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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-04-15 · Heft 11 (15.4.1892) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 11 (15.4.1892)
Date
1892-04-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 man dabin nicht mit dem Siddur beth Rochel, sondern mit der Nahet selber unter dem Arm wallt?" Als Reb Todres die leise Andeutung machen will, dass das Verbot von kaul beischoh erwoh doch nur aus jüdische nicht aber aus christliche Frauen Bezug hat, fährt ihn Reb Gimpel an: ״Am hoorez! Den Gesang christlicher Jungfrauen zu hören, ist nicht wegen kaul beischoh erwoh. verboten, sondern wegen מוקצה מחמת מיאוס, denn diese welken Jungfern, die in keinem Tempel singen, sind schon längst veraltet und gehen bereitS dem Greisenalter entgegen. Daraus der Verfasser selbst: ״Wahrlich! wird sind hierbei nicht zum Lachen aufgelegt und daher wollen wir unseren Freund Ncb Gimpel nicht weiter sprechen lassen und ergreifen selber das Wort: Wir bezeugen über uns Himmel und Erde, dass wir nicht von diesen Narren und Dethörten sind, die, wenn sie eine Weiberstimme hören, angstvoll sich die Ohren verstopfen. Nein! Eine schöne Frauenstimme ist auch unfern Ohren höchst angenehm, aber nur im Theater oder im Eoncerte, nicht aber int jüdischen Bethause. Wir hassen daher aus tiefem Herzen den Gesang christlicher Frauen in der Synagoge, nicht weil ״eine Frauenstimme eine Scham ist", nur weil es eine widerliche Nachäffung ist, Alles und Jedes so den Völkern nachzumachen. Denn nicht alles das, was für ein Volk schön und passend ist, ist auch für das andere angemessen Md brauchbar. Jedes Volk hat seine Eigenthümlichkeiten und seine eigene Geistesrichtung, und das ist nicht im Geiste Israels gehandelt, Ehristenfrauen in seinem Bethause singen zu lassen. Auch ist es nicht wahr, was Dr. Weis in der ״Debora" schreibt, dass levitische Töchter im heiligen Tempel mitgesungen haben, das findet man weder in der heiligen Schrift noch im Talmud erwähnt. Wohl waren in Israel Sänger und Sängerinnen, aber letztere waren niemals im Tempel thätig". So weit unser hochverehrter Herr Schur. Und auf dieselbe Weise wollen auch wir die obige Frage ein für allemal erledigen und sagen:J Wohl hatten wir im Tempel aller Arten Instrumente, die damals im musikalischen Sinne zur Verwendung kamen, allein, wo ist's zu finden, dass sie auch beim Gebete im Gebrauch waren? Man vergesse nicht, dass im Tempel zwei Culten vertreten waren/ der Opfer- und Gebeteultus. Der Opfercultus ist mit allein Pomp aller nur möglichen Pracht vor sich gegangen, wie die wahrhaft großartigen Einrichtungen eines solchen monumentalen und nationalen Gebäudes es nur gestatteten. Der Gebeteultus dagegen, als awaudoli schebelew, der hat nur in aller Bescheidenheit und Wehmuth seinen Fortgang genommm; da war das zartbesaftete Herz allein tonangebend und nichts durfte da dazwischen treten, welches die wahre, wirklich inbrünstige Andacht zu stören und den Flug himmelwärts aufzuhalten und zu hemmen vermochte. Vom Gebete heißt es: ״wekach hojoh aumer, so sprach er" und er sprach ohne jegliche ״Orgelbegleitung" und ohne alles Zeremoniewesen, nur ganz so, wie das Herz es ihm eingegeben und wie die Heiligkeit des Ortes und die Weihe des Tages es erforderte. Und nun, wenn wir uns um all' das Gute und alle die Vortheile umsehen, welche die Orgel seit ihrer Einführung bis heutigen Tages uns eingebracht, so ist das sich uns darbietende Bild keineswegs ein erfreuliches und ermunterndes. Wir fragen mit Recht: Sind unsere christlichen