Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 9 (21.3.1892)
- Date
- 1892-03-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Dksterrnchisch'imgarische Cantoren-Zeilung. Nr. 9. schätzung ihrer Leistungcn^knrrchdieMilwell kümmern, so wird zwar die Thatsache zutreffen, nicht aber der Vorwurf. Abgesehen davon nämlich, dass Selbstbewusstsein über eine brave, wichtige und mühsam geschaffene Leistung nichts Eitles, sondern vielmehr etwas Mannhaftes ist, so bekundet die Lust, von dem zu reden, was Einem das Wichtigste ist, was die Gedanken erfüllt, einfach Naivität. Der Dichter redet gerne von dem Werke, das ihn eben beschäftigt, wie eine Mutter von einem Kinde, das ihr Sorge macht. Mit der angelegentlichen Besorgnis um den Ruhm der Werke aber hat es eine sehr ernste Bewandtnis. Vergessen Sie nicht, dass jeder Künstler und Dichter va-banc spielt. Entweder ist er alles oder er ist gar nichts; denn ein Mittleres gibt es hier nicht. Nun ist Niemand seiner selbst und des Wertes seiner Leistnngen so sicher, dass er nicht Stunden schweren Zweifels oder selbst der Verzweiflung kosten müsste. Hat doch selbst Beethoven Zeiten gehabt, in welchen er keinen andern Trost fand als den, dass ihm ein Platz in der Musikgeschichte werde müssen eingeräumt werden. Um daher der bangen Zweifel auf immer ledig werden zu können, bedarf jeder, dass der Spruch seines Selbstbewusstseins von seinen Zeitgenossen unterschrieben werde. Darum auch die fürchterliche Rückwirkung der Nichtanerkennung. Denn in diesem Falle kann der Glaube an sich selbst nur um den schweren Preis der Menschenverachtung aufrecht erhalten werden. Man sei daher mit dem Vorwurf der Eitelkeit etwas vorsichtiger. Uebrigens beruht nach meiner Meinung die Popularität dieses Vorwurfs einfach auf einer Verwechslung. Nämlich nicht die Künstler und Dichter sind eitel, sondern gewiffe Klaffen, die durch persönliche Vorstellung wirken und die das Volk irrthümlich ״Künstler" nennt: Schauspieler, Opernsänger und Zirkusleute, überdies — und nicht am wenigsten: die hochgeehrten Herren Dilettanten. Auch vom Neid muß ich die Dichter freisprechen. Wenn mir Jemand von einem bedeutenden Autor berichtet, dass er einen Andern beneide, so sage ich unbedenklich: ״Das ist nicht wahr", auch wenn ich ihn gar nicht kenne. Denn wo wahres -Talent waltet, da ist auch die Wertschätzung fremder Leistung so mächtig, dass das Gefühl für ihren Verfasser dasjenige der Achtung und der Freundschaft sein muß. Verhetzen kann man freilich durch Künste der Jntriguen und der parteiischen Üngerechtigkeit Einen gegen den Andern, wie man Mendelssohn und Schumann verhetzt hat, allein auch dann kommt es bloß zu einer gewissen Animosität, die sogleich schwindet, wenn die hetzende Meute nachlässt, wenn die beiden Betreffenden ׳sich allein gegenüberstehen. Die Geschichte der Kunst und Litteratur legt von großer Kollegialität glänzende Zeugniße ab. Vergleichen Sie z. B. die Maler und Dichter der Renaissance mit den Humanisten, so werden Sie finden, dass es nicht die Künstler und Dichter sind, die sich hassen, beneiden und schädigen, sondern eine andere staatlich bevorzugtere Menschenklasse. Unendlich vieles.gehörte noch von wegen des Themas hieher. Z. B. die Erörterung, warum wir-bei Künstlern und Dichtern so häufig die sogenannte Sinnlichkeit (richtiger die Phantasiebethörung durch Schönheiten der weiblichen Form) treffen, eine Frage, welche uns aus den Zusammenhang der Phantasie mit dem erotischen Nervensystem führen würde, und welche von Nietzsche ebenso bündig als richtig beantwortet worden ist. Allein meine Frist ist um. Ohnehin kann das Gesagte genügen, um Ihnen anzudeuten, warum ich den habituellen Umgang mit den hervorragenden Dichtern nicht für ein Vergnügen, sondern für eine schwere Aufgabe