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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-04-01 · Heft 10 (1.4.1892) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 10 (1.4.1892)
Date
1892-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. .10 Hellerreichi sch-ungarische Kantoren-Zeitung. Seite 3. Zur Klärung der Frage der traditrouellen Touarte«. XXIV. (Fortsetzung.) Von anderer Seite betrachtet, ist die Orgel noch deshalb als ausschließlich christlich anzusehen, weil dem Christenthum unbedingt das Verdienst zufällt, die Orgelmusik in die ihr zukomniendcn Bahnen gelenkt und einen eigenen O r g e l st y 1 geschaffen, sowie der Orgel selbst zu dieser künstlerischen Bedeutung verhvlfen zu haben, welche sie gegenwärtig unstreitbar eilmimnit. Christliche Componisten haben hier ihr ganzes Können und Wissen glänzend offenbart und Werke geschaffen, die eine ewige Zierde der Musikkunst bleiben werden und an welchen die späteste Nachwelt sich noch laben und zu lernen haben wird. Hier sind die großen, unerreichbaren Meister hervorgegangen, und hier sind die herrlichen Orgelwerke erstanden von dem göttlichen Sebastian Bach, von Händel, Mozart. Schumann, Mendelssohn u. A. m. in der kunstreichen Form von Concertkn, Fugen, Sonaten, Präludien, Phantasien rc. Auch die christlichen Theoretiker sind hiebei nicht müßig gewesen, sie haben in und mit der Orgel die eigentliche ״Generalbasslehre" begründet, so dass der Organist im kleinsten Dörflein nicht anders als bezifferten Bass spielt und spielen muß. Welch' armselige Rolle spielt aber die Orgel bei uns in der Synagoge?! Nicht genug, dass sie hier ihre Selbstständigfeit völlig aufgeben muß und zum untergeordneten, nur begleitenden Instrument degradirt wird, tritt sie dadurch, dass ihr ganzes Wirken sich auf ein Conglomerat der oberen Ge- . ‘ sangsHarmonien — eine Art ״Clavierauszug" — beschränkt, welche sie beim Gesänge mit- und abzuspielen hat. in die schärfste Concurrenz mit den Chorstimmen, in welcher beide Theile in einer Weise wetteifern, dass man sie allesammt nicht hören und unterscheiden kann, indem sie sich gegenseitig nur verdecken und verdunkeln. Stellen wir nun die christlichen Compositionen den unestrigen gegenüber, um zu sehen, ob diese mit jenen den ger-^ingsten-Vergleich eingehcn und mit ihnen stichhalten können. Die christliche Kirche besitzt ein ausgedehntes Ceremonienwesen, . 'das sich aus dem Dogmenglauben und aus der christlichen - Entwicklungs- und Leidensgeschichte zusammensetzt und welches ■ den Tonkünstlern ein unermessliches Feld zu geistlich musikaliffchen Schöpfungen aller Art darbietet. Auf diesem Gebiete nun entstehen die verschiedenen Cantaten, Motetten, Oratorien. .'״-Passionen, Nequieme, Messen rc., wobei große und reiche Musik erfordert wird und wobei die Instrumentation' in vorzüglichster Weise ihre Verwendung findet; da wird auch der Orgel eine, '(-ihrem Range würdige, hervorragende Rolle zugetheilt; dieses Gebietfällt aber bei uns gänzlich weg. Dem . jüdischen Gottesdienste fehlt eben die Legende, und er besitzt -! -auch nicht solche oder ähnliche hochdramatische Momente, die geeigneten Stoff zu derartigen Compositionen und Aufführungen böten. Der schärfste ״Kewakoras“ oder ״Wejesoju“ wiegt noch die kleinste Messmnsik Nicht auf. dass sie ihr in '-künstlerischer Beziehung standhalten könnte; wozu also dem Judenthume eine Orgel? Höchstens kann man sie zur Hochzeits- - ׳ Musik gebrauchen, um den bekannten ״Hochzeitsmarsch" aufzuspielen. Und ebenso -wie künstlerisch