Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 12 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 12. eint war, im Grabe nachgefolgt. Trauernd standen an ihrer Bahre drei gramgebeugte Söhne und eure tiefbetrübte Tochter, theilnahmsvoll die ganze Familie und der große Kreit׳ von Freunden und Bekannten, klagend und jammernd die unendliche Schaar der Armen und Bedrängten, die an der Heimgegangenen eine großmüthige Wohlthäterin verloren haben. Wohlthun war ihres Lebens Inhalt. Mit tiefreligiösem Sinn und edlem Mitgefühl ausgestattet, übte die Verblichene Gutes, wo sic nur konnte, und erwarb sich darum schon in ihrer Vaterstadt Bucarest das schone Prädicat einer ״Mutter der Armen", indem sie zahlreiche humanitäre Vereine int׳ Leben rief. Und welcher Verchrung und Beliebtheit sich Frau Veneciana Elias hier erfreute, bewies die außerordentliche Theilnahnie an ihrem Leichenbegängniße, welches Sonntag, den 24. April stattfand. Im Trauerhause priesen Chacham Papo und Schuldirector Groag die vielen Verdienste und die ausgezeichneten Tugenden der Heimgegangenen, und am Friedhofe sprach Ehacham Alkalay eine ergreifende Grabrede. Die Trauergesänge executirte Obercantor Bauer mit dem gesammten'Chorpersonale. Mögen die allgemein verehrten Söhne der Verblichenen, sowie deren hochgeschätzte Tochter, Madame Halfon in Bucarest, die am königlich rumänischen Hofe sich hohen Ansehens erfreut, Trost und Linderung ihres Schmerzes sinden in der allgemeinen Theilnähme und in dem erhebenden Bewusstsein, d-ass die Namen Menachem und Veneciana Elias ewig fortleben werden in de!: schönen Institutionen, welche dieses edle Paar bei Lebzeiten geschaffen. ת״נ״צ״ב״ה• Kleine Chronik. Wie«. Prediger Mannheimer-Verein. Am 17. Oetober d. I. gelangen die Zinsen des Prediger Mannheimer-Vereines zur Vertheilung. Anspruch auf die Unterstützung haben Rabbinen, Prediger und Lehrer in Oesterreich-Ungarn, welche dienstunfähig geworden sind, oder deren Witwen und Waisen. Die Bewerber müssen in einer Gemeinde, welche mindestens fünfzig Mitglieder zählt, wenigstens durch zehn Jahre daö Amt in würdiger Weise verwaltet haben. Beamte großer, notorisch reicher Gemeinden sind ausgeschlossen. Die Würdigkeit der betreffenden Beamten, sowie die Dienstunfähigkeit sind nachzuweisen. Ungestempelte Gesuche sind längstens bis zum 30. Juni d. I. an die israelitische Gemeindekanzlei in Wien unter der Adresse: ״Vorstand des Prediger Mann- Heimer-Vereines" zu übersenden. Wie«. (Gegen den Blutaberglauben.) Als Ergänzung der neuesten Auslage von Mayer's Conversations-Lexikon ist soeben der zweite Supplementband für 1891/92 erschienen, der unter Anderem einen Artikel über dm ״Blutaberglauben" enthält, worin aus Grund der neuesten historischen Forschungen der Nachweis gcführt wird, dass der Glaube an eine Wunderkraft des menschlichen Blutes schon bei allen Völkern des Alterthums vorkam und zu dm geheimnisvollen Ceremonim der Blutbrüderschaft, der Todtenbeschwöruug und der Entsühnung durch das Blut unschuldiger Kinder, Jünglinge und Jungfrauen führte, dass sich ferner auch im Mittelalter der Glaube an die Heilungen durch Blut erhielt. Es wird ferner nachgewiesen, dass eine besondere Form des Blutaberglaubms, nämlich die Beschuldigung des rituellen Kindermordes zu Opferzwecken, zuerst im röinischm Reiche gegen die ersten Christen erhobm und erst im Mittelaller zur Aufreizung der Leidenschaften des Volkes gegm die Judm gerichtet wurde. Im Zusammenhänge damit sei die Sage von den blutmdm Hostien entstanden, und vergeblich erhoben aufgeklärte Päbste, wie Benedikt LH. gegen das Blmwuuder und Clemens XIV. Ganganelli gegen die Beschuldigung der Juden, ihre Stimme. Der Artikel hebt ferner hervor, dass, als die Beschuldigung des rituellen Kindermordes in der Gegenwart durch den Antisemitismus wieder neu belebt wurde, gerade christliche Theologen, wie der Missionär Biesenthal und Professor Strak, den Nachweis führten, dass wohl keine Religion strengere Vorschriften gegen den Blutgenuß besitze, als gerade die jüdische, und als Beispiel