Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 8 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Desterreichisch-ungsrrsche Csntoren-Zritung. Nr. 8. zahlreich sein, seine Stimme drang bis zum hintersten Winkel und bis zum letzten Manne durch, dass im ganzen weiten Raume kein Ton und kein Wort, selbst des leisesten Pianissimo verloren gieng. Sein Gesang ergoss sich aus seinem Munde so leicht und ungezwungen wie ein sprudelnder Quell. Dabei zuckte er mit keiner Wimper, stand schnurgerade und wie angewurzelt vor dem Betpulte. Außer dem Worte hat er nicht gesungen, sondern das Wort war bei ihm Gesang, und Gesang Wort, er richtete seinen Gesang mehr nach dem Inhalt des Ganzen, anstatt sich in die Einzelheiten des Wortes zu verlieren. Und was sollen wir erst von seiner Kunst im Coloraturgesange sagen? Es fehlt uns wahrlich an Worten, um sie in ihrer ganzen Größe und Vollkommenheit zu schildern und sie nach ihrer wahrhaft phänomenalen Beschaffenheit wahrheitsgetreu zu zeichnen. Das musste man mit eigenen Ohren gehört haben, beschreiben lässt sich's nicht! Wir wiederholen nur, was Gesangsverständige und selbst namhafte Sänger und Coloraturbegabte darüber geäußert haben, nämlich, dass schon eine außerordemliche virtuose Technik dazu gehörte, wenn ein Künstler diese schwierigen und verwickelten Coloraturgänge in gleicher Schönheit und Vollendung auf einem Instrumente wiedergeben wollte. Das ist viel gesagt, es ist aber dennoch buchstäblich wahr! Man kann sich in der That keine Vorstellung machen von diesen kunstvollen Rouladen und Fiorituren, die dieser gottbegnadete Sänger zuwege brachte, und alles geschah in größter Ruhe und Sicherheit, und olles kam so fein gegliedert und doch so scharf markirt heraus, als ob Perlen aus seinem Munde dicht hintereinander nicd!׳lsielen. Seither haben wir Aehnliches nicht mehr gehört. Man möge aber nicht glauben, dass Joel Dowid mit dieser seiner göttlichen Gabe gar so verschwenderisch war; im Gegentheil, er gieng mit ihr sehr haushälterisch um, und wie eine steinreiche Frau, die sonst sehr einfach und sparsam lebt und nur dann ihren reichen Staat und ihre Kostbarkeiten zeigt, wenn die Gelegenheit sich dazu bietet und die Nothwei digkeit es erfordert, um als wirklich reich zu erscheinen, ebenso war auch er mit seinem Reichthnm an Coloraturfiguren sehr mäßig und enthaltsam. Er entfaltete nur dann seine ganzen Fähigfeiten, wenn sein edles Gefühl es für gut hielt und die Aesthetik der Musik keinen Schaden erlitt. Das Andenken dieses großen, unvergleichlichen Sängers fei daher für alle Zeiten gesegnet! (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien. Gleichlautend mit dem jüngst in unserem Blatte veröffentlichten Erlasse ״über das Maß allgemeiner Bildung für das Amt eines Rabbiners in Niederösterreich" ist auch eine diesbezügliche Verordnung des Ministers für Cnltus und Unterricht an die Statthaltereien Böhmens und Mährens ergangen. Wittfchowitz. Am6. März veranstaltetediehiesige ״Chewra- Kadischa" nach vorhergegangenem feierlichem Gottesdienste ein in jeder Beziehung großartiges ״Brudermahl". Die Festrede die sehr beifällig aufgenommen wurde, hielt unser Religions- Lehrer Herr M. A. Landau. Herr Fritz Stiassny, unser allgemein beliebte Cultusvorsteher, trank auf das Wohl der Chewra und dankte in stürmisch applaudirten Worten für die Spende des Vereines, zu dem im Frühjahre beginnenden Ausbaue einer Leichenhalle. Der liebenswürdige Arrangeur des Mahles und Vereinscassier Herr Hermann trank auf das Wohl des Vorstandes. Zum'Schlüße überreichte der Vorstand unserem Herrn Religiouslehrer eine prachtvoll ausgeführte Ehrenmitgliedsadresse, wofür Herr Laudau gerührt dankte. M. Kakocsa, Kürzlich verstarb der hiesige Oberrabbiner Josef Wolf, Schwiegerfohn des sel. Lipio-Szt.