Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr10 ׳ Ländesschulrathe über, die jüdischen Cultusangelegenheiten reden und beschließen dürfen, - dass aber der jüdische Vertreter nicht bei ihren Cultusangelegenheiten mitredeu darf. Sl'oridsdorf. Herr.J. Löw, Religionslehrer der hiesigen Israel. Cultusgemeinde feiert am 9. April den 30. Jahrestag seiner Lehramtsthütigkeit. - Krems. (Ein a ntis emit is ches Heldcnstück.) Die ins Krems erscheinende liberale ״Niederösterreichische- Presse" thtzilt mit, dass in der Nacht vom Samstag auf Sonntag die Fenster und Mauern ihres Rcdactionslocales in der Dachsberggaffe bis hinauf mit Theer beschmiert und verunreinigt worden sind, und dass zur, selben Stünde das israelitische Bethaus in Krems in gleicher Weise besudelt worden ist. Das Blatt spricht es) offenund ungescheut ans, dass dieses Bubenstück von An- Hangern der national-antisimitischeu Partei ausgegangcn und ein Racheact für einen Artikel über den Miserfolg Schönerer's in Tirol sei. Auch seien die ״Nachtvögel" nicht unbeachtet geblieben, sondern der Behörde angezeigt worden, und es werde wohl gelingen, sie der verdienten Züchtigung zuzuführen — allerdings nur die unmittelbaren Thäter, während die intelleetuellen Urheber sich zu viel abseits halten, als dass sie zu fassen wären. Die ״Niederösterreichische Presse" kennt aber die Leute, mit denen sie es zu thun hat, und weiß, in welcher Spräche sie mit denselben reden muß. Sie erklärt deshalb den Kremser Antisemiten, dass es ihnen׳ nicht gelingen werde, die ״Anstreicherbande" von sich abzuschüttcln, denn diese ״Theer- Wichte" seien zu offenbar Fleisch von ihrem Fleische, Geist von ihrem Geiste und die gemeine Ausschreitung unbestreitbar eine Folge der planmäßig fortgesetzten Hetze von national-antisemitischer Seite. Uebrigens sei die Partei der nationalen Antisemiten in Krems eine so verschwindend kleine und ohnmächtige und friste ein so klägliches Dasein, dass sie ihre Existenz nur noch durch solche ״arische Heldenthaten" zu bekunden vermöge. Graz, den 28. März 1892. Der Obercantor und Secretär unserer Gemeinde, Herr Josef Rosenbaum, der sich hier großer Beliebtheit erfreut, gibt seinen bisherigen Beruf auf mrd hat am. 21. d. M. seine Kündigung eingereicht, welche von der Repräsentanz mit lebhaftem Bedauern zur Kenntnis genommen wurde. Lemberg. Die Petition des Vereines ״Schomer Israel“ in Lemberg an den galizischen Landtag wegen Uebergehung der Juden bei den Ernennungen bei den autonomen Landes- und Bezirksbehörden und der gesetzwidrigen Aufnahme in die Concursausschreibungen der Bedingung, einen Taufschein statt des nach den Staatsgrundgesetzcn erforderlichen Geburtsscheines vorzulegen, hatte wenigstens diesen formellen Erfolg, dass der Landesausschuß die ihm untergebenen Organe mittelst Erlass aufgefordert hat, in den Concursen nicht mehr den Taufschein, sondern nur einen Geburtsschein zu verlangen. Dem Staatsgrundgesetze ist nun formell Genüge gethan; ob diese Petition auch bei den Besetzungen und Ernennungen berücksichtigt werden wird, dürfte die Zukunft zeigen. Luxemburg. 12 März. Die Kammer erledigte in ihrer heutigen Sitzung die Subsidiensrage für die neue Synagoge. Jrn Einverständniße mit den Erklärungen des General-Directors des Innern ermächtigte dieselbe die Regierung, ein Mehrjähriges Subsid im Verhältnis der Bevölkerungszahl und in Rücksicht auf den ' monumentalen Bau. zu prüfen. Die ganze Verhandlung, an -welcher sich die städtischen Abgeordneten, der Referent und der Regierungsvertreter be-. theiligte, war in sehr wohlwollendem Sinne für die jüdische Gemeinde gehalten. ץ Gotha. Der sensationelle Process gegen den Pfarrer Rüge von Tüngenda ist auf ein intimes Verhältnis zurückzuführen, das der 28jährige Angeklagte mit seinem Dienst- Mädchen, der ledigen Alma Bischoff. einem hübschen Mädchen von 20 Jahren, hatte. Als dieses Verhältnis ruchbar wurde und das Gerede immer offener zu Tage trat, wurde gegen den Pfarrer auf dessen eigenen Antrag, da er vorgab, ganz unschuldig zu sein, eine Disciplinaruntersnchung eingeleitet. Als in dieser Sache die Bischoff eidlich vernommen wurde, bestritt sie Seite'7 jeden geschlechtlichen Umgang mit Rüge.׳ Zu dieser falschen Aussage, die eine Anklage wegen Meineids gegen die Zeugin zur Folge hatte, soll sie durch Rüge verleitet worden sein.