ist sie־ auch ör t l i ch in der ׳' ׳'Synagoge nicht recht auf ihrem Platze. Die Kirche befolgt nämlich bei der Aufstellung der Orgel den Grundsatz: den Orgelchor, - d. h. die Empore, auf; welcher die Orgel, sich befindet, auf der Westseite der Kirche zu setzen, und dies geschieht aus Gründen der Symmetrie und der Schönheit, sowie auch!!dcr Zweckmäßigkeit. Der Altar an der Ostseite und die Frond der .Orgel an der Westseite bilden die schönsten Zierden der Kirche, und daher׳.hat man es nicht für. praktisch gefunden, sie beide aufeinander und zusammenzustellen und sodurch die Kirche auf einer Seite mit Prunk zu überfüllen, während die anderen Seiten nur kahle Wände aufzuweisen hätten. Daher hat man es vorgezogen, sie zu theilen und sie gegeneinander zu stellen, womit die Symmetrie gewahrt und der Schönheitssinn nicht verletzt wurde. Andererseits wurde dabei auch Bedacht genommen, dass die Andacht der Gemeinde durch die Musik nicht gestört und sie selbst vom Gebete nicht abgewendet werde, dass nämlich die Augen der Beter immer auf den Geistlichen und seine gottesdienstlichen Handlungen gerichtet bleiben Und nicht auf das Personal des Sängerchores und auf das Spiel der Orgel abgelenkt werden sollen. Dann aber mussten auch die Localverhültniße genaue Berücksichtigung finden, um dem Orgelchore die gehörige Geräumigkeit an genügender Höhe, Tiefe und Breite zu verschaffen, indem der Schall und Ton der Orgel wesentlich beeinträchtigt werden, wenn es an der nöthigen Räumlichkeit fehlt und das Gehäuse der Orgel bis an die Decke stoßen muß Das sind lauter Gründe, die sich sprechen lassen, und dennoch hat man dem Allem bei der Aufstellung der Orgel in der Synagoge nicht die mindeste Beachtung geschenkt und sie gerade an der Misrach-Wand angebracht. Das ist doch wirklich sonderbar! Oder sollte gar vielleicht eine übermäßige Frömmigkeit die Veranlassung dazu gegeben haben. Man kann wirklich gar nicht sagen, unsere Reform ist unberechenbar! Allein warum war man nicht auch darauf bedacht,-da man nicht die profane Orgel über das geweihte Oraun häkaudesch stelle, von welcher heiligen Stätte es heißt: ״Werfe die Schuhe ab von den Füßen, denn hier ist heiliger Boden!" Dass man dieses zu thun gewagt, kann man hier ebenfalls mit dem Propheten fragen: ״Wer hat es Euch erlaubt, auf meinen Höfen herum treten und Herumstampfen zu lassen und die heilige Lade zum Boden eines Tunnnelplatzes für Fremdgläubige, Männer und Frauen, zu machen, unter welchen vielleicht gar unsere Feinde zu finden sind, die sich über die ״Judenschul" nur lustig machen und mit unserem Cultus, trotz des Bcschönigungsmittels — der Orgel — Allotria treiben. Aus dem bisher Gesagten folgt nun, dass die Orgel, vom gottesdienstlichen undmusikalischen Gesichtspunkte aus betrachtet, durchaus christlich und kirchlich ist; was an ihr wirklich jüdisches bleibt, das ist — ihr Synagogenstand, der wider alle Regeln der Symmetrie und der Zweckmäßigkeit ist und in erster Reihe gegen alle Pietät vor unseren Heiligthümern verstößt. Was die ״Stütze des Chores" durch die Orgel anbetrifft, auß״welche Herr Professor Sulzer so viel Gewicht legt und ihn deshalb an den bezüglichen Meyerbcer'schen Ausspruch zweifeln lässt, wollen wir nächstens eine dem zutreffende Talmudstelle vorführen — wir halten den Talmud auch in musikalischen Dingen für höchst competent — die die Orgel bestens charakterisirt und das ganze. Wesen dieser Stütze in das hellste Licht stellt. (Fortsetzung folgt.)

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