Mitbürger deshalb, weil wir ihre Orgel in Mserer Synagoge ausgenommen und sie zu unserm Abgofte gemacht, uns jetzt freundlicher gesinnt worden und haben wir bei ihnen deshalb an Achtung gewonnen? Haben wir durch die Nr. 11. Orgel größere Freiheiten erlangt und ausgedehntere bürgerliche Rechte erreicht? Sind wir deshalb gebildeter, kenntnisreicher und wissenschaftlicher geworden? O bewahre! Nichts von Alledem! Die Völker hassen uns jetzt mehr als je, als ob sie sich dafür rächen wollten, dass wir uns unterfangen, ihnen in Allem nachzuahmen und uns ihnen zu vergleichen wagen. Der Antisemitismus wächst immer mehr und droht die Trümmer unserer noch bestehenden staatlichen Rechte vollends einzureißen, um uns dann um so ungestrafter verschlingen zu können. Und was unsere gegenwärtige Bildung und unfern Kenntnisreichthum anbelangt, ist es leider soweit gekommen, dass der erste Vorsteher einer der größten und angesehensten Gemeinden DeutschlandS sich nicht mehr schämt, zur Gelegenheit einer Synagogeneinweihung es öffentlich und ostentativ auszusprechen, ״dass mit der Zeit noch ein größerer Fortschritt (?) in der Liturgie nothwendig werden und ein ganz deutscher GotteSdienst einzuführen sein wird, weil — man höre und staune — weil die Jugend nicht mehr in dem Maße das Hebräische beherrscht wie die Alten". Die Unkenntnis hat also bei uns so weit ,die Oberhand gewonnen, dass man es nicht mehr als Schande empfindet, sich anstandslos zu ihr zu bekennen und sich ihrer sogar noch zu rühmen. Und das nennt man Fortschritt! — Wäre es nicht weit besser und käme man nicht dabei viel billiger fort, wenn anstatt kostbarer Synagogen, Schulhäuser gebaut würden und man statt der theuern Prediger Lehrer einsetzte, damit die Jugend von der Religion ihrer Väter so viel verstehen lerne, um wenigstens in der Original- und der Muttersprache beten zu können? — (Fortsetzung folgt). Die Klavierütumge« und das Recht. Musikalisch-juristische Plauderei. Von Dr. Hugo Elsas (Cannstatt), l. Allegro con brio. Vor Kurzem hatte ich Gelegenheit/ dem humoristischen Vortrage beizuwohnen, welchen ein Jurist über das Verhältnis der Klavierübungen zuin Rechte hielt. Den einen oder anderen Leser dürfte es vielleicht interessiren, Bekanntschaft mit den Ideen dieses Kriminalisten zu machen; man wird dann wenigstens erfahren, wie weit das Recht uns vor dem Uebermaß des Klavierlärms schützt und nicht schützt. Ich bitte aber um Vergebung, wenn ich zuerst die Umstände ein wenig schildere, welche die nächste Veranlassung zu jener Vorlesung waren. Auf dem Sopha meines Zimmers liegend, hörte ich, wie im unteren Stockwerke der Miethskaserne, in welcher ich wohne, eine Beethvven'sche Sonate mit feiner Empfiüdung vorgetragen wird. Ein Walzer von Chopin folgte, dessen Melodien wie im Elsenreizen zu mir heraufschwebten, endlich eine Noturne, die wie leises Windesrauschen mein trunkenes Ohr umstüsterte. Das war schön. Die Spielerin, schloß ihr Klavier; doch jetzt wurde die Stimme meiner Nachbarin zur Rechten, einer Elevin des Conservatoriums, lebendig. Seit einem halben Jahre singt sie das Lied der Mignon, correct, aber mit wenig Gefühl. Warum es sodann dem Gymnasiasten in dem Gemache zu meiner Linken gefiel, auf seinem grämlichen Klavier die ״pikantesten Partien" der modernen Operetten mich hören zu lassen, insbesondere den Kusswalzer, weiß ich nicht. Endlich ertönte in der Nachbarschaft das empfindsame Pistonsolo eines Berufs- Gesterreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung.

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