Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 12 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Vesterreichisch-ungarische Lankoren-Zeitung. und einen anderen, besseren Weg zum Ziele der Kunst einschlagen׳ wollen, so klagt man über uns wegen Ueberhebung und Prosanirung unseres Amtes. Was Wunder nun, wenn ein Komponist wie Meyerbeer dem Chasan Sulzcr es übel vermerkt, dass auch er sich auf das Gebiet der höheren Komposition begeben und dort wirklich Großartiges geleistet? Wozu in der Synagoge künstlerisch singen? Dazu ist die Oper da, und ihr Prophet ist Meyerbeer und seinesgleichen; der Chasen muß nur schneller machen, dass die Leute mehr Zeit gewinnen, um den ״Kunsttempel" fleißig besuchen zu können. So fassen wir den Sinn dieses Wortes aus. Aber wir lassen uns nicht beirren und behalten das hohe Ziel fest im Auge, zu welchen: Sulzer seligen Andenkens uns den Weg vorgezeichnct, und auf welchem er selbst gewandelt und die schönste Palme des Ruhmes und du: werthvollstm Kunstpreis sich errungen hat. —- Wir sind fest davon überzeugt, dass der verehrungswürdige, du: Kantoren besonders zugethane Herr Rabbiner Roth in Siklos, der geschätzte Mitarbeiter dieses Blattes, wenn er die Ursprungsgeschichte und das wirkliche Wesen des Chorals genau gekannt hätte, ihm gewiss nicht so warn: das Wort gesprochen und ihn auf die Stufe des Allervollkommensten gestellt haben würde, wie er dies in Nr. 33 vorigen Jahrganges gethan hat. Man darf nämlich nicht ״Choral" mit ״Chorgesang" verwechseln. Chorgesang findet man bei allen Völkern seit dem grauesten Alter- Lhum vertreten und cultivirt. Besonders aber haben ihn die Juden mit Vorliebe gepflegt und ihn namentlich bei großen Zusaminenfünften von religiösen und Volksfesten in ausgedehnter Weise geübt, zu welchem Zwecke sie eigene Kapellen von Sängern und Jnstrumentisten unterhielten. Choral dagegen ist jene Gesangsart, die mit den: Christenthun: entstanden und mit ihm großgezogen wurde, und welche bis auf du: heutigen Tag von der katholischen Kirche als ihr legitimes Kind anerkannt wird. Aber abgesehen von ihrer uns völlig fremden Abkunft und Entwicklung, ist die Choralmelodie schon insofem ganz und gar nicht für uns zu gebrauchen, well sie auf metrisch abgefasste Lieder und Psalmodien gesetzt, und daher selbst abgemessen und metrisch geordnet ist; da jedoch die hebräische Sprache weder Metrum nach Versfuß kennt, so würden sich unsere Gebete in solchm Zwang sehr schlecht fügen und es müsste ihnm daher Gewalt angethan werden. Ferner sind die Choräle alle von großer Breite und Langsamkeit, die sich wohl im Gesänge für große Massen eignen, aber ein so winzig Häuflein Sänger, wie wir sie in dm Synagogen aufzutreiben vermögen, würde sich bei diesen lange auszuhaltenden Tönen die Kehlen heiserschreim müssen. Der jüdische Gesang ist ein fteigeborenes Kind der lieblichm Melodie, wie die hebräische Sprache ein ebensolches Kind des freim, reinm Gedankens ist, und beide würden die langen, schwerm Kettm des gedehnten, schleppenden Tones schwerlich ertragen und darum mit aller Macht sich gegen denselben sträubm. Und das ist mm auch die rechte Antwort auf Dr. Jellinek's Frage (wie der Herr Verfasser sie forniulirt) ״Warum der Choralgesang einm solchm Kampf hervorrief und so heftigen Widerstand weckte?" Eben darum, weil man gleich empfunden hat, dass dieser treue Zögling des Christenthums nicht in die Synagoge passe, und dass unsere leichtbewegliche Sprache sich nie und nimmermehr so weit erniedrigm wird, mit diesem langweiligen Burschen