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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-03-11 · Heft 8 (11.3.1892) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 8 (11.3.1892)
Date
1892-03-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8. Desterreichisch-ungarische Csntoren-Zeitung. Seite 3. ganz besonders reichlichem Maße bedacht, und wieder andere, die von ihr darin ganz stiefmütterlich behandelt sind. Nun, wir glauben nicht fehlzugehen, wenn wir behaupten, dass die jüdische Nation die coloraturbegabteste unter den Völkern ist. Das beweist unser gottesdienstliche Gesang, der uns ganz eigen und von echt jüdischem Nalmell ist, und das beweisen auch unsere altehrwürdigen Traditionsgesänge, welch beide Arten förmlich von wunderbar kunstvollen Coloratur- Gängen und -Passagen durchwebt sind und welche ohne Coloraturfähigkeit gar nie zur rechten Ausführung gebracht werden können. Jüdischer Gesang und jüdische Melodie ohne Coloraturgäbe hört sich gerade so an. wie wenn ein Nichtjude Hebräisch ' spricht. Sollen wir nun, die wir mit der Coloratur aufgewachsen und verwachsen sind, so dass sie uns in Fleisch und Blut übergegangen ist; wir, deren Lehrmeister zugleich Meister der Coloratur waren, wir sollen - nun unsere göttliche Begabung, wir möchten sagen: unsere nationale Individualität, um welche uns andere Nationen beneiden dürften, gänzlich aufgeben und völlig verleugnen? Wir sollen unsere Bevorzugung, womit uns die Natur durch Gottes Gnade vor anderen Völkern ausgezeichnet, wie ein unbrauchbares Gefäß von uns werfen? Und aus welchem Grunde sollen wir dies thun? Wegen eines leeren Wahnes, in Anerkennung einer vollständig falschen, blos der Unbegabung und Unfähigkeit entsprungenen Kunstrichtung, ja wegen eines eingebildeten Neuerungsdurstes und chimärischen Nachahmungsgelüstes! Freilich, wenn man steif und aufgeblasen an der Orgel steht, in der Meinung, dass hier an dieser Stelle die höchsten Kunstleistungen vollbracht werden und nur hin und wieder ein Solo vom Stapel abzulassen ist, da geht es schon ohne Coloratur, da ist sie in der That überflüssig und vollständig entbehrlich. Da darf die Stimme noch so hölzern, unelastisch und unbeholfen sein, dass man sie mit 10 Pferden nicht ״umdrehen" könnte, ein solches ״Solo" bringt sie doch und sogar mit großen! Eclat fertig. Nur kann man da sagen ״ותמונה אינכם רואים זולתי קול״, man hat hier keinerlei musikalisches Bild vor Augen, es ist nichts weiter als Stimme und immer wieder nur Stimme. Dagegen aber, wer wirklicher Chasen sein will, der nicht allein ״Soli" vorzutragen, sondern sämmtliche Gebete selbstständig zu celebriren und die langen sinnreichen ״Schemone essre“ in wahrhaft schaffender, gestaltender Weise künstlerisch durchzuführen hat, der kann die Coloratur unmöglich entbehren, der muß sie ganz in seiner Gewalt haben, um von ihr den weitesten Gebrauch machen zu können. Von ihm mnß gesagt werden können: "רוממות אל כנרונם", er trägt die Größe und Erhabenheit Gottes in seinem ״Halse"; er besitzt ein Instrument in seiner Kehle, das zur.Bewunderung der Gottheit auffordert, welche ihm die Gabe ׳verliehen. Sänger, die die Coloratur in dieser Weise beherrschen können, gibt es jetzt nur wen׳ge, aber wir haben einstens das außerordentliche Glück gehabt, einen solchen gottgesegneten Mann längere Zeit hindurch zu hören, uns an seiner seltenen Gottesgäbe zu laben und fürs ganze Leben den Eindruck davon zu empfangen. Wenn wir diesen Mann hier nennen, wollen wir damit gleichzeitig einem erhabenen, aber sehr unglücklichen College!!, dessen Andenken Unter den Lebenden bereits vergessen und völlig verwischt ist, in unseren Fachblättern ein Denkmal