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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-04-15 · Heft 11 (15.4.1892) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 11 (15.4.1892)
Date
1892-04-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. Musikers. Dies alles ertrug ich. 'Als aber nach und mit alledem das kleine Mädchen im Stockwerk über mir zu üben begann, viertelstundenlang, halbestundenlang, ganze Stundenlang, und ich zwischen Furcht und Hoffnung schwankte, nach jeder Pause aufathmete, seufzte, frohlockte: jetzt ist es aus, das ״Spiel"! und alsdann nach einem Zeitraum von mehr als einer Stunde immer klarer, deutlicher, unabweisbarer die schreckliche Gewissheit vor die zitternde Seele mir rückte, das Kind oben sei von dem etwas größeren und noch hartnackigeren Schwesterchen am Klavier abgelöst worden: da war es geschehen mit meiner erheuchelten Ruhe; der ganze Jammer, Zorn, Pein, Grimm, Verzweiflung erfassten mich, und in ohnmächtiger Wuth darüber, in dem Kampfe mit dein Objekte der Besiegte zu sein, schlug ich ivie ein nervös gewordener Sohn des 19. Jahr- Hunderts mir die Hände vor die Augen und vergrub ineine armen Ohren tief bis in die Kiffen meines Bettes. Entsetzlich, entsetzlich! Wie das aus- und ableiert — c d e f g a 11 c! Immer wieder auf und ab, wieder immer ab und aus Lebert-Stark, Stark-Lebert! Wie in Dun, so in Noll! Oh ein Königreich für einen Hausknecht, welcher, ein anderer Simson, diese leichtgebauteu Häuser der Zins-Philister an den Gnindvesten packt und alle zertrümmert! Doch schau! sie wankt ja, die Decke des ZiininerS spaltet sich, ein Theil senkt sich, fällt, und blitzschnell aus dem Klavier über mir — ich sehe es ganz deutlich — stürzt sich eine tückische Schaar unheimlicher Gnomen an mein Ohr, hackt eine papierne Leiter an deinselben fest und spannt diese Leiter zum Entsetzen meines nervus aousticus an die Saiten des Klaviers. Wie sie klingen, wie sie dröhnen! Horch! Horch! Du mußt es! Und wie das Völkchen auf der Notenleiter wieder in die Höhe klettert Und trippelt! Ein Ton nach dem anderen quillt aus der Tiefe des Instruments; der oberste Zwerg greift ihn und wirft ihn behend dem nächsten Kobold auf der Leiter zu, dieser wieder dem nächsten und so fort, und so gelangen die Töne wie Furien einander jagend, in die Muschel meines Ohrs, das unter Schmerzen sich krümmt. Wie nun das unterste Zwergchen, das mir fast im Ohre sitzt, mein banges Stöhnen hört, da lacht es laut und grell aus, das nächste lacht noch lauter und teuflischer und gellender, das dritte wieder und so bis oben hinauf; ein brustbeklemmendes, hässliches Lachen, das nimmer enden will. Es ist zum Ersticken. Der Schweiß bricht mir aus allen Poren, und tiefer, immer tiefer bohre ich mich in die Kissen meines Bettes hinein.- ״Zieh' aus! fort!", sagte mein Freund, der Jurist, welcher jüngst, als ich eben in diesen Fieberphantasien lag, zu einem Besuch auf inein Zimmer kam. ״Wohin?" frug ich mit leidender Geberde. ״Und zög' ich fort, und folgten meinem Beispiele alle die Tausende, die an die Folter des Klaviers mit ihren Nerven gespannt sind: worin verbesserten wir unsere zum Himmel schreiende Nothlage? Wir tauschten nur die ׳Namen unserer Peinigerinnen, unserer Ouälgeister! In der ganzen Stadt'"׳), Tn weißt es, gibt es nur zwei Orte, an welchen der Mensch fui de siede vor dem Klavierspiel geborgen ist; der eine ist — das Theater, Abends während der Spielzeit zwischen sieben und zehn Uhr; der andere ist — das Schlachthaus." ״Bravo!" entgegnetete mein ironischer Freund mit warmem Behagen. ״Metzgen — das wäre so was! So sattle um, wurste, aber