Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 14 (21.5.1892)
- Date
- 1892-05-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3453241-3453255--3459-3457817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 14. und weiteren Nachkommen nicht durch schlechtes Beispiel der Voreltern den Pfad zum Bösen geleitet werden. ״Aber nicht sollen sterben Väter ver Kinder willen und nicht Kinder der Väter wegen." (5. 24. 24., 16.)' Im Dekaloge — diesem Grundpfeiler aller Humanität und Gesittung der Menschheit — kommt wohl auch der Beisatz ״eifervoller Gott" vor. Allerdings ist Gott voll Eifer in seiner Liebe zu den Menschen. Er ist nicht wie ein lässiger, träger, gleichgiltiger Vater, der in schlaffer unrichtiger Liebe, aus Schwäche und Weichlichkeit des Lieblings schont, ihm am Rande eines Abgrundes spielen lässt, ohne jede Mahnung, Zurechtweisung und Züchtigung, sondern voll Liebeseifer ist Gott, des Wohles seine Lieblinge bedacht, um sie durch Erziehung Ermahnung, und Züchtigung den rechten Pfad der Tugend zu leiten. Und wer wollte oder könnte, ohne die Wahrheit zu verletzen, es widersprechen, dass gerade der alttestamentarische Gott es ist, dessen Verordnungen und Vorschriften es zu allererst waren, welche der Roheit und Grausamkeit, dem Unrecht, Uebermuth und Frevel, der Rücksichtslosigkeit und Selbstsucht Schranken und Dänin! setzte und so durch moralische Einwirkung die soziale Ordnung vor gejährlichen Elementen befreite? Rache, Lieblosigkeit, Grausamkeit, Theilnahmslosigkeit bei Menschengefahr, Feindschaft, selbst dem Gegner gegenüber, wie überhaupt jede Inhumanität, sind nachdrücklichst verboten. (3. 24. 18. 21—19. 9—18, 28, 32 u. v. a.) Jehova sind alle seine Menschenkinder gleich geachtet, der Herr wie der Knecht, der Niedrige wie der Hohe, er schaffet Recht der Waise und Wittwe, liebet dm Fremdling, gibt ihm Nahrung und Kleidung und befiehlt ihn wie sich selbst zu liebm (5. 24. 10, 17—18 u. a.) und dm der Grausamkeit seines Gebieters entflohenen Sclaven. in wohlwollmdster Weise zu behandeln. (9. 24. 23. 17—18.) Jehova befiehlt sogar sich dem Verkchre von Misanthropen fem zu halten, und derm inhumane Gesinnung und Handlungsweise sich nicht anzueignm, selbst deren ״Wohlwollen und Güte sollen nicht in Anspruch genommen werden", um sie dadurch nicht zur Aeußerung ihrer Misanthropie zu veranlassen (5.24.23.4—7). Wie kann man aber auf grausamen Spass und auf s p as shafte Grausamkeit bei der Bestrafung Verurtheilter unter der Leitung des alltestammtarischm Gottes anspielen? Durfte ja nicht einmal der Leichnam eines zum Tode Verurtheilten über Sonnen- Untergang auf der Richtstätte verbleiben, sondern er musste noch am selbm Tage bestattet werden; dmn als eine Geringschätzung Gottes wird eine solche Handlungsweise bezeichnet. (5.24.21,22—23.) Bei Auffindung eines Erschlagenen wurde die Stadtvertretung des Fundortes zur Rechenschaft gezogen und musste mittels Eides die Schuldlosigkeit an der Mordthat bekräftigen (9. 24. 21. 7). Bei Leibesstrafe durfte ja nicht das Normale überschritten werdm, ״damit nicht emiedrigt werde der Nebenmensch" (9. 24. 29, 3). Falsche Zeugenschaft wurde strengstens bestraft (9. 24. 19. 19—19) und zur Verhütung unschuldigm Blutes wurdm 3—6 Zufluchtsstädte bestimmt. (5. 24. 19. 7—10.) Erstreckt sich ja das zarteste, schonendste Mitgefühl selbst auf Thier und Pflanzm! So muß dem verirrtm oder überbürdeten Thiere, selbst dem des Feindes, Beistand geleistet werdm (2. M. 23. 