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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-03-01 · Heft 7 (1.3.1892) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 7 (1.3.1892)
Date
1892-03-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. ‘ Drsterrrirhisch-ungarische Cantorrn-Zeitung. Nr. 7. 60. ״Der Messias kommt erst in einem Zeitalter, wo entweder alle Menschen tugendhaft, oder alle lasterhaft sein werden" (Sanliedr. 98.) Sind alle Menschen lasterhaft, denen Nichts heilig ist, so kann die Welt nicht bestehen, und ein Umschwung znm Bessern, eine Erlösung muß durch Gott herbeigeführt werdln. Tritt aber ein Zeitalter ein, wo Recht und Sitte allgemein herrschend sind, dann bildet die veredelte Menschheit die Messiaszeit, was jedoch bis jetzt noch ein Ideal ist. 61. ״Die alten Lehrer werden ״Soferim", Zähler, genannt, weil sie die Buchstaben der Thora zählten (Kidushin 30.) Es beginnt mit ihnen die massoretische Schule. Hier ist ein Wortspiel zu bemerken: Sofrim bedeutet Schreiber, Schriftgelehrter und auch Zähler. Das Zählen der Buchstaben in der Thora hatte den Zweck, damit keine Fälschung später vorkommen konnte. 62. ״Die Stelle, welche die Bußfertigen im Jenseits einnehmen, können die größten Frommen nicht erreichen" (Bet. 34.) Es ist ein größeres Verdienst die gewohnten Fehler aufzugeben, ernstlich sich zu bessern, als wenn der Mensch niemals den Anfechtungen der Sünde unterlegen ist und den Verlockungen preisgegeben war. W.1*. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wie«. Samstag den 5. d. M. feiert Herr College Cantor T. Fleck, welcher im Josefstädter Tempel seit vielen Jahren Anerkennungswerthes leistet, im engsten Familienkreise seine silberne Hochzeit. (Wir gratuliren dem geschätzten .Collegen herzlichst. Die Red.) Wien. (König Fried m ann.) Vor einiger Zeit brachte das Mainzer Blatt ״Der Israelit" Mittheilungen über eine Colonie russischer Juden im nordwestlichen Arabien, die geeignet waren, Aufsehen zu erregen. Es hieß, dass ein gewisser Paul Friedmann in Krakau einige zwanzig russische Juden angeworben und dieselben nach dem Landstriche Madian an der nordöstlichen Küste des Rothen Meeres geführt habe, wo er an der Küste des Golfs von Akabah eine Colonie errichtete. In dieser Colonie seien aber die jüdischen Ansiedler von Friedmann und dessen Genossen, einem Herrn v. Seebach und zwei ehemaligen Unteroffizieren, auf das härteste behandelt und bei unzureichender Nahrung zu ganz zwecklosen, anstrengenden militärischen Uebungen verhalten worden. Friedmann und seine Gefährten wurden ferner im ״Israelit" beschuldigt, einem der Juden, der sich gegen die unmenschliche Behandlung auflehnte, grausam mißhandelt und sogar seinen Tod verursacht zu haben. Als dann die übrigen Juden sich weigerten, sich länger dieser Be- Handlung zu unterwerfen und aus der Colonie entlassen zu werden verlangten, habe Friedmann sie halbnakt in die Wüste Hinausgetrieben, worauf sie nach einer mehrtägigen Wanderung unter den größten Mühseligkeiten und Entbehrungen nach Suez gelangten. Auch die die Berlin erscheinenden ״Jüdische Presse" veröffentlichte zwei Berichte, in denen die Leiden der unglücklichen Colonisten in der grellsten Weise geschildert wurden. In einem der Berichte heißt es, dass, als die Israeliten eines Morgens zu Friedmann gerufen wurden, ״sich ihnen derselbe als König und Pascha von Madian vorstellte; er trug damals eine Goldkröne auf dem Haupte, war militärisch gekleidet, hatte die Brust mit Orden behängen, die linke Hand auf das Schwert gestützt, in der Rechten einen Revolver nnd verlangte von den Colonisten als ihr Herr und König unbedingten Gehorsam". In den letzten Tagen sind über Friedmann und sein abenteuerliches Unternehmen weitere Mittheilnngen in die Oeffentlichkeit gelangt, darunter Briefe, die Friedmann selbst von seiner Expedition aus an eine hier in Wien lebende Persönlichkeit richtete, und Briefe eines Wiener Arztes, den er für die Expedition gewonnen hatte. Ans diesen authentischen Dokumenten geht nun klar und deutlich hervor, dass das Unternehmen vollkommen mißlungen und gescheitert ist, dass die Gründung der jüdischen Colonie in Madian als ein verfehltes und unmögliches Projekt betrachtet werden