Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1892)
- Date
- 1892-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 2. Der Chor darf nicht in isolirter Selbständigkeit auftreten nWWesänge außer dem Zusammenhänge derGebetordnung votMü'gen, so' dass' diese mnsikalischen Vorträge den Charakter eWsMonttrtes annehmen. - 3/ Der Sängerchor soll im Unisono Mitwirken. Die MM-iE״sMü׳rMÄglichst^dem'< traditionellen Style angepasst sein. dochvermeide der Rhythmus das Tanztempo; überhaupt darf der Synagogengesang nicht an das Effectvolle, Theatralischt, weltlich Erregende und Leidenschaftliche erinnern, sondern an Gedanken reich uni) in der Harmonie einfach sein. 4. Ein Tempelgesang muß ferner polyphon, d. h sögeschrieben sein, dass jede der einzelnen Stimmen ihre selbständige Melodie hat und durch diesen Charakter nur religiösen Ernst erzeugt. Wenn möglich uud thunlich, müssen die Gesänge in der Liturgie dem Feste entsprechend behandelt und bearbeitet werden, weil der , traditionelle Gesang für den Gottesdienst das ist, was die heilige Schrift für die Predigt ist. Der Gemeindegesang soll den etwaigen Sologesang mit Chorgesang umgeben und ihn nicht als Virtuosenleistung austrcten lassen. 'Diesen Sinn und dieses nothwendige Bestreben sollen wir in den Gemeinden anregen, und es wird auch der Gottesdienst die Versammlung erheben. Die Predigt bleibt ein nicht unbedeutende Factor für das religiöse Leben, die andächtige Stimnmng aber wird vor allen Dingen der Gemeindegesang fördern, denn Gesang ist ein lindernder Balsam für das wunde Herz, Gesang bricht den trotzigen Sinn und demüthigt das stolze Gemüth. Gesang bleibt eines der Hauptmittel, um die Religiosität zu fördern und zu erhalten. Schließlich sei noch erwähnt, dass die Bildung des Chores durch den Cantor keine zu unterschätzende Arbeit ist; die Chöre, wenn sie unter Zuhilfenahme von Mädchen-und Frauenstimmen unterstütztwerden, haben Dauer, denn Knabenstimmen allein sind der Vergänglichkeit ankeimgegeben. Einmal geschulte Mädchenstimmen aber nehmen dem Chorregenten auf lange Zeit von dieser großen Last viel ab, abgesehen davon, dass Knabenstimmen nicht überall, besonders in den kleinen Provinzialgemeinden, nicht in zureichender Menge anzutrcffen sind; Knabenstimmen bleiben immer nur Ersatzmittel, ein Nothbehelf, und der Cantor kommt aus dem fortwährenden mühseligen ״Neu-Unterrichten" von Knaben für den Chor nicht heraus (Fortsetzung folgt.) Grsarig und Mnfrk zur Zelt des Talmud. Ein Beitrag zur Geschichte dieser beiden Künst:. Von Dr. M. Grünwald, Rabbiner in Jungbunzlau. II. Schreiten wir nun weiter, so ist die Orgelsrage und das Alter dieses Jnstruuientes von nicht geringem Interesse, sowie die Frage, ob dieselbe zur Zeit des Talmud oder noch früher in Thätigkeit gewesen. Gewöhnlich wird das in dem 150. Psalm vorkvmmende Ugaw durch Orgel übersetzt; wie weit dieses richtig ist, lässt sich nunmehr nicht bestimmen, viel berechtigter ist jedoch bie Ansicht, dass die in dem Talmud häufig vorkommende Nagreka eine O r g el gewesen sei. (Vgl. die interessante, aber viel zu wenig gewürdigte Schrift Gerson Levy's: ״Orgue et Pioutim“, Paris 1850.) Nr. 10. Wenn wir jedoch von einer Orgel sprechen, so dürfen wir nicht die Vollkommenheit, die wircheute an derselben kenME von ihWenvartöm EMko'mM noehOhinzuMdasWdasMZoW Nagr6ka?ursprünglickMnchts׳ rnehr uM'nickMÄvcniW^ als ei-M S ch a ü f e l, (Würfschaüfel) bedeutet-׳; ja dass -nach*• der Ansicht' des bMHNtmÄ Prager-! Oberrabiners : Rabbi'׳ListÜiäw ׳ Heller/ nach seinem unvergleichlichen Commentar T05afot Jomtow auch so genannt, das Wort Nagreka in der Mischnah selbst eine dreifache Bedeutung hat, also ein homonymes Wort ist. Die 8. Mischnah im 3. Perek des Traktates Thamid, der über die Einrichtung des Opferdienstes in der Liturgie handelt, spricht .vorder uns hier beschäftigenden Orgel Magrefä, und wir werden auf diese Mischnah noch zurückkommen. Hingegen erwähnt die s e ch st e Mischnah im 5. Perek ebendesselben Tractates Thamid eine Nagreka, die geworfen wurde, und!׳ deren allerdings tönende Masse so sehr widerhallte, dass man die. Stimme eines Sprechenden nicht vernahm: ״ein Mensch hörte nicht die Stimme seines Genossen in Jerusalem wegen ' der Stimme der Magrefa"; und zu dieser Stelle bemerkt eben R. Lipman Heller: ״Man kann nicht sagen, dass diese Magrefa mit der in der 8. Mischnah des 3. Pereks angeführten identisch sei, denn das war ein kostbares Musikinstrument und man hätte es ja nicht schleudern können, ohne dass die einzelnen Rohre zerbrochen worden wären; auch die Nagreka, mittelst welcher man die Asche zusammennahm, konnte es nicht sein, denn diese gab keinen Ton von sich; es muß also zweifelsohne ein drittes Gerät sein, das einen Ton von sich gab und die Form einer Nagreka hatte." Die maßgebende Stelle jedoch für uns ist die der achten Mischnah im 3. Perek, wo wir ftsen: ״von Jericho hörte! man die Stimme der Magrefa״, wozu Rabbi Obadjah aus Bertinoro (Italien) bemerkt: ״je 10 Rohre hatte jede Magreka, und jedes einzelne Rohr konnte 100 Arten von Melovien hervorbringcn". Die runde Zahl hundert dürfte eine orientalische Hyperbel sein, dies bemerkt schon der nüchterne Rabbi Lipman Heller zur oben angeführten Stelle. Für uns genügt es׳ ja, dass die '׳ Einrichtung, mittelst Rohre musikalische Töne hervorzubringen, schon zur Zeit der Mischnah im Judenthum bekannt und zu liturgischen und gottesdienstlichen Zwecken verwendet wurde. Es wird uns dies umsoweniger befremden, wenn wir bedenken, dass schon 115 Jahre vor der gewöhnlichen Zeitrechnung ein berühmter Mathematiker der damaligen Weltstadt Alexandrien, Namens Clesibius, die Orgel erfunden. Ob jedoch nicht Clesibius selber die bei den Juden bestehenden' und im Gottesdienste gebrauchten Musik-Instrumente nur vervollkommnet und selbe nach seinem Namen später benannt wurden, lässt sich für jetzt nicht entscheiden; es wäre jedoch nicht das erste Mal bei einer Erfindung und Entdeckung, dass der Nachtreter, der,' um mit dem Telmud zu sprechen, wie ein Zwerg auf dem Rücken ׳ eines Riesen ist, die Lorbeeren des Begründers einer Wissenschaft, Erfinders oder Entdeckers für sich einheimste. Ich erinnere, um nur an Weltbekanntes anzuknüpfen, dass der Florentiner Reisende Amerigo Vespueci dem genialen und verfolgten Columbus dem Scheine nach voran ist, da jener dem Lande der Freiheit seinen Namen ׳gegeben, dieser jedoch mit dem Namen eines kleinen Ländchens sich begnügen musste . (Fortsetzung folgt.) Hesterreichisch-urlgarische ßanLoren-Zeitung.