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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-03-01 · Heft 7 (1.3.1892) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 7 (1.3.1892)
Date
1892-03-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7. Besterrcichisch-nngarische Csntoren-Zeitnng. Seite 5. 51. ״Der Habsüchtige wende sich nach Norden, der Missbegierige aber nach Süden," (B. Batra 25.) Dieser Spruch ist keineswegs als Räthsel zu betrachten. Der Habsüchtige, der sein ganzes Dasein seinen Vortheilen.widmet, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend, nach Gewinn hascht, nur sein eigenes Ich liebt, seine Wichten gegen Gott und Menschen außer Acht lässt, der verkriecht sich in den dunkeln Schatten der Mitternacht, damit ihn Niemand sehe, und er Niemandem zum Aergernis und zum bösen Beispiel diene. Aber der einsichtsvolle, vernünftige Mensch, der den wahren und echten Lebenszweck auf Erden verfolgt, der unermüdet seinen Geist zu vervollkommen, sein Herz zu veredeln strebt, der trete an's Tageslicht, der menge sich in Gesellschaften, damit alle Welt ihn sehe, erkenne, und sein Vorgehen Nachahmung finde. 52. ״Eine einzelne Münze im Beutel, das macht sich breit und wird eitel" (B. Mez. 85.) So lautet auch ein Spruch des weisen Salomon, ״Mancher thut reich und besitzt nichts, mancher stellt sich arm nnd besitzt großes Vermögen (8xr. 13. 7.) Zur ersten Classe gehören auch die Großsprecher, die sowohl im Gebiete der Kenntnis und Wissenschaft, als auch in der Finanzwelt anzutreffen sind. Hohlköpfe und Charlatane sind es zumeist, die sich im Leben vordrängen und breit machen, wie eine einzelne Münze im Beutel, klappert und rauscht, während das wahre Verdienst sich schüchtern in den Mantel der Bescheidenheit hüllt. 53. ״Der Wein gehört dem Besitzer, das Lob schenkt man dem Weine" (B. Kama 92.) Die Menschen nehmen die Menschen nehmen die Gaben Gottes hin, vergnügen und ergötzen sich daran, aber an dem Geber alles Guten denken sie nicht. Der Geist der Weisheit kommt vom Himmel droben; doch hört man nur den weisen Lehrer loben. 54. ״Die Gottheit kam nie bis zur Erde herab, Moses und Elias kamen nie ganz bis zum Himmel hinauf" (8uka 5.) Die Gottheit wird nie vollständig von dem Menschen begriffen, und der Mensch, sei er noch so groß, kann sich nie ganz zu einem geistigen Wesen erheben. Es liegt auch hier die Andeutung, dass die Himmelfahrt des Propheten Elia nicht im buchstäblichen Sinne aufzufassen sei. Nach einer Sage sollte auch Moses, als Gott die Thora gab, im Himmel gewesen sein und mit den Engeln einen Disput gehalten haben. 55. ״Gott wollte die Opfer von den verfolgten und nicht von den verfolgenden Thieren" (Kama 93.) Gott nimmt sich des Schwachen an, darum hat sich der Verfolgte mehr des göttlichen Beistandes zu erfreuen, als der Verfolger. Es liegt in diesem Spruche ein gewisser Trost für das Volk Israel, das immer der Verfolgung böser, liebloser Menschen ausgesetzt ist. 56. ״Gott svricht zu dem Menschen: Mein Licht ist deine Hand, dein Licht ist meine Hand; hütest du mein Licht, werde ich auch dein Licht hüten" (Jalk. zu Ps. 617.) Das Licht Gottes ist die Thora, das Licht des Menschen ist das Leben; das Licht der Thora erhalt das Lebenslicht. 57. ״Zur Zeit des Tempelbestandes versöhnte der Altar den Menschen mit Gott, jetzt muß der häusliche Tisch die Stelle des Altares vertreten" (Chagiga 27.) Der häusliche Tisch bedeutet Gaftsreundschaft, Arme und Fremde zu Tische zu laden. Acte der Wohlthätigkeit sind ebenfalls Opfer, die Gott wohlgefällig sind, wie häufig aus den Reden der heiligen Schrift zu ersehen ist. 58. ״Gott hat Israel unter die Völker zerstreut, damit durch dasselbe viele Menschen zum wahren Glauben gebracht werden" (Pesacli. 