eine Mesalliance einzugehen. Nr. 12. Der geehrte Verfasser fragt weiter: ״Klangen etwa die älteren Weisen und Melodien der Synagoge lieblicher, angenehmer und schöner? Kaum möglich, da ihnen die Hauptbedingung alles Schönen fehlte: Maß, Verhältnis und Einheit!" Wir wissen zwar nicht, welche Melodien er damit meint und von wen: er seine Nichtachtung gegen dieselben geschöpft hat, aber in uns empört sich der ganze, unseren: Fache so sehr ergebene und von ihn: voll und ganz überzeugte, innere Mensch, wenn wir nur daran denken, es könnten damit unsere altehrwürdigen, theueren, traditionellen Melodien gemeint sein. Wie, diese unsere angeerbten Melodien sollen kein ״Maß, Verhältnis und Einheit" haben? Das kann wahrlich nur derjenige behaupten, der keine leise Ahnung von ihnen hat, und nur Einer, der die betreffenden Melodien von vagirenden Pseudo - Chasonim kennt, welche keinen Begriff von richtiger Auffassung und geeigneten: Vortrag einer Melodie über- Haupt besitzen und noch immer uns zur Schande und unseren: Fache zun: größten Verderben gedient haben. Was aber die Schönheit und Angenehmheit dieser Synagogennulodien anbetrifft, so n:öge es der Herr Rabbiner einmal von einem Fachmann vernehmen, den: nichts ermangelt, un: ein vorurtheilfreies und sachgeinäßes Urtheil über wirklich gute Musik und erfindungsreiche Melodie zu fällm, und der sowohl besagte Choräle wie sämmtliche traditionellen Melodien durch und durch kennt: dass unsere mindeste Melodie den besten Chorälen an Schönheit und Angenehmheit in nichts nachgibt und zudem noch den Vorzug echt jüdischen Ursprungs besitzt. Von den Melodien der spanischen Juden auf unsere zu schließen, ist grundfalsch, wie wir es schon in der Necension des ״Schire Israel" von Consolo (Florenz) in: ״Jüd. Cantor" deutlich nachgewiesen haben, deren Reproduction uns hier zu weit -führen würde. Allein, das ist ja von je her unser Fehler, wir möchten sagen, unser Unglück gewesen, dass 11m1: uns und unser Fach nicht nach den Besten und Bedeutendsten unseres Standes beurtheilte, sondern dass n:an dies von: Standpunkte der großen Masse aus gethan hat. Dort hat es immer in fachinännischer Beziehung Stümper׳ und Unbefähigte und in wissenschaftlicher Hinsicht Ignoranten gegeben, wie dies in allen Classen und Ständen nicht anders der Fall ist, es hat aber auch zu jeder Zeit hervorragende, in jeder Hinsicht begabte Chasanin: gegeben, die eine Zierde des Judenthuins und leuchtende Vorbilder ihres Standes waren, die ihr Fach in wahrhaft künstlerischer Weise ausübten und den echten jüdischen Gesang hegten und pflegten, und von ihnen haben wir auch die überall gebräuchlicher: Synagogenmelodien ungefälscht überliefert erhalten. Es liegt daher auch nicht der mindeste Grund für uns vor, sie auf die uns völlig fremden Choräle zu vertauschen. Etwas haben wir dennoch aus den: Aufsatze des Herrn Rabbiners erfahren, was wir bisher — zu unserer Schande müssenwir es bekennen — nicht gewusst haben, dass nämlich in den Reformsynagogen deshalb die Synagogenpolizei eingeführt worden ist, ״um Choräle darin singen zu können". Aber es hilft doch alles nicht; trotz Choräle und Aufseher wird in der Synagoge weiter lustig geschmust und geplaudert und gegenseitig Tabakprisen gereicht und angenonnnen, und wir haben sogar schon beigewohnt, dass die Ordnungswächter selbst zur gelegenen Zeit sich gemüthlich unterhielten. Die Gewohnheiten der Leute ändern sich eben schwer, und die Juden schwätzen in der Synagoge, ob man in ihr Choräle singt oder Piutim sagt. (Schluss folgt.)