wird angeführt, dass Moses Meimonides (1130 bis 1204) in seinem Ritual-Codex anvrdnete, dass Jemand, der beim Brotessen in Folge Zahnblutms auf seinen: Brote Blut bemerke, dasselbe sorgsam abkratzen müsse. Es sei ein hoher Grad von Verblendung, zu glauben, eine Religion, welche mit solchem Abscheu den Genuß von Thierblut verdammt, könne den Genuß von Menschenblut erlauben. Wie«. Einer der hervorragendsten Führer der deutschen Antisemiten, Professor Adolf Wagner, hat sich nunmehr vom AntisemitiSmus losgesagt. Es liegt uns eine Rede vor, welche Professor Wagner vor Kurzem im eonservativen Bürgervereine ״Blücher" in Berlin hielt und folgendes Bekenntnis enthält: ״Er werde heute wohl Vieles sagen, was Manchem der Anwesenden zu hören nicht angenehm sein wird, so besonders in der Judenfrage. Es empöre seine!: deutsche!: Sinn, dass man immer die klägliche Ausrede gebrauche, wir seien die von den Juden Verführten. Mit ihn: seien die meisten Profefforen und Gelehrten der Ansicht, dass der Antisemitismus nicht Recht habe und eine ungeheuere Uebertreibung sei. (Widerspruch.) Was er noch neulich in einer Versammlung gehört habe, dass man die ganze conservative Bewegung in die antisemitische überleiten müsse (Sehr gut!), sei Phrase. Der jetzt zur Verhandlung stehende Process gegen den Bankier Polke zeige, dass auch mehrere Christen bei unsauberen Manipulationen betheiligt gewesen seien. (Zwischenruf: Nur Einer!) Neun, dann ist es nur Zufall. (Lachen.) Wir seien genau dieselben Menschen, wie die Juden, nur vermöchten wir uns nicht so geschickt und gerieben anzustellen. Was er da aussühre, höre Niemand gern; denn natürlich sei es bequemer zu sagen: ״Der ist Schuld, 'raus mit ihm, dann wird Alles besser." Aber das ״Wie" erörtere man niemals. Und wen!: wir de!: Juden vorwerfen, sie ernteten große Gewinne ohne persönliche Arbeit, so sanctioniren ja auch Staat und Gesellschaft ein derartiges Thun, inden: ma!: den: Lotteriespiel freiesten Lauf lasse. Es sei nichts gefährlicher im Leben, als die Dinge nur immer so zu be- Handel!:, dass man weiß, die Leute schreien Beifall. Das schlimmste vo!: alle!: agitatorischen Mitteln sei der Hinweis auf eine bessere Zukunst, ohne dabei anzugeben, wie dieselbe sich gestalten solle; u!:d er habe seine Bedenken, ob der Antisemitismus nicht zu viel verspreche. Alle Verbesserungen gingen nur langsam vor sich, und er glaube nicht, dass jemals in der Welt ein Zusta!:d allgenieiner Zufriedenheit eintreten werde. Bei allen extreme!: Parteiei: sei die Neigung Vorhände!:, anzunehmen, dass bei Aenderung der materiellen Verhälttüße die Menschen besser würden; die Weltgeschichte beweise das Gege!:theil. Weder die Vertreibung der Juden,!:och der Socialstaat werde die erhoffte Glückseligkeit bringen. Es gebe eben keinen Himmel auf Erde!:." Ung.-Brod. Wir sind wieder zum Chomez zurückgekehrt. Hiebei kam: nicht genug aufmerksam gemacht werden, dass Vieles, was unseren Ettern als ::!:gesäuert galt, uns als im höchsten Grade gährender Sauerteig erscheinen muß. Das hat der zweite Auszug aus Aegypte!: bewirkt, den unser erhabener Monarch mit dem Wunderstabe der Verfassung zu Gunsten Israels bewirkt hat. Die Finsternis wich und das Recht der Erstgeborenen erstarb. So lange aber der Jude im Ghetto eingeschlossen und eingepfercht war, wurde er auf Anständigkeit, Rechtlichkeit und Sittlichkeit mi!:der strenge geprüft, als in unseren Tagen. Heute sitzt er im Orts-, Bezirks- und Landes-Schulrath nnd hat dort die Aufgabe, Interesse!: und Würde seiner Glaubensgenossen zu vertreten. Schickte man!:un einen hin, de!!: die Herrei: Schulräthe anderer Eoiffessione!: im Cafs, Salon u!:d Eisenbahn-Coups auszuweichen Grund hätten, so dürfte auch sein Einfluß in jenen Körpern ein minimaler sei!:. Das hieße: Sich selbst den Boden untrr den Füße!: wegziehen. Aber auch jene Partei, die sich, vielleicht mit Recht, vielleicht mit Unrecht, im Alleinbesitz des wahren Judenthums wähnt,!!!uß doch endlich einsehen, dass ein solches System zun: moralischen Nihilismus führe!: müsse: Soll Hagar das Wort