Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 7 (1.3.1892)
- Date
- 1892-03-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Dkflerreichisch-ungsrifchr Csntoren-Zeiiung. Nr. 7. Seite 4. u: s. w. Diese von einem durchaus reactionären Geiste durchzogene jüdische Orthodoxie bekämpfen wir ebenso rückhaltlos wie die protestantische und die klerikale. Wir haben nicht die^allermindeste Veranlassung, vor der alttestamentarischen Orthodoxie eine devote Reverenz zu machen. Wir treten den Anmuthungen jeder irgendwie gearteten Orthodoxie rückhaltslos gegenüber. Namentlich sobald es sich um die Auslieferung unserer Schulen an die Oberaufsicht, das heißt in der Verwaltungspraxis an die Oberherrschaft einer machtgierigen Geistlichkeit handelt, dann kennen wir keine Unterschied, ob der Gegner v. Kleist-Retzow, Stöcker oder Hildesheimer und sonst wie heißt. Jede starre, einseitige Rechtgläubigkeit, die am überlieferten Buchstaben klebt, ist für uns Liberale nicht sowohl Religion als vielmehr eine Abart derselben und eine um so gefährlichere, je mehr ihr eine Staatsverwaltung aus Furcht vor den sogenannten Umsturz- Mächten Zugeftändniße macht. Aus gewisse ebenso lächerliche wie geschmacklose Angriffe, deren wir uns seiteirs jener reactionären Presse der jüdischen Orthodoxie zu erfreuen haben, und bei denen sie von den gemeinsten judenhetzerischen Blättern aus einer leicht begreiflichen-Schadenfreude unterstützt wird, erwidern wir mit keinem Worte. Es lohnt eben nicht der Mühe, daraus zu antworten. Lediglich darauf kam es uns an, den Nachweis für die Unrichtigkeit der Behauptung zu führen, als wären alle Juden gewissermaßen von der Vorsehung dazu bestimmt, liberal zu sein. Das ist ganz und gar nicht der Fall. Wir bedauern das sogar; allein es ist eben nichts an der Thatsache zu ändern, dass es unter den Juden ebenso waschechte Reaktionäre giebt wie unter den Christen. Das Mofchol. Nach seiner Bedeutung und Anwendung in biblischen und nachbiblischen Schriften. (Fortsetzung.) XML 47. ״Es giebt Menschen, denen das Geld lieber ist, als ihr Leben," (Beraeli. 61.) Das Geld hat gewiss für den Menschen einen unschätzbaren Werth, weil es ihm die Mühseligkeiten des Lebens leichter zu überwinden hilft, und Freuden und Lebensgenüsse bietet. Es ist auch eine höchst heilige Pflicht,. thätig und eifrig sein Gewerbe zu betreiben und sich bestreben einen Wohlstand zu erlangen. Nur darf der Mensch über das Mittel den Zweck nicht verfehlen, er darf der Herbeischaffung des Geldes sein Leben nicht zum Opfer bringen, sich nicht in gewagte Unternehmungen stürzen, oder gar aus Geldverlegenheit einen Selbstmord begehen, der modernen Krankheit unserer Zeit nachahmen. 48. ״Allzuviel ist gleich Allzuwenig," (Oliuliu 58.) Ebenso wie derjenige, der des Guten zu wenig thut, seine Pflicht nur zum Theile erfüllt, ebenso erfüllt auch derjenige nicht gehörig seine'Pflicht, der des Guten zu viel thut, weil er durch die Ueberspannung, entweder seine eigene Kraft aufreibt, oder die Kräfte Anderer erschlaffen macht. 49. ״Wehe dem Frevler, wehe seinem Nachbar. Heil dem Frommen, heil seinem Nachbar", (8uoa 56.) Geselligkeit ist gewiss eine Tugend, man soll die Menschen nicht meiden, sondern sich ihm anschließen; aber nicht jeder Gesellschaft, es giebt derkommene frevelhafte Menschen, deren Umgang gefährlich ist, denn böses Beispiel ist ansteckend und zieht auch den Tadel der bessergesinnten Menschen nach. ״Ich srage Dich nicht, wer Du bist, ich frage nur, mit wem Du umgehest"; denn gleich und gleich gesellt sich gerne, diese und ähnliche Sprüche muß der Mensch sich stets vor Augen halten. Die Gesellschaft der Frommen, die suche auf; denn der gutgeartete Mensch verbreitet Heil auch über seine Umgebung. 