Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 8 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Besterreichisch-ungarische Cautoren-Zeltung. . ._ ^r• 8. steht, so mag die Natur zuiehen, wie sie sich mit ihr absindet; stimmt es nicht zusammen, um so schlimmer sür die Natur. Aus mißverstandenen Beispielen hat man nämlich^ versucht, ein Evangelium der Gesundheit und Krast mit obligatorischer. Hygiene sür den Dichter zu verfassen. Mit Gesundheit und Kraft der Kunst erklärt sich wohl Jeder einverstanden. Aber robuste Künstler und Dichter mit Hausknechtsnerven ist ein Ding der Unmöglichkeit. Damit macht die Natur einen Pompier oder Kanonier, aber nicht einmal einen großen Kapitän. Alexander, Napoleon und Friedrich der Große zeigen ebenfalls nervössentimentale Symptome. So lange die Welt steht, werden Phantasiemenschen schwere neurasthenische Störungen aufweisen. Es thut mir leid, dass es so ist, aber es ist so. Und Niemand soll mir einwerfen, dass das bei den ganz Großen anders wäre. Dante ist wohl meines Wissens auch ein ganz Großer; auch wird schwerlich Jemand seine Kunst eine ungesunde nennen. Nichtsdestoweniger würde er heutzutage nach der modernen Gesuudheitstheorie wegen seiner Halluzinationen und seiner Ohnmächten ein ״erbärmlicher Schwächling" heißen und energisch mit Kaltwasser behandelt werden. Shakespeare, dessen Kunst doch, wie ich vernommen habe, ebenso kräftig als gesund ist, wurde wegen seiner persönlichen ״Süßlichkeit" verspottet. Dem würden unsere Kraftkritiker unfehlbar Holzspalten verordnet haben- Die mindeste Einsicht in den menschlichen Organismus reicht übrigens hin, um zu erratheu, dass dem auch gar nicht anders sein kann, dass fortgesetzte konzentrirte Phantasiethätigkeit, überdies mit Gemüthsaffekten komplizirt, unvermeidlich pathologisch stimmen muß. Schon angestrengte Geistesarbeit steht ja bei den Ärzten in fatalem Kredit, und ein kerngesundes Nervensystem, wie man es neuerdings dem Künstler zumuthen möchte, hat überhaupt blos der Muskelarbeiter. Mehrere bedeutende Denker, darunter der Philosoph Lotze, haben ausgesprochen, dass vom sanitarischen Standpunkte aus der Geist als ein unnützer, wenn nicht schädlicher Schmarotzer des Körpers betrachtet werden müsse. Von der Phantasie aber gilt das in ungleich höherem Grade: Rechnet doch einer der berühmtesten französischen Psychiater, nämlich Moreau von Tours, jede Phantasiethätigkeit schon unter die krankhaften seelischen Zustände. So erzählt er vom einem Krankheitsfall, in welchem der Patient abwesende Personen nach Belieben sich habe vorstellen können, mit allen Einzelnheiten der Gesichtszüge. Also das einfache Erinnerungsvermögen wird von dem Herrn Doktor schon als Seelenstörung aufgefasst. Dass Einem die Geliebte in rosigem Schimmer und goldenem Schein strahlt, zählt er unter eine bestimmte Rubrik der Geisteskrankheiten: unter die Erotomanie. Wie übertrieben und aberwitzig eine solche psychiatrische Gendarmenkritik sein mag, so zeigt sie uns Loch den Weg, auf welchem wir wandeln: Wo immer ein Mensch vorzugsweise ein Phantasieleben statt ein nach außen gerichtetes führt, da bewegt er sich schon in der Richtung zum Wahnsinn; einstweilen zahlt er der Neurasthenie mit allen ihren Folgen einen reichen Tribut. Ein Künstler und mehr noch ein Dichter, während er mit einem großen Werk beschäftigt ist, steht nnter den Bedingungen jener Geisteskranken, welche ein sogenanntes Doppelleben führen. Lange Zeit mag der Verstoß gegen die Natur