Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 12 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12 Desterreichisch-ungarische (Lantoren-Zeitung. Seite -3. Nach seiner Bedeutung und Anwendung in biblischen und nachbiblischcn Schriften. XXIV. 63. ״Eine besondere Seele gibt Gott dem Menschen als Zugabe beim Eingänge des Sabbats ״Nesckomoh jesseroh", die ihm wieder beim Ausgange des Sabbats genommen wird (Beza 16). Die besondere Seele bedeutet die Sabbatruhe, die Heiligkeit des Sabbat, die seelenvvlle Entzückung des srommen Gemüthes, die erhebende Feier im Gottes- und Familienhaus. Diese versetzen den Israeliten in eine höhere, sreudige Stimmmig, die ihn wieder verlässt, wenn der Sabbat ausgcht und die Mühen und Sorgen sich wieder einstellen. 64. ״Der Unterschied zwischen der Gegenwart und der Messiaszeit besteht blos in der Befreiung Israels vom politischem Drucke (Sckibud Malchrjos)" Berach. 34. — Dieser Spruch stammt von dem freisinnigen Samuel, welcher die Messiasidee nanatürlich auffasst. Die Erlösung vom Drucke, unter den! die Juden schmachteten, wird für sie der Messias sein. Natürlich müsste ganz Israel in allen Staaten und Ländern von jedem Drucke und Ausnahmsgesetze emancipirt sein. So kann in der Jetztzeit — abgesehen von dem Antisemitismus, obwohl die Juden in den meisten eivilisirten Ländern gleichberechtigt sind, da es noch Juoenverfolgungen und Bedrückungen in anderen noch uncivitisirten Ländern gibt, wie in Rußland der Fall ist, wo die meisten Juden des Continentes wohnen, und noch andere kleinere Staaten, wo auch die Reaktion heimisch ist — von einer Messiaszeit keine Rede sein, überhaupt nach dem prophetischen Bilde, ״wo Wolf und Lamm friedlich zusammen wohnen werden". So weit haben wir es, trotz der Civilisation und des Fortschrittes, noch nicht gebracht. 65. ״Die Welt muß Gewürzhändler, die Welt muß Gerber haben. Wohl dem, beffen Beruf Gewürz Händler ist und sich nicht von der Gerberei ernähren muß. — Die Welt muß Knaben, die Welt nmß Mädchen haben. Wohl dem, dessen Kinder Knaben sind, Wehe dem, der nur Bater von Mädchen ist" (Kid. 52). Wohl ist jeder Beruf, der redlich betrieben wird, achtenswerth, jedoch soll der Mensch bestrebt sein, einen würdigen Beruf zu wählen, überhaupt feinen solchen, wodurch seine Gesundheit beeinträchtigt wird. Diese beiden Sprüche stehen insofem im Zusammenhange, dass wohl die Eltern alle ihre Kinder gleich lieben sollen, gleichviel ob sie Knaben oder Mädchen sind; jedoch verursachen die Mädchen bei der Versorgung den Eltem mehr Kummer. Es mag auch noch eine andere Ursache hier obwalten, weil die Mädchen nach dem Tode der Eltern, das Kadischgebet nicht verrichten können. Sonderbar ist es, dass bei den Arabem die Verlobungsformel lautet: ״Zu Söhnen und nicht zu Töchtern". 66. ״Der Lohn beim Besuche des Trauerhauses ist das Schweigen; der Lohn des Fastens ist das Almosengeben; der Lohn bei einer Leichenrede ist das Weinen; der Lohn des Hochzeitsgastes ist die Konversation während der Mahlzeit" (Berach. 6). Beim Besuche im Trauerhause, so lange der Todte noch nicht beerdigt ist, soll man schweigen, Tröstungen erhöhen nur den Schmerz. Beim Fasten soll man Almosen geben, sonst hat es den Anschein, als faste man nur, um das Essen zu ersparen. Die Leichenrede soll die Anwesenden zu Thränen rühren. Beim Hochzeitsmahle hat man mehr Genuss von der guten Gesellschaft, als von den besten Speisen. 