musste, dem wohl eine gute Absicht zu Grunde lag, das auch mit großer Opferwilligkeit ins Werk gesetzt wurde, aber eiuen durchaus phantastischen und abenteuerlichen Charakter hatte. Was die angeblich grausame Behandlung der jüdischen Colonisten durch Friedmann und dessen Gefährten betrifft, so bestreitet er in seinen Briefen diese Beschuldigung auf das entschiedenste und misst alle Schuld den Colonisten bei. Auch über die Persönlichfeit und das Vorleben Friedmann's liegen interessante Mittheilungen vor. Paul Friedmann stammt aus einer jüdischen Berliner Familie, ist aber getauft. Seinem Briefe nach ist er Ingenieur und lebte früher in England. Er besaß ein großes Vermögen, das er zum Zwecke der Colonisirung der Juden in Arabien zu verwenden beschloß und dabei auch thatsächlich aufgeopfert und verloren hat, denn er hat die ganzen großen Kosten deu mißlungenen Expedition aus Eigenem bestritten. Insoweit erscheint also sein Unternehmen als ein rein humanitäres; aber drücklich verbot er ihnen die Benützung von Kutschen und Reit- Pferden, sie durften nicht einmal als Wage nlenker in Dienst genommen werden. Für die Mehrzahl der Unterdrückten war in Europa im letzten Jahrzehnt des XVIII. Jahrhunderts der Tag der Befreiung aus dem erniedrigenden Joche angebrochen, die Unglücklichen Nachkommen eines alten Geschlechts allein wandelten noch immer in der dunklen Nacht der Knechtschaft. Noch im Jahre 1793 erneuerte Pius VI. die drückenden Bestimmungen Benedikt's XIV. Schwer lastete auf den arg Verfolgten der Hass des Volkes unter dem stürmischen Pontificat Pius' VII. Traurig war ihr Leben unter dem Regimente Leos XII., der eine persönliche Abneigung gegen sie hatte. Mit dem Regierungsantritte Gregors XVI. begann auch für sie eine freundlichere Zeit; die erniedrigende und bie ärgsten Stürme veranlassende feierliche Bitte um weitere Duldung ward diesmal zuerst abgestellt, mochte es auch im Uebrigen so ziemlich beim Alten bleiben, die frohe Zuversicht auf bessere Tage schöpfen sie gleichwohl aus jenem für sie so erfreulichen Verzicht auf eine der kränkendsten Forderungen. Aber noch immer waren sie die Parias, denn streng gesondert von den übrigen Bürgern mussten sie auch weiterhin im engen Ghetto bleiben. Erst Pius IX. fasste den hochherzigen Entschluss, die Ghettomauer niederreißen zu lassen (Ostern 1847). Er hatte sich zu der Ansicht bekannt, die seit kurzer Zeit im höchsten päpstlichen Tribunal, in der Rota, richtunggebend geworden, dass ״die Hebräer nicht als Heiden, sondern als Bekenner desselben Gottes, den die Christen anbeten, zu betrachten seien. "*) Darum mochte er sich leicht dazu entschließen, den Juden den Eintritt in die Bürgerwache zu gewähren, ja sie ihnen zur Psticht machen. Allein der so viel versprechende Beginn einer schöneren Zeit war nicht nach dem Sinne der mächtigen reactionären Partei des Vatikans; mit allen Mitteln verhinderten die Jesuiten die Fortsetzung des Emaneipationswerkes. Es war aber ein vergebliches Mühen, den Geist der Zeit bannen zu wollen. Alle Welt beschäftigte in Italien der Einheitsgedanke, die Errichtung des einheitlichen Italien bildete einen Kitt, der die heterogensten Elemente an einander band. Wer immer in selbstloser Aufrichtigkeit der heiligen Sache seine Dienste und sein Können widmete, er war ein willkommener Genosse, ein freundlich begrüßter Helfer. Wie hätten es die siegreichen Söhne des italienischen Königreichs vergessen können, dass ihre jüdischen Brüder seit dem Jahre 1848 mit opferwilliger Freude auf allen Schlachtfeldern für das gemeine Ziel geblutet haben? Wie hätte es ihrem Gedächtniße entschwinden können, dass ihre jüdischen Brüder bei jedem Anlässe,, der die Erfüllung des heißesten Wunsches aller Italiener näher bringen konnte, unter den Besten zu treffen waren? So brachte denn den iu langen Leiden Gestählten das befreite Italien die unbeschränkte, volle, ungeneidete Freiheit. Auch die letzten Spuren, die an das menschenwürdige Dasein im Ghetto erinnern konnten, sind unter dem Brecheisen gefallen, als freudig gereichtes Opfer, das einer helleren, besseren Zeit gebracht wurde. Brok. Br. Beinricb Block *) Natali, II Grhetto di Roma I. S. 147. k. Rom 1887.

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