bleibe mein Freund! Zu nichts ist ohnedies die Autorenherrlichkeit nütze! Unpraktisch, wie die Schriftstellerei ist, übersieht *) Hs ist Stuttgart gemeint. sie allenial das Wichtigste, und noch hat sie in Deutschland keinen neuneuswerthen Versuch gemacht, diese vermaledeiten Uebungen aus dem Kreis der gesitteten Welt zu verdrängen." ״Genug!", unterbrach ich ärgerlich den Redner. ״Hat nicht Riehl, in diesen Dingen der Kompetentesten einer, das Klavier das Instrument der Unmusikalischen genannt? Hat nicht, um weiter zu gehen, die streitbare Aesthetik die in der Gegenwart so beliebte Bevorzugung der Musik überbaupt mit Holm und Spott überschüttet? Wer weiß es nicht, dass Bischer üe wenig galant die Kunst der Frauen und — Gedankenlosen genannt bar? Freilich, genützt bat es nicht viel, dass man am Main, an der Pleiße wie am Nesenback mit so großem Rechte wie verbissenem Ingrimm von Musikbeucbelei redete. Und hast Du den Feldzug der illustrirten Journale gegen die Klavierklimperei nicht bemerkt? Er war freilich erfolglos, weil mau nicht mehr an die Ernsthaftigkeit der Bestrebungeu der Familienblätter, sondern nur noch an die Sicherbeit der Dividenden glaubt, welche die Direktion vertheilr. Aber das alles war verkehrt: denn höre die einfache, aber alleinige Weisheit, die es hier gibt! Das Klavier spiel hat nur eine einzige Ursache—" ״'Nun, und die —?" ״Ist das Klavier. Störe mich nicht, ich bitte Dich, durch Dein Gelächter! Man hat das Pianino, und weil man es hat, spielt man darauf; denn die Mutter sagt, es wäre doch schade, wenn das Instrument nicht ״benutzt" würde. Man hat das Klavier nicht, weil man spielt, sondern man spielt, weil man das Klavier hat. Das ist ein Unterschied. Dass man diesen Herd ewiger Oual, peinvoller Unruhe besitzen zu müssen glaubt, ist ja ein Unglück; aber woher dieses Unglück stammt, ist eine Frage, die mit der Klimperei unmittelbar nichts zu thun hat. Diese Frage, mein Freund, ist ein Problem volkspsychologischer 'Natur, ein Zeitproblem. Willst Du dessen Lösung versuchen? Nenn' es Lurus, Bildungsorang oder Nivellirung, Hang zum Sichausspieleu, unbeschäftigte Pbantasie oder wie Du willst! Hier greife tiefer! Sprich über-" ״Genug!" unterbrach nun mein Freund mich, indem er nach seinen Kopf griff, ich weiß nicht, ob von der Leidenschaftlichkeit meines 'Redeflusses betroffen oder in Anbetracht des Umstandes, dass in diesem 'Augenblick das kleine Mädchen im oberen Stockwerk eine lange Melodie mit soviel Ungeschick ererzierte, dass ein zufällig anwesender 'Nervenarzt seine Helle Freude nicht hätte unterdrücken können. ״Etwas, wirst du nun sagen, muß freilich geschehen. Du hörst doch? Oben, ja oben ist's! Was meinst Du — mein Besuch hält seinen Kopf noch iimner — Unglücklicher! Wie wäre es mit einer Sperre über die Vermiether von Wohnungen, in welchen Klaviere lärmen? Oder mit einem Massenstrike der Miether? Das sind modeme Gedanken. Oder ziehst Du antike vor! Eine secessio in montem sacrum, auf den Hasenberg?*) Was hältst Du von Gemeinwirkung der vier Faeultäten? Wie wenn der Theologe zur Orgel als Hausinstruruent riethe, weil sie schwieriger zu beschaffen ist; der Jurist die Schranken aufdeckte, welche das allgemeine Wobl ja der individuellen Willkür setzt? Dem Arzte erregte die Verkrümmung des Rückgrats Bedenken, und der Philosoph greife zur Waffe des Feuilletons." II. Adagio. Dieser Schlachtruf hatte in meinem Freunde gezündet. Da dieser Rechtsbeflissene die Fähigkeit besitzt, die Redeweise und den sprunghaften Gedankengang eines bekannten Professors des Kriminal- *) Ein Berg bei Stuttgart.

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