89.) Durch Israel wurde die. Gotteserkenntnis verbreitet, das kleine Israel hat den weitve. breiteten, schändlichen, sittenverderbenden Götzendienst gestürzt, hat die Lehre des Rechtes, der Liebe, der Sitte, der Tugend verbreitet, war der Bote der Civilisation und Toleranz, der Lehrer der Völker bis auf den heutigen Tag. 59. ״Wehe dem, der keine Wohnung hat, und sich eine Thüre zur Wohnung macht" (8ad. 31.) Dieser Spruch bezieht sich auf einen Menschen, der Wissen ohne Tugend besitzt; die Wissenschaft soll zum Tugendleben führen; Wissen ist das Mittel, Tugend der Zweck. Mögen auch die wissenschaftlich eingebildeten Antisemiten diesen Spruch beherzigen; erst ein Hans sich bauen, dann die Thür einhängen. alle diese Mittel führten nicht zu dem erhofften Ziele: die Juden ließen sich — von den gewaltsam Getauften muß man natürlicherweise absehen — nicht bekehren, treu hielt die Gesammtheit zum angestammten Glauben. Treu sich selbst und ihren Vorfahren war ihnen, um ein passendes Wort Goethe's anznwenden, die Enge (des Ghettos) weit genug. Es lockten sie nicht die hohen Würden, die den Apostaten ertheilt, nicht die ansehnlichen Schätze, die diesen zugewiesen wurden, während sie selbst aus ihren eigenen Mitteln für die Erhaltung der Neubekehrten aufzukommen hatten. Nach jeder Synagoge, nach^ jedem Bethause des ganzen Kirchenstaates waren von den betreffenden jüdischen Gemeinden jährlich 10 Ducaten zu diesem Zwecke zu entrichten. Man gieng weiter: jede Gemeinde, aus deren Mitte ein Jude den christlichen Glauben angenommen hatte, musste ihrem abtrünnig gewordenen Sohne eine jährliche Pension bezahlen. Gesorgt'war auch dafür, dass die Neophyten und Katechumenen nicht wieder zu ihrem ursprünglichen Glauben znrückkehren oder den betretenen Weg verlassen. Schwer wurde jeder derartige Versuch geahndet. Ja schon der Besuch des Ghettos, der gesellschaftliche Verkehr mit Juden, selbst ein unschuldiges Gespräch mit den eigenen, dem jüdischen Glauben treu gebliebenen Eltern, Geschwistern oder Kindern wurde als schweres Delict bestraft. Aber auch der einzige Trost, den die Juden in ihrer Bedrängnis fanden, sollte ihnen nicht unverkümmert bleiben. Benedikt XIV. erließ am 15. September 1751-die Verordnung, welche den Juden das!freie Studium ihrer Religionslitteratur untersagte. Streng wurde die Censur an den Geistesprodncten jüdischer Autoren geübt; häufig fanden gründliche Haussuchungen im Ghetto nach verbotenen Schriften statt, wiederholt wurden die Büchereien des Ghetto geplündert, weggeführt und in der Regel einem Renegaten zur Beurtheilung überantwortet. Alles, was auf den Talmud Bezug hatte, wurde schonungslos den Flammen übergeben, die Bibelcommentare und rein litterarischen Werke wurden purgirt und verstümmelt, ehe man sie den Juden zurückstellte. Nicht selten geschah es, dass bei einer späteren Untersuchung Bücher, welche ehedem zur freien Benützung gestattet wurden, der Confiscation anheimsielen. Es war eben der Willkür der jeweiligen Beurtheiler freier Lauf gewährt. Und doch war in diesem ungleichartigen Vorgehen ein gewisses System. Es sollte nämlich mit der Zeit das ganze jüdische Schriftthum den Juden entzogen werden, damit sie daraus nicht Stärkung zum Ausharren, nicht Trost im Unglück schöpfen. Den Buchhändlern war der Verschleiß hebräischer Werke untersagt und den Fuhrleuten ihre Beförderung; den Grenzwächtern wurde befohlen, sie nicht ins päpstliche Gebiet einführen zu lassen. Geldbuße, Kerker und Baftonnade bedrohten den Uebertreter dieser Verordnungen. Ja, die freie Discussiou über religiöse und religionswisfenschaftliche Fragen, die schriftstellerische Forschung im stillen Kämmerlein galt als schweres Vergehen. Die Scheu vor dem hebräischen Worte war eine so gewaltige, dass keine Inschrift die Ruhestätte der laut ausdrücklichem Befehl in aller Stille zu Grabe gebrachten Juden erkennbar machen durfte. Alles, was an die Annehmlichkeiten des Lebens erinnern konnte, ward von Benedikt XIV. den Juden vorenthalten. Aus-

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