Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-03-21 · Heft 9 (21.3.1892) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 9 (21.3.1892)
Date
1892-03-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3453241-3453250--3415-3457768
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Dksterreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung. Seite 3. Nr. 9. der alten Synagogen-Jntonationen, Verlag von Julius Hainauer in Breslau) und die ״Breslauer Synogogen-Gefänge" (Liturgie der neuen Synagoge, in Musik gesetzt für Solo und Chor mit und ohne O-gelbegleitnng, Leipzig bei Breitkopf und Härtel.) Es ist hier der Ort nicht, um in eingehender Weise in eine Würdigung dieser beiden Werke einzutreten. Was sie für den jüdischen Cultus bedeuten, weiß jeder, dessen Amt es erheischt, sich mit demselben zu beschäftigen. Dafs Dentsch damit Werke geschaffen, [bte weit hinaus über die Zwecke der Religionsgemeinschaft auch einen dauernden Werth für einen bis dahin gänzlich unbeachteten Teil der Kunstgeschichte beanspruchen, haben zur Zeit des Erscheinens der Sammlungen berufenste Kritiker ausgeführt. Dass aber iu ihnen mit den Mitteln reinster Kunst eine Fülle des Trostes und der Erbauung znsammengetragen ist, das danken dem Verewigten Tausende und Abertausende, denen die Gesänge im Gotteshanse erklungen sind. Die Verbindung fortgeschrittener Knnstentwickelung mit frommer, das Ueberlieferte schonender Gläubigkeit ist das charakteristische für diese Gesänge. Die altehrwürdigen Synagogenmelodien sind thunlichst beibehalten, aber sie sind überall zweckmäßig rhythmisirt und in reinem, correctem, durchweg wohlklingenden Tonsatze sowohl für Chor cappella als auch mit Orgelbegleitung gesetzt. Und wo hinwiederum Deutsch eigene Compositionen für liturgische Stücke gibt, da hat er dieselben mit richtigem Verständniße und feinem Sinne im Stile der alten Weisen gehalten und der Liturgie diedurch den einheitlichen Character erhalten. Deshalb sind die trefflichen Werke bei fast allen israelitischen Gemeinden zum Gebrauche beim Gottesdienste eingeführt und weit über die Grenzen der Breslauer Gemeinde gieng auch die Theilnahme hinaus, die am 29. Februar den Verewigten zur letzten Ruhestätte geleitete. Deutsch hat auch in der hiesigen Sing-Academie, dem größten und vornehmsten Gesangvereine Breslau's, unzählige Male die Tenor-Partien in den meisten Oratorien gesungen. Einmal auch unter der persönlichen Leitung Wagner's in Anwesenheit des damaligen preußischen Kronprinzen, spätern Kaiser Friedrich. Der Vorstand der Breslauer Synagogen-Gemeinde hatte beschlossen, die Bestattung seinerseits zu übernehmen und mit den höchsten Ehren zu schmücken, die eine jüdische Gemeinde ihrem Cultusbeamten zu zollen vermag. In den Vormittagsstunden war der Sarg für den engeren Kreis der Leidtragenden im Trauerhause selbst aufgebahrt, umgeben von der überwältigenden Fülle herrlicher Blumen, die Liebe und Anhänglichkeit dem Andenken des Dahingegangenen von fern und nah geweiht hatte. Um 12 Uhr erfolgte dann die feierliche Ueberführung der Leiche in die Synagoge, und an derselben Stelle, von der so oft die wunderbare Stimme des Verewigten zum Preise des Höchsten erklungen, da wurde jetzt die Bahre niedergesetzt. Das Gotteshaus war mit den ernsten Symbolen der Trauer geschmückt, und ernst und trauerooll verharrte auch die Kopf an Kopf gedrängte Gemeinde, die zusammengeströmt war, der Feier beizuwöhnen. Dieselbe begann mit dem Gesang eines von Deutsch selbst componirten herrlichen Psalm's. Dann ergriff Herr Rabbiner Dr. Knoller das Wort, um beredt zu verkünden, was wir besessen und was wir verloren in dem Manne, dessen Andenfeil die heutige Feier galt. An den Segen, den er von geweihter Stätte über die Bahre sprach, schloß sich die Celebrirung der Todtenfeier durch Herrn Cantor Manes, doppelt die Herzen ergreifend, weil gerade sie das eigenste Werk des Verstorbenen gewesen und unzählige Male von ihm Andern zum Trost und zur Aufrichtung an gleicher Stelle erklungen war. Dann setzte sich der von einer unübersehbaren Menge Leidtragender gefolgte Zug in Bewegung nach dem Friedhofe, wo Herr Rabbiner Dr- Rosenthal, nachdem die Bahre unter Chorgesängen in der Halle niedergesetzt worden, dem Verewigten die letzten Geleitsworte sprach. Er pries die Verdienste, die der Verstorbene sich erworben weit über die eigene Gemeinde hinaus, um das gesummte israelitische Volk. Dann aber sprach er davon, was er gewesen und gegolten habe auch außerhalb seines Amtes, als Mann als Mensch; wie er schlicht und in fast rührender Anspruchslosigkeit durchs Leben gegangen ist, wie er, fortschreitend mit allen Erungenschaften moderner Bildung, doch gläubig und fromm im Herzen geblieben, wie er verständnisvoll für die Anforderungen einer neuen Zeit, sich doch eine fast kindliche Reinheit des Gemüths bewahrt hatte, wie er geschätzt und geachtet von Fremden, geliebt und verehrt von seinen Angehörigen und Freunden, ein reiches Leben in hohem Alter und dennoch viel zu früh beschlossen. In tiefster Ergriffenheit lauschte die Trauerversammlung und geleitete dann den Sarg zur Gruft. In der Nähe der Stätte, wo vor etwa Jahresfrist sein langjähriger Freund Herr Rabbiner Dr. IM zur letzten Ruhe gebettet worden, hatte der Synagogenvorstand auch seine Beisetzung angeordnet, und langsam sank, unter den Tönen des rituellen Chors zur Gruft, was von Moritz Dentch sterblich war. Friede seiner Asche, Ehre und Segen seinem Andenken! Die Persönlichkeit -es Dichters und Künstlers. Eine psychologische Studie von Carl Spittelsr. (Schluss.) Psychologisch interessant, weil auf den ersten Blick unbegreiflich, ist die Hinneigung zur Taktlosigkeit, von welcher wir seit Simonides über Ovid bis Rousseau und in unsere Tage merkwürdige Beispiele haben. Man sollte meinen, dass der feinsinnigsten, weiblichsten Männerclasse nichts so fern liegen sollte als Tactlosigkeit; allein ebensosehr wie Gefühlsplumpheit kann Gefühlsraffinirtheit Tactlosigkeit erzeugen, weil Tact die Uebereinstimmung einer Aeußerung mit dem mittleren temperirten Gefühl des normalen Nebenmenschen bedeutet. Wessen eigenes Gefühl von dieser mittleren Temperatm׳ abweicht, sei es nun nach oben oder nach unten, der wird den jeweiligen Gefühlszustand des Nebenmenschen nicht errathen und sich demzufolge unangemessen äußern. Deshalb ist mit Einsamkeit fast immer einige Tactlosigkeit verbunden. Von Künstlern und Dichtern zu reden, ohne ihre sprich ׳ wörtliche Eitelkeit zu erwähnen, möchte manchen als ein grobes Versäumnis Vorkommen. Ich gestehe indessen, dass ich diese Eigen schaft bei Großen nicht habe beobachten können und halte den- Vorwurf vielmehr für einen Ausfluß von Mißverständnißen auch ein wenig von Bosheit. Was ist Eitelkeit? Ein sich zu Gute thun auf äußerliche Eigenschaften der Privaterscheinung. Nun widerspricht schon die Thatfache, dass große Künstler sich in die Einsamkeit zurückziehen, der Eitelkeit. Denn eitle Menschen brauchen Geselligkeit, um sich bewundern zu lassen. Will man aber mit dem Vorwurf der Eitelkeit zu verstehen geben, dafs Autoren gerne von ihren Werken reden, dass das Lob derselben ihnen wohlthut, die Verwerfung derselben sie schmerzt, dass sie sich überhaupt angelegentlich um die Werth-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.