setzen. Es ist dies der Wilnaer Chasen Joel Dowid זצ״ל, o&er wie er unter dem Spitznamen ״das Wilnaer Balhabäsel" allgemein׳ bekannt war. Als wir den Wilnaer Chasen kennen lernten, war er bereits im Abstiege von seiner einst so glanzvollen Höhe; er war nämlich schon auf der Heimkehr von der Bußwanderung, die er als ״Bai teschwo“ unternommen hatte, kaum ein Jahr vor seinem Tode. Er kam damals von seiner Rundreise durch ganz Deutschland, über Wien, Lemberg und Brody auch nach unserer Vaterstadt und da gerade plötzlich sehr strenger Winter eingetreten war und er auch weder Begleitung noch rechte Bekleidung für diese Jahreszeit hatte, musste er hier längeren Aufenthalt nehmen und das warme Bethamidrasch zu seinem dauernden Asyl machen. Der Mann war schon mehr Geist als Körper und wollte auch von der irdischen Welt nicht mehr viel wissen. Den Verkehr mit Menschen hatte er bereits vollständig abgebrochen und nur noch geantwortet, wenn man ihn fragte. Seine stete Beschäftigung war fleißiges Talmudstudium, welches er mit großem Scharfsinn und wunderbarer Belesenheit betrieb. Wie groß letztere war, mag aus dem Umstande hervorgehen, dass er jeden Freitag und Sonnabend — nach einer Verordnung vom ״Schal011tt— die beiden umfangreichen Tractate 8״eka1)v8^ und ״Eruwinu auswendig heruntersagte; er kannte aber auch andere N686oI1to8 auswendig. Seine wahrhaft großartige Kunst hat er nicht um Geld feilgeboten, und wenn man ihn in irgend einer Synagoge mit dem Vorbeten am Sabbath ״beehrte", nahm er es als eine wirkliche Ehrung dankbarst an und verlangte keinerlei Entgelt dafür, ja er lehnte es energisch ab, selbst irgend welches Geschenk anunehmen. Schreiber dieses war damals ein halbes Kiud — er mochte höchstens 11—12 Jahre alt gewesen sein — aber in einer Stadt, wo Sänger und Sangeskundige von der Straße aufzulesen waren, und von welcher es svrichwörtlich hieß, ״dass dort jeder Ständer singen kann", wo ״Kaschtan" Chasan war und wo auch sein Sohn ״Weintraub" als solcher fungirte, da hat auch ein solches Kind schon ein reiferes musikalisches Urheil, besonders, wenn es sich von der frühesten Jugend an in der Musiksphäre bewegt und seinen Lebenssaft frühzeitig von diesem Born einsaugt. Es ist wahr, hier zu Lande ist man in diesem Alter, noch ein wahres, d. h. ein völlig unwissendes Kind, aber in einem Lande, wo die Gelehrsamkeit — wir sagen absichtlich nicht Wissenschaft so allgemein ist, dass sie nur von Vater auf Sohn zu übergehen braucht, und die Noth wieder so unendlich groß, dass sie bereits ihre Wirkung verloren und die Empfindung abgestumpft hat, da reift man schnell und das Kind bekommt die Erfahrung eines Mannes. Dazu haben wir damals schon mehrere Jahre als ״Singerl" gedient und auch schon mehrere Gesangs-Koryphäen gehört, unter welchen unser Chasen selbst za rechnen war. Wir schreiben alles dieses nur deshalb, um zu zeigen, dass wir zu jener Zeit schon einem wahrhaften Kunstgesange ein gut Theil von Verständnis entgegenbrachten, und können wir es daher betheuern, dass wir einen solchen Gesang, wie er uns von diesem Manne geboten wurde und wie er sich uns so tief einprägte, nicht mehr, weder vor dem Betpulte noch von der Bühne, vernommen haben. Es war ein wahrer Sirenengesang, aber nicht ein solcher, der hinab in die Tiefe zieht und den Tod gibt, sondern ein solcher, der hoch in den Himmel trägt und frisches, pulsirendes Leben spendet. Joel Dowid's Stimme war nicht sonderlich groß zu nennen, sie war vielmehr vom Timbre eines schwachen lyrischen Tenor, aber von bezaubernder Weichheit und unbeschreiblichem Klange. Die Sh nagoge durfte noch so groß und das Publikum noch so

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