ungestraft bleiben, es genügt aber oft eine Kleinigkeit, ein äußerer Schicksalsschlag oder ein deprimirender Gemüthsaffekt, um plötzlich die Geistesstörung öffentlich zu dokumentiren. Die Litteraturgeschichte gibt uns leider nur Mzu häufige Beweise hiefür. Doch muß man sich ja vor einer Verwechslung hüten: Genie an und für sich ist nicht Wahnsinn, sondern im Gegentheil außerordentlicher Tiefsinn und Scharfsinn, wie denn die großen Dichter immer zugleich die besten Denker gewesen sind. Aber die Betätigungen des Genies, diese unausgesetzte Präokkupation, dieses angespannte Phantasieleben, diese angestrengte Riesenarbeit führt durch die Stationen der Neurasthenie und Hysterie leicht zur Störung des seelischen Gleichgewichtes. Wenn Sie Einem, der die verschiedensten Geistesarbeiten versucht und verglichen hat, ein Urtheil aus seiner eigenen Erfahrung erlauben wollen, so gestatte ich mir die Bemerkung, dass die kleinste dichterische Produktion, und flöße sie auch noch ' so leicht und schnell und scheinbar ohne Gemüthsaffektionen, die Nerven mehr erschöpft als tagelange konzentrirte Denkarbeit. Jeder Dichter wird also, vorausgesetzt, dass er energisch mit großen Plänen umgeht, mehr oder weniger die Symptome eines Nervenkranken aufweisen. Daraus erklären sich seine berühmten ״unbegreiflichen" Schwächen. Ihm dieselben zum Vorwnrf zu machen, ist so gescheidt, als wenn man einen Soldaten, der eine Wunde ins Bein erhalten hat, darum tadeln wollte, dass er schwankt. Freilich eine Quelle des Genusses für die Nebenmenschen ist biese krankhafte Reizbarkeit keineswegs, ebensowenig wie der Umgang mit einer hysterischen Frau. Ich habe mich nun oft gefragt, ob die Reizbarkeit des Künstlers irgend welche spezifische Merkmale trage, die .von der allgemeinen nervösen Reizbarkeit sich unterschieden. Vielleicht . können wir ein solches spezifisches Merkmal in der Maßlosigkeit und Nachhaltigkeit der Reaktion auf äußere Eindrücke erblicken. Ein Tadel, eine unwillkürliche Vernachlässigung wird als tödrliche Beleidigung empfunden, ein schnödes Wort will nicht aus dem Gedächtnis weichen, wo es vielmehr von Tag zu Tag größere Proportionen annimmt; und ähnliches mehr; bis zum Verfolgungswahn; wie wir es in Goethe's Tasso lesen und in der Wirklichkeit erleben. Die psychologische Erklärung hiefür ist leicht zu finden. Empfindsamkeit kann nicht ohne Empfindlichkeit bestehen; das Gemüth des Künstlers hat Tasten, welche leichter anschlagen und Saiten, welche länger nachklingen als das beim Normalmenschen der Fall ist. Auch muß derjenige, dessen Ohr gewohnt ist, den - Gesprächen von Phantasiegestalten zu lauschen, die wirkliche materielle Rede des Nebenmenschen als einen gewaltsamen Ein-- griff wahrnehmen. Er wird sich auf Schritt und Tritt mißhandelt wähnen und indem er gegen vermeintliches Uebelwollen reagirt, seinerseits ungerecht werden. Hier haben sie ein Beispiel, wo die Neurasthenie den Charakter alterirt. (Schluss folgt.) Zur Klärung -er Frage -er tra-itioueüen Tonarten. XXIV. (Fortsetzung.) Coloratur ist eine Natur gäbe, welche nicht nur von der Straße aufgehoben zu werden braucht; ste ist eine Gabe, deren Besitz nicht etwa von dem Willen des Sängers ab-: hängt, ob er sie nämlich anerkennen oder verleugnen will, sondern sie muß in ihm als Keim von Natur aus vorhanden sein. Da nun aber die Mutter Natur ihre Liebesgaben so ver-- schiedentlich austheilt, so finden wir einzelne Menschen sowohl wie ganze Nationen, die mit dieser Gabe von der-Natur in