50. ״Rufst Du deinem Nebenmenschen freundlich zu, und er antwortet Dir nicht, so baue eine Mauer auf zwischen ihm und Dir." (B. Kama 62.) Der Stolz ist unheilbringend seinem Besitzer und auch schädlich der menschlichen Gesellschaft, weil er die Menschenliebe in seiner Brust tödtet; das Band, welches die Menschen einigen sollte, zerreißt und nur der Egoismus Vorschub leistet. Doch giebt es Fälle, wo der Stolze dem Menschen zur moralischen Pflicht wird. Wenn Du stehest, dass Dein Bruder ohne jeder Veranlassung vorsätzlich Dir aus dem Wege geht, dann sei nicht zu demüthig, das gebietet die Selbstachtung, krieche ihm nicht nach, führe eine Mauer auf zwischen ihm und Dir. Die Jude» Roms unter der Herrschaft der Papste. Aus dem ״Pester Lloyd." (Schluss.) Und gleich wohl ließ die päpstliche Regierung die längste Zeit eine der schmachvollsten Erniedrigungen, welche die Juden zu erleiden hatten und die sie den Angriffen des Pöbels ungestört überließ, zu Recht bestehen; die mitwirkende Theilnahme an den Carnevalsbelustigungen. Während man den unwürdige!: Wettlauf von Menschen, wie er früher während des Carnevals allgemein gebräuchlich war,׳ für die Christen abstellte, mussten die bedauernswerten Juden auch fernerhin halb nackt unter den wüsten Schmähungen und rohen Witzeleien einer hasserfüllten Menge ihn sortsetzen. Die Trägen und Säumenden wurden durch Stockstreiche und Steinwürse und durch nachdrängende Reiter zur Eile angehalten. Mehr als ein Jahrhundert, bis zum Jahre 1668, währte dieser traurige, mehr die Peiniger als die Gepeinigten schmähende und beschämende Zustand. Was Wunder, dass das Leben der jüdischen Gemeinde Roms in jenem traurigen Zeitalter mehr ein Vegetieren war? Kein Dichter trug sie im Fluge über der Zeiten Noth, das Wort ihrer Weisen ward seit Langem nicht gehört, die tröstende Rede der Gesetzeslehrer war aus ihrer Mitte geschwunden. Dafür aber wurden sie genöthigt, die schwersten Angriffe ihrer Religion aus dem Munde christlicher Prediger anzuhören. Einem jüdischen Renegaten, Josef Tzarphati del Monte, gebührt das zweifelhafte Verdienst, die Institution der Schmähpredigten organisiert zu haben. Mit dem den Abtrünnigen eigenen Eifer wusste er Gregor MI. dafür zu gewinnen, dass es den Juden Roms zur unabweislichen׳ Pflicht gemacht wurde, allwöchentlich am Sabbath aus der Synagoge vollzählig — sammt den über zwölf Jahre alten Kindern — in eine Kirche sich zu begeben, woselbst sie eine Stunde lang die Lästerung ihres Glaubens und ihrer Gesetzeslehrer anhören mussten. Tzarphati war einer der Ersten, die ׳sich dieser wenig dankbaren Aufgabe unterzogen. Aus der Rüstkammer des jüdischen Schriftthums holte er die Angriffswaffen, mit ihren eigenen Mitteln wollte er die Juden bekehren. Und da er es inne werden musste, dass er dem Prediger in der Wüste gleiche, gab er dem Papste Rathschläge, die zu einem befriedigenderen Ende, wie er meinte, führen werden. Dem christlichen Sabbathprediger, es, war in' der Regel ein Dominieanermönch, wurde die Weisung ertheilt, ohne Leidenschaftlichkeit den lausenden Wochenabschnitt der heiligen Schrift zu. erläutern und dessen ״wahren Sinn" zu deuten. Allein gar oft ließen sich die Kanzelredner in ihrem Eifer zu Schmähungen und Verlästerungen der ״Verächter" des christlichen Glaubens hinreißen. Diese wussten sich in ihrer Ohnmacht dieser verletzenden Angriffe nicht anders zu erwehren, als dass sie sich die Ohren verstopften oder während der - Exhortationen schliefen. Als dies bemerkt wurde, stellte man Aufseher an, welche die Unaufmerksamen mit dem Stock zur Andacht stimmen sollten. An der Thür der Kirche hatte sich jeder Jude zu melden, ehe er eintrat, die Abwesenden wurden in einem Buche verzeichnet, und wenn sie ihr Fernbleiben nicht mit genügend triftigen Gründen entschuldigen konnten, wurden sie mit harten Strafen belegt. Aber