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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1892-03-01 · Heft 7 (1.3.1892) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 7 (1.3.1892)
Date
1892-03-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7 starren Orthodoxie innerhalb ihres Religionsbekenntnißes heraussehnten, schlossen sich mit Begeisterung den neuen von Deutschland ausgehenden befreienden Ideen an. Es wäre jedenfalls nicht das mindest lehrreiche Capitel in der deutschen Cultnrgeschichte, das sich mit der Darstellung der Entwickelung des deutschen Judenthums unter dem Einflüsse des ideellen deutschen Liberalismus beschäftigte. Aus diesem ideellen deutschen Liberalismus folgte mit einer allerdings zwingenden Nothwendigkeit der politische, und es war alsdann wiederum'nichts Wunderbares, dass sich die der neuen liberalen Weltanschauung huldigenden deutschen Juden auch an den politischen Liberalismus anschlossen. Aber neben diesem Bruchtheil anfstrebender Elemente verharrte eine große Anzahl der Juden in ihrem orthodoxen Jdeenkreise, und es begann eine Zeit bitterster Kämpfe unter den Juden selber. Wo es indessen die einflußreichen Feinde der liberalen Weltanschauung für zweckmäßig fanden, ihren Gegnern gegenüber die schärfsten und fast niemals versagenden Waffen in Anwendung zu bringen, da verkoppelte man, um das Grusebild vollständig zu machen, ganz willkürlich Juden und Judenthum mit Liberalismus. Man verschärfte den Hass einzelner Fürsten gegen den Liberalismus. wenn man ihnen unter den Anhängern desselben einem durch Talent oder Charakter hervorragender Juden aufzeigen konnte. Natürlich war es nur reine Menschenfreundlichkeit, wenn man mit Vorliebe den radikalen Politiker unter den Juden gewissermassen als eine Typus in die vollste Beleuchtung des Tages stellte. Dass allerhand Schattirungen im Ausdruck der politischen