4, 5.) Vor dem achten Tage darf ein Junges seiner Mutter nicht entzogen und das Alte sammt dem Jungm an einen! Tage nicht geschlachtet werdm (3 24. 22. 27—28). Castration ist verbotm (3. 24. 22. 24). Die Thierschlachtung ist durch geeignete Mittel möglichst beschränkt (3. 24. 17—23. 29. 3—4—19. 6—8). Das Blut der Schlachtthiere darf nicht nur" nicht genossen, selbst zu technischen Zwecken nicht verwendet, sondern es muß verscharrt werden, um dein Auge und jedem Gebrauche fofort entzogen zu werden. (3.24. 17. 13.) Die Vogelmutter sammt den Jungen darf nicht genommen und dem Thiere beim Dreschen nicht das Maul verschlossen werdm. (5. 24. 22. 6—7, 10). Ein fruchttragender Baum durfte, auch zu Kriegszwecken, nicht umgehauen werden (9. 24. 21. 29) u. dgl. m. Und warum verschonte denn Gott die sündhafte Stadt Ninive, die schon dem Untergange preisgegeben war? Nur deswegen, weil er sich in seiner unendlichen Barmherzigkeit der unschuldigen Kinder und des schuldlosen Viehes erbarnite (Jona, 4. 12). Allerdings fehlt es im alten Testainente an einzelnen Stellen nicht, die bei wörtlicher und unklarer Auffassung zu Missverstandnißen und Missdeutungen Veranlassung geben können, ganz besonders wenn Befangenheit, Vorurtheil und Bosheit mitspielen; jene Redeweisen sind aber theils poetischer, theils symbolischer Natur oder können nur im Verhältnis zum Ganzen beurtheilt und aufgefasst werden. Durch dieselben sollen dem beschränkten Geiste einer zum Nachdenken und Forschen nicht geeigneten, wenig culttvirten Volks-!nasse sinnbildlich verkörpert werden, was sie sonst nicht zu fassen vermöchte. So bedeutet das Ankünden der Gottheit im Donner, Blitz und Erdbeben seine Allmacht und Größe, die er dem Menschen alltäglich in anderen Naturerscheinungen offenbart. Das Erscheinen Jehova's in Feuer und Flamme oder die Redefigur ״er ist verzehrendesFeuer" deutet auf sein unkörperliches, unveränderliches, unantastbares, höchst geistiges Wesen. Die figürliche Redensarten von dem Berauschen seiner Pfeile vom Blute und von seinem verzehrenden Schwerte deuten auf Gottes unwiderstehliche und unbesiegbare Macht u. dgl.!!!. Beugen wir uns doch alle in Demüth vor der Erhabenheit Jehova's, dem alttestamentarischen Gottte, dem liebevollm Vater aller Menschen! Sapphott. Ein Capitel volksthümlicher Musikgeschichte. Von Richard v. Strele. ״Im Frühjahr, wenn neuer Schuß und Trieb in Baum und Strauch waltete, saß Andifax vergnüglich draußen und schnitt Sackpfeifen aus dem jungen Holz und blies darauf; es war ein einsam schwermüthiges Getön". Also lesen wir in des siegreichen Scheffel Evangelium vom Mönche Ekkehard und von Hadwig, der Herzogin, und vor unseren Augen tauchen Bilder frohester Jugendzeit auf, wir sehen uns selber Saftholz suchend und Pfeifen klopfend am Waldrand sitzen. Schon im Januar, wenn die Erde noch in ihren Eispanzer gehüllt ist, fängt das Erwachen der Naturkräfte in aller Stille, im Geheimen an. Die Bauem bezeichnen den Festtag der Heiligen Fabian und Sebastian als den Wendepunkt und reimen: An Fabian und Sebastian Soll der Saft in die Bäume gm. Merken thut man freilich noch äußerst wenig davon, und erst iin Wonnemond ist das ״Sappholt", wie die Westfalen sagen, so weit gediehen, dass es der fröhlichen Jugend passendes Material zur Verfertigung von Pfeifen liefert. Nun aber klingt es von allen Büheln und Rainen, selbst in die Gassen der Städte werden die