׳ Das Mädchen kam mit 9 Monaten Gefängnis davon, während \ Rüge, der seit Monaten in Untersuchungshaft saß, zu drei..) Jahren Zuchthaus verurthcilt wurde.; Aranlifurt a. M. Der Orientreisende Schardt, der sich., gegenwärtig in Palästina aufhält, schildert in einem Feuilleton der׳'״ ״Frankfurter Zeitung" die Eindrücke, die der Besuch der heiligen Stätten in Jerusalem in ihm hervorrief. Besonders bemerkens- ׳ werth ist folgende Stelle: ״Durch's Damaskus-Thor ritten wir dann durch winklige, enge Straßen mit überhängenden Bögen und interessanten Baudenkmälern alter Art nach der Klagenmauer der Juden. Diese hinter der Moschee Otmars. ... gelegene Mauer, uns Abendläuddrn durch das Gemälde Delacroix's seit geranmer Zeit bekannt, war׳ für mich bei weitem das interessanteste Stück Jerusalems: Die Mauer und die dort klagenden Männer und Frauen des jüdischen Volkes. Dort am; Fuß der aus mächtigen QuadersteinenaufgeführtenMauer, denk«? letzten aufrecht stehenden Reste des prächtigen Tempels Salomos, -- standen sie, die Vertreter des auserwählten Volkes Gottes-, ). Männer foiote Frauen, Jung und Alt, die hebräische Bibeln׳, in den Händen und murmelten die Psalmen ihres David׳,׳unseres David und weinten und schluchzten. Es war un aussprech- 7: lich pathetisch. Ich konnte mich von dem Anblicke kaum los- ) reißen. Vor meinem geistigen Auge vorbei glitten die Phasen der Geschichte dieses einstmals so mächtigen und vevmuthlich wieder zu großer Zukunft bestimmten Culturvolkes. Was ist ,. aus ihren Unterdrückern, ihren Besiegern geworden? Wo ist " ist das mächtige Rom Vespasians? Verschwunden Und hier, nach nahezu zweitausend Jahren, sind sie noch, diese verachteten, verstoßenen, verspotteten Hebräer, mit ihrem unerschütkerlichen Glauben an den Holt ihrer Väter, mit ihrer Resignation und ihrer festen Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ich musste wegreiteu, um meine eigenen Thränen zu verbergen". S1. Gallen. (Die Klosterbibliothek an der Wiener Musik- Ausstellung.) Die traditionelle Liebenswürdigkeit, welche die Verwaltung der hiesigen Stiftsbibliothek immer ausgezeichnet hat, wenn es galt,׳ Forschern und׳ Gelehrten aus den reichest ׳ ' Bücherschätzen Mittel zum Studium und zur Anregung zu ge-, währen, hat sich neuerdings glänzend bewährt. Bewogen durch)׳ den althergebrachten Ruhm der St. Gallner Handschriften Hab'׳ das historische Comitö der internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen in Wien einen Delegirten ׳ hiehev׳(׳ entsandt, welcher die werthvollsten mittelalterlichen Musikhand--^ schriften des Klosters zu studrren und hierauf die Vorschläge ׳ behufs Auswahl der Manuskripte zu erstatten hatte. Wie uns ׳- der Herr Delegirte selbst versicherte, hat die von Seite des I' Herrn Stiftsbibliothekar Dr. Fäh bereitete Aufnahme und de-״ reitwillige Unterstützung alle seine Erwartungen übertroffen. Es war im Verlaufe kurzer Zeit möglich,- über 20 der ׳wichtigsten-Handschriften, darunter Notker's berühmte Sequenzen und das Antiphonar Carls des Großen einzusehen, und steht zu erwarten, dass die ausgewählten Prachtstücke auch nach Wien zur Ausstellung entsendet und vor Hünderttausenden von' L Besuchern den Ruhm und die Ehre der Cultur und Wissen- ז schaft St. Gallischer Benediktiner verkünden werden.; ־ ־. Athen- Am 15. d. M. fanden in Port Said Ausschrei- > tungen gegen .die Juden statt, worüber folgendes berichtet wird: ) ״Nachmittags 4 Uhr vermisste die Gattin des Griechen H ad-) schi Vasileus ihr dreijähriges Töchterchen, welches bis dahin vor dem in der Nähe der Synagoge gelegenen Hause gespielt ' hatte. Da Nachbarn die kleine Helena mit einem Juden gesehen - haben wollten, begann die Mutter zu zetern, alarmirte das-Grie-:: chenviertel und stürmte an der Spitze, einer großen Menge das Haus des betreffenden Israeliten, der aber den Unwissenden > spielte. Schon wollte die Menge, nach vergeblichem Suchw, abziehen, cilsJmand unterdrücktes Schreien zu vernehmen behaup- 7 tete; man forschte weiter und fand nach Sprengung mehrerer Thüren die kleine Helena in den Armen einer alten Jüdin, welche sich bemühte, das Kind am Schreien zu verhindern. Nun siet " die Menge über den Hausherrn her, welcher arg mißhandelt wurde. Gesterreichifch-ungarische Kantoren-Zeitung.