67. ״Die Glieder des Menschen legen Zeugnis gegen ihn ab". (Taanis 11). Der Mensch kann sein sündhaftes Leben nicht verleugnen, sein Antlitz erblassr, sein innerer Richter, das Gewissen, foltert ihn, er zittert schuldbewusst und kann sich kaum ausrecht erhalten. Auch sind gewisse Krankheiten die Folgen gewisser Sünden. Darum legen seine Glieder Zeugnis gegen ihn ab. Wohl gibt es Ausnahmen roher 'Naturen, verthierter Menschen, aber keine Regel ohne Ausnahme. 68. ״Mehr als das Kalb trinken will, reicht ihm die Kuh ihre Milch". (Pesach. 112). Es ist bier die natürliche Liebe der Erzeuger gegen die Erzeugten ausgedrückt. Was hier von den Thiereu gesagt wird, gilt umsomehr vom vernünftigen Menschen. Die Liebe der Mutter zu ihren Kindern ist eine grenzenlose. Ein Mutterherz, wer kann es erforschen? Dieser Spruch kann wohl auch Anwendung finden aus das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler. Der Schüler will gar nicht so viel lernen, als der Lehrer ihn unterrichten möchte. 69. ״Wer Knoblauch gegessen hat und davon übelriecht aus dem )Runde, sollte der abermals Knoblauch essen"? (8ab. 31). Wer schon die traurigen Folgen einer Leidenschaft empfunden hat, sollte der sich wieder der Leidenschaft hingeben? Und doch geschieht es sehr oft. Die Israeliten sehnten sich nach dem Knoblauch in egyptischer Knechtschaft zurück und zog ihn dem Manna in der Freiheit vor. 70. ״Drei Personen klagen und jammern, ftnden aber kein Gehör: Wer sein Geld ohne Zeugen wegleiht, wer sich selbst einen Herrn kauft, und wer sich von einem Weibe beherrschen lässt". (Jalk., Ps. 116). Sich einen Herrn kaufen, bedeutet nach der eigenen Erklärung der Agada: Wer sein Vermögen bei Lebzeiten seinen Kindern vertheilt und sich von ihnen versorgen lässt. Er mag wohl Vorbeugen, dass die Erben nicht auf seinen Tod hoffen sollen, aber er wird dadurch Unterthan seiner Kinder, was noch härter zu ertragen ist. Kann aber auch bedeuten, wer sich einer bösen Leidenschaft hingibt, sich dem Jezer hora, dem bösen Trieb hingibt, und dadurch sich einen Herrn kauft, der gar gewaltig regiert. 71. ״Der Doppelzüngige tödtet drei Menschen: den Verleumder, den Verleumdeten, und den Verbreiter der Verleumdung". (Erechin 15). Der Verleumder und Verbreiter der Verleumdung ftnden ihre Strafe für ihre Sündhaftigkeit; der Verleumdete ist das unschuldige Opfer der Bosheit und Schlechtigkeit. 72. ״Am besten erkennt man den Charakter eines Menschen bei Geldangelegenheiten, beim Weine und im Zorne". (Erubin 65). Das schöne Wortspiel ״bekisso, bekausso, bekasso", lässt sich in keiner Sprache wiedergeben. Gewöhnlich kann der Mensch sich verstellen, seinen wahren Charakter maskiren, in diesen drei Fällen aber fällt die Maske, und der eigentliche Charatter gibt sich unverhohlen kund. 73. ״)Licht Jedem ist gegönnt an beiden Tischen zu sitzen". (Ber. 5). Reichthum und Gelehrsamkeit sind selten bei einem Menschen vereint vorzusinden. Panroh Ugdnloh bemokom echod. Dieses war bei Rabbi Jehuda Hanaßi, dem Verfasser der Mischnah, vertreten. 74. Ein Rabbi sagte: ״Ich wünsche mir einen Antheil von dem göttlichen Lohne, der die öffentlichen Sammler der Almosen erwartet, und nicht von dem, der den Almosenvertdeilern bestimmt ist". (Sab. 118). Die Sammler haben nicht nur große Mühe und bedeutenden Zeitverlust, sondern müssen auch initunter Beleidigungen einstecken; hingegen die Austheiler der gesammelten milden Gaben haben ein angenehmes Geschäft, sie empfangen von den Armen Dank und bekommen noch dazu Segenswünsche aller 'Art und auch svnstige L o bpreisuugen.