halte. Zugleich aber auch für eine ernste. Denn man kann tief verletzen und Unersetzliches zerstören. Schonung ist unerlässlich. Man schuldet sie zwar nicht. Denn den Künstlernaturen Ausnahmsrechte zuzugestehen, das gäbe eine saubere Geniewirthschaft!, Wo aber einem Dichter aus freien Stücken Schonung zu Theil wird, sei es von Seiten eines liebenden Weibes oder eines hochsinnigen Maecenas oder einer großherzigen Nation (wie sie Frankreich mit Rousseau übte), da ׳weiht den edlen nachsichtigen Beschützern die Geschichte ihren schönsten Segen. Wer aber nicht vom Schicksal den Berns erhalten hat, sich mit dieser Menschenclaffe abzugeben, der bleibe Zur Geschichte -er Gsdencultur und -es Klimas von Palästina. Von Dr. Otto Ankel. Vielfach kann man — von gelehrten und ungelehrten Leuten — die Behauptung hören: Her Palästina sei der ״Fluch des Herrn" hereingebrocheft; aus dem Lande, in dem einst Milch und Honig floß, sei ein Land der Dornen und Disteln geworden; wo einst Wald und trefflicher Weidegang, grünende Auen und gut bewässerte Gründe, da trage heute die Natur einen öden, unfruchtbaren Charakter. Wie steht es mit der Wahrheit dieser Behauptung? Eine kurze historische Betrachtung soll die Frage beantworten. In einem Lande von dem hoben geschichtlichen Alter Palästinas zeigt die Natur natürlich deutlich die Spuren der Eingriffe des Menschen und seiner nicht selten naturwidrigen kulturellen Bestrebungen. Das ursprüngliche Pflanzenkleid der jungfräulichen palästinensischen Landscholle ist im Verlaufe der Erd- und Menschheitsgeschichte ein anderes geworden. In der Tertiärzeit trug Palästina einen tropischen Pflanzenwuchs, dessen verkümmerte Reste noch im Ghor (Jordanthal) zu finden sind; die Eiszeit ging nicht spurlos an der Vegetation vorüber; darauf hat die Mittelmeerflora das Land besiedelt. Ob der Libanon einst Gletscher trug, gilt nicht, für ausgemacht, wobl aber für wahrscheinlich. Sicherlich war das Klima Palästinas während der Diluvialzeit weit kühler und besonders feuchter als heute. Dem entsprach ein üppiges Pflanzenkleid, welches das Land noch zu Zeiten menschlicher Ansiedlungen.bedeckte. . Wie überall, so trat auch in Palästina die Cultur in ihren Anfängen als Waldzerstörerin auf; aus Jägern und Fischern wurden Nomaden. Bei dem eigenthümlich traumhaften Zuge des Orientalen, unbekümmert um die Zukunft, nur für das Heute zu sorgen, ist es nicht zu verwundern, dass der Wald keine Schonung erfuhr. Bei der Erschließung von Weidegründen spielten Axt und Feuer eine größere Nolle, als nothwendig und nützlich war. An die Stelle des Weidelandes trat die Getreide- und Baumcultur, die aus dem schweifenden Nomaden einen sesshaften Bauer machten. Als die Kundschafter aus dem Lande Kanaan zurückkehrten, brachten sie Granatäpfel, Trauben und Feigen mit. Im Gegensätze zu Egypten und der durchwanderten Wüste schildert Moses seinem Volke das verheißene Land also: ״Denn das Land, da Du hinkommst, es einzunehmen, ist nicht, wie Egyptenland, davon ihr ausgezggen seid, da Du Deinen Samen säest und selbst tränken musÄest, wie einen Kohlgarten; sondern es hat Berge und Auen, die der Regen vom Himmel tränken muß." ״Denn der Herr, Dein Gott, führet Dich in ein gut Land, ein Land, da Bäche und Brunnen und Seen innen sind, die an den Bergen und in den Auen fließen; ein Land, da Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel innen find; ein Land, da Oelbäume und Honig innen wüchset." Diese Stellen hat man gewöhnlich im Auge, wenn man von L׳. i alten Fruchtbarkeit Palästinas redet. Kurzer Hand wird nun immer wieder behauptet, dass die Entwaldung'eine Aenderung des Klimas herbeiführt,, die Abnahme des Regens das Land trockener und unfruchtbarer gemacht Habe/ Zu dieser Annahme fehlt, wie mir scheint,, alle Berechtigung. Keinen Aus-