne, und siehe da, es gelang. Nach Eustachius haben die Thebauer,nach Athenäus die Lybier, nach der Bibel Jubal, nach Anderen die Creteuser die Pfeifen erfunden. Man war zur selben Zeit mit der Hervorbringung eines wenn auch unschönen Klanges zufrieden. Als sich die Blasinstrumente vervollkommneten, traten die Dichter auf und legten Gottheiten die Erfindung der Instrumente bei. Die Einen fabelten, Minerva habe die Nohrpfeise erfunden, das.Zischen der Schlangen auf dem Mesusenhaupte habe sie oarauf gebracht; Andere sagten, Merkur sei der Erfinder, der habe sein Patent dem Apollo gegen einen goldenen Stab abgetreten; die mehrrohrigen Pfeifen sollen Pan und Eilen construirt haben. Schilfrohr, Hollunder, Bambus, Weide, Buchs lieferten das erste Material, dann kamen die Röhrenknvchen von Rehen und anderen Thieren daran. Mit den aus dem Saftholze gewonnenen Pfeifen wurde des Frühlings Einzug gefeiert, sie ertönten bei den verschiedenartigen Lenz- und Maifesten; sowie man das erste Veilchen, den ersten Maikäfer mit allerlei Sprüchen begrüßte, so bildete sich auch eine eigene Spruchlitteratur für das Schneiden und Verfertigen der Maienpfeifen. Die primitiven Instrumente tragen allerlei Namen. Im Böhmerwald heißen sie Pföfferl, in Windischmatrei Pfloita, im Pusterthale Maeinfloite, in anderen Theilen Tirols Moidnpfeif. Pfeifchen mit schnarrendem Tone heißen die Schlesier Huppen, die Mecklenburger Purten; in Westfalen ist der Name Happe allgemein. Wat Sappholt 1m ne Happe is, Mien Frön-, dat wcest -u doch gewiß! Sapp Wiedenholt -oh wie -at heiten, Den Bast klopp wie to Happen, Fleiten. Das bevorzugteste Materiale liefert die Weide, namentlich Salix alba, welche auch Maiholz genannt wird. Salix capria und retusa, welche in der Schweiz auch Pfeifenholz, Pfeifenruthe, Pfifarstuda heißen. In einem ״Abschiedsbriefe" singt der Bregenzer Hagen: Hannele, amol so frei, Hannele und jetzt so stolz! Ostermuntag ist verbei, Volla Saft sch 's Wideholz, D' Buebe machet Pfifa! In Fritz Reuter's Erzählung Hanne Nüte kommen zu lütt Fiten, welches emsig strickt, die Kinder mit hunderterlei Fragen und Wünschen heran, endlich kommt noch -lütt Hanne, De oll lütt dämlich Peiters Bengel, Mit eine Hand vull Widen nah ehr 'ranne, De fünd all von verleben Johr, Un seggt: Lütt Pudel, mi ok en por So 'n Flauten, als Corl Westenfurten; iln gähn kein Flauten ut, denn mak mi Purten. ״״Du lütte Klas, de sünd jo drög!"" Iln leggt de Knüttelsticken weg: ״״Möst ok so lang' min Gössel Händen,"" Un löppt sie nah de Bäck hentan Un seitt dor Widen af tau Fläuten. In dem Gedichte ״Die büßenden Jungfrauen" von Voß jammern die in Weidensträuche Verwandelten: ״Muthwillige Knaben schnitten sich Flöten von uns und dudelten spöttisch am Ufer." Ein Spruch aus der Küstriner Gegend heischt die Anfertigung aus ״Meioran, von Thymigvan." Der Kapuziner Laurentius von Schnüfis, der eine Liedersammlung ״Mirantische Maienpfeiff"*) herausgegeben, sagt in der Vorrede: ״Ich Hab' auch von dem wilden Schuß meiner Safft- und Kunstlosen Feder einen Mayenpfeiff abgestreifft und verfertiget." Nächst der Weide ist der Hollunder am beliebtesten. Soll eine Pfeife verfertigt werden, so sucht man vorerst einen passenden Zweig, macht darin mit dem Messer zwei ringförmige Einschnitte, welche die künftige Pfeife begrenzen, und schält' die außerhalb dieser Ringe befindliche Rinde ab. Dann wird mit der Breitseite eines Taschenmessers, das man bei der Klinge gefasst hält, so lange auf den noch berindeten Zweig gehämmert, bis sich der Bast vom Holze löst und man die unbeschädigte Rinde abziehen kann. Bei dieser Beschäftigung werden nun im Süden und Norden, im Osten und Westen unseres Vaterlandes allerlei kürzere oder längere Sprüche in eintöniger feierlicher Stimme hergesagt. Diese Sprüche enthalten Drohungen, Beschwörungen; Grimm meint, weil Runen - auf Bast geschrieben wurden, mag das Alterthum auch Runen gekannt haben, die den Bast vom Holze lösten. Durch eine große Reihe dieser Spruchformeln finden wir Anspielungen auf den heiligen Sebastian, willkürliche in der Erinnerung an den sästspendenden Heiligen, unwillkürliche durch die Beziehungen zum Baste erzeugte. Als de lütte Pudel für Peiters Bengel eine Fläute kloppt, sagt sie: Pipen Papen Pasterjahn, Lat de widen Fläut afgahn, Lat s'ok nich verdarwen Aat )־' recht lustig Warden. Der kürzeste aller mir vorgkommenen Neimsprüche lautet: ״Fabian Sebastian lat mi de widenflvt afgan!" (Schluss folgt.) *) ״Mirantische Mayen-Pfeif. Oder Marianische Lob-Verfassung. In welcher Clorus, ein Hirt, der Grossmächtigsten Himmels-Königin und Mutter GOttes Mariä unvergleichliche Schön- Hoch- und Vermögenheit anmuthig besingt. Mit schönen Kuppfern und gantz neuen Melodeven gezihrr. Durch F. Laurentium von Schnüffis Dillingen 1692."