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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-03-21 · Heft 9 (21.3.1892) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 9 (21.3.1892)
Date
1892-03-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Bksterreichisch-ungarische Cautoren-Zeitung. kein Ansehen der Person Md keine Rücksicht kennt und zulässt. Unserem Dafürhalten dürfen wir Meyerbeer schon so viel Vorurtheilslosigkeit zutrauen, dass er irgend etwas nicht deshalb für christlich ausgeben wird, einzig und allein darum, weil es im Christenthum entstanden und dort seine Entwicklung erhielt. Cm solches Verbot existirt überhaupt nicht, und wenn wir uns von Allem enthalten müssten, was im Christenthum seinen Ursprung hat oder von Fremdgläubigen geschaffen worden ist, dann dürften und könnten wir uns gar nicht in einem christlichen Staate aufhalten, da wir immer nur zu befürchten hätten und bei jeder Unternehmung untersuchen müssten, ob sie nicht fremder Convenienz wäre. So egoistisch aber ist die jüdische Religion nicht, dass sie eine völlige Abschließnng ihrer Gläu- Ligen wünschte und sie auf sich selbst beschränken wollte. Nur hält sie streng darauf, dass, wenn wir von den Völkern etwas uns aneignen,׳ so soll. es׳ nur das Gute und Nützliche, ., nicht Schlechtes und Verderbliches sein, (Saohedrin 39, b.) . Wenn wir dennoch die Orgel siartont christlich ' nennen, so muß dies unbedingt einen anderen, triftigeren. Grund haben, der das Religiöse ganz bei ^Seite lässt, und zwar ist es Folgendes: Der christliche Gottesdienst ist für die ׳'Orgel, oder umgekehrt, die Orgel ist für den. christlichen Gottesdienst geschaffen; mit ihr steht und fällt er. Das ist aber im jüdischen Gottesdienfte nicht im entferntesten der . Fall. Im Gegentheil, sie ist hier sogar sehr schlimm angebracht, und gar nicht am Platze. Die Orgel ist eben deshalb ausschließlich, christlich zu nennen, weil der christliche Gottesdienst nur auf sie angewiesen und meistentheils nur auf ihr beruht; ein christlicher Gottesdienst ohne Orgel ist nicht denkbar. Warum das so ist, sollte jedem klar sein; man braucht aber nur in das christliche ״Gesangbuch" und in unser ״Gebet buch" einzublicken, um den Unterschied derselben zu ersehen und dadurch auch sogleich die Ursache herauszufinden. Der Grundstock des christlichen Gottesdienstes besieht aus Liedern und Gesängen, die gesungen, und zwar von der ganzen Gemeinde, Männer, Frauen und Kinder, gesungen werden. Um diese Masse von Gesangsbeflissenen verschiedenster Art und Qualität in Ton und Rhythmus zusammen und in Schranken zu halten, braucht man ein so mächtiges Instrument wie die Orgel, die im Stande ist, bei noch so großer Volksmasse und bei noch so ungeschulten Sängern sich geltend zu machen und Gehör zu verschaffen. Ferner ist ja die Musik im christlichen Gottesdienste, wie bekannt, der allerbedeutendste Theil und wird auf die Erhabenheit derselben mehr Werth gelegt, als auf den bedeutenden Inhalt des Textes, wie Herder es bethcuert und sagt: ״Was die Kirchenmusik betrifft, so haben wir ohne Zweifel bessere und mehr bessere Kirchenstücke in Tönen, als in Worten." .Wie ganz anders ist's hingegen bei uns! Erstens können wir mit Gewissheit behaupten, dass kein Tonkünstler bei uns je aufstehen wird, der im Stande wäre, schönere und geholtvollere Musik zu komponiren, als. die Texte unserer Gebete es find, und dann ist die Musik in. unserem Gottesdienste lange nicht die Hauptsache; sie ist nur ein kleiner, verschwindender Theil desselben und bildet nur den Sammel- und Ruhepunkt im Gottesdienste, um sich dann geistig desto höher im Gebete zu erheben. Die Hauptsache in unserem Gottesdienste ist das Gebet, oder richtiger das. B et e 11, wobei ein Jeder in Gemeinschaft der ganzen Gemeinde, unter Vorantritt des Vorbeters, andachtsvoll sich zu betheiligen verpflichtet ist. Nr. 9. Der Gesang kann bei u n s . n u r bann ■unb nur für Diejenigen einigermaßeu religiöse B e d e u t u n g h a b e n, denen das Gebet s e l b st ein H e i l i g t h u m i ft u n d bie■ baä nur gesprochene Wort schon erbaut und zur Andacht st i m m t; wo aber dies nicht ist, ist auch der Gesang nur ein leerer Schall, der das skeptische Ohr in aknstischen Abwechslungen langweilt, oder auf kürze Zeit amüsirt — weiter hat das keine Bedeutung. In diesem Sinne also hat Meyerbeer die Orgel ein christliches Instrument genannt, und in diesem Sinne sagt er auch weiter : ״Der 13 §,t ende M e n s ch soll ohne jegliche Vermittlung zu Gott sprechen. So halten es die Juden seit Zerstörung ihres Tempels in Jerusalem und diese Uebnng hat sich eingebürgert durch 2 Jahrtaufen-ö^-" (Fortsetzung folgt). Moritz - Ein tiefbetrübende Nachricht , geht, uns aus B^slan zu. Moritz Deutsch, Obercantor der dortigen Synagogen-C״^׳einde, ist nach kurzem Krankenlager am 27. Februar, verschiede!?- Auch ihn hat die Influenza dahingerafft, im 74. Lebensjahre? 1״l^ noch in der Vollkraft seines Könnens und auf der H^he seines Wirkens. Nicht nur für die engere Gemeinde, in der e1' lebte, sondern für den ganzen jüdischen -Cultus überhaupt i׳,.'* sein Tod ein schwerer, ein unersetzlicher Verlust. Im Jahre 1818 in Nikolsburg in Mähren geboren und für die theologische Laufbahn bestimmt, stand Deutsch im Jahre : 1839 im Begriffe die Universität zu beziehen. Allein seine-friedliche Natur scheute zurück vor den damals ausgebrochenen theologischen Kämpfen und im Besitze einer herrlichen Tenorstimme, wählte er deshalb auf Anraten Sulzer's in Wien den Berus eines Cantors. Nachdem er am Wiener Conservatorium als Schüler der Prosefforen Weiß und Fischhof seine musikalischen Studien absolvirt hatte, fungirte er kurze Zeit als zweiter Cantor in Wien, um demnächst im Jahre 1844 als Cantor und Chor- Director an die große Synagoge in Breslau berufen zu werden. Ihr hat er seitdem, also fast 50 Jahre hindurch, seine künstlerische Berufsthätigkeit geweiht, unermüdlich und bis zum letzten Augenblicke mit voller Kraft und Hingebung. Und er fasste diese seine Berufsthätigkeit im weitesten Sinütz und von den höchsten Gesichtspunkten .aus. Er begnügte sich nicht, den Cultus zu celebriren, wie er ihn vorgefunden. Gläubig vom Ueberlieferten ausgehend, aber unausgesetzt künstlerisch reformirend und neuschaffend, hat er dem Gottesdienst eine Weihe und Schönheit gegeben, wie er nie zuvor besessen. Ein vorzüglicher Lehrer hat er durch Uebernahme des Musikunterrichts im jüdisch-theologischen Seminar und durch Begründung des ״Instituts zur Ausbildung jüdischer Cantoren" Hunderte von Schülern herangebildet und so dafür gesorgt, dass bie Früchte seines künstlerischen Strebens ihn überleben. Und lange noch, nachdem die herrliche Stimme verstummt ist, die Tausenden ein Quell der Andacht und Erbauung geworden, wird noch leben, was er in Wort nnd Schrift der Welt hinterlassen. Er hat fast den ganzen Cyclus der Liturgie für Chor und Gemeindegesang componirt und zahlreiche Orgel-Compositionen und vierstimmige Chorlieder mit deutschem Text veröffentliche Vor Allem aber chat er uns zwei Werke hinterlassen, deren Bedeutung dauern wird, so lange jüdischer Gottesdienst celebrirt wird. ״Die Vorbeterschule" (vollständige Sammlung

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