-Mikloser.Rabbiners, und Schwager des ihm im Tode vorangegangenen Oberrabbiner Nascher. Weiland Rabbiner Wolf, der Nestor der ungarischen Rabbiner, der 42 Jahre hindurch mit seltener Pflichttreue seinem Berufe oblag, hat durch sein profundes tatmudisches Wissen, seine mustergiltige Frömmigkeit, die sich mit wahrer Liberalität paarte, ein unvergängliches Angedenken im Herzen seiner Gemeinde und. ein rühmliches Blatt in der Geschichte jüdischen Lebens und Strebens gesichert. Große, gedankenreiche Folianten, worin der Verblichene die lichtvolle Welt seiner ausgedehnten Studien niederlegte, dürften von den hinterbliebenen Söhnen (der Eine obliegt dem rabbbinischen Studium) edirt werden, als erhabenes Vermächtnis, wonach Rabbi Wolf auch in seinen Schriften weiter leben wird. Die Leichenfeier war eine erhebende Trauermanifestation, ein Beweis des talmudischen Wortes:;•"מיתת של הצריפים מכפרת; er schlummerte im 77. Jahre sanft hinüber und zog ein nach jenen lichten Höhen, Samuel Bppentzeimer, kaiserlicher Faktor und Hofjude.;Von A. Stein, Taus. (Fortsetzung und Schluss.) Eisenmenger wiederholte alle die Lügenmärchen von Mordthaten, die Juden an Christen verübt, von der Brunnen- Vergiftung zur Zeit des schwarzen Todes u. s. w. Eisenmenger war im Hebräischen sehr gelehrt, er war von der Falschheit seiner Angaben überzeugt, aber der glühende Judenhass machte ihn blind für alle Unwahrheiten, die gesammte Judenheit des deutschen Reiches war erfüllt von Angst und Besorgnis und sie hätten gern Opfer gebracht, um den Druck des Buches, das in Frankfurt am Main erschienen, respective gedruckt werden sollte, zu verhindern. Es scheint auch auf eine Erpressung von Seiten Eisenmengers abgesehen gewesen, zu sein. Sobald die Juden in Frankfurt von dieser Brandschrift Nachricht erhielten, wandten sie sich an Samuel Oppenheimer, den einflußreichsten Mann am Kaiserhofe in Wien. Er erreichte auch sein Ziel, wenngleich mit großen materiellen Opfern; den es ^erschien auch alsbald ein Edict des Kaiser Leopold I., welches die Verbreitung des Eisenmenger'schen Buches aufs strengste verbot. Das in 2000 Exemplaren gedruckte Buch durfte nicht erscheinen. Eisenmenger, der durch den Druck diesen Buches in Schulden gerieth, wandte sich jetzt an die Juden und erbot sich für 30000 Thaler das Werk zu vernichten. Aber die Juden wiesen den Erpressungsversuch ab, da der Gegner durch das kaiserliche Edict ungefährlich wurde. So erwirkte Samuel Oppenheimer durch seinem Einfluß und Reichtthum, dass eine eminente Gefahr von den Juden des deutschen Reiches abgewendet wurde. Samuel Oppenheimer starb in Wien im Mai 1803. Eine heftige Lungenentzündung raffte den noch kräftigen Mann plötzlich ׳dahin. Aber erst jetzt zeigte sich seine Bedeutung und Größe, und welche Stütze des Staates er gewesen. Bei der Kunde von dem Tode des kaiserlichen Oberfactors und Hosjuden ergriff die gesammte Geschäftswelt des heilig römischen Reiches deutscher Nation eine ungeheuere Panique. Alle Interessenten suchten jetzt in überstürzten Eile an der Verlassenschaft, deren Verwaltung Oppenheimers Sohn Emanuel übernommen, ihre Forderungen geltend zu machen. Da aber die Hofkammer mit ihren Verpflichtungen gegen das Haus Oppenheimer um viele Millionen im Rückstände blieb, so war im Kurzem der Bankrotte der Firma Oppenheimer die Folge. Um den Folgen dieser Krise zu begegnen, sah sich Kaiser Leopold genöthigt, sich selber ins Mittel zu legen und folgendes Moratorium zu veröffentlichen: , ״Bis des verstorbenen Juden Samuel Oppenheimer Assignationes in den kaiserlichen Erbländern eingetrieben, die Oppenheimer'schen Interessenten,'Antizipanten, Creditoren, und welche von diesen hinwieder im Oppenheimer'schen Negotio dependieren, sowohl Christen als Juden keineswegs" übereilt, etwa mit Exekutionibus belegt oder sonst in mindesten ex ratione eines Wechselrechtes angefochten oder compelliert, sondern Alles iu statu quo gelassen und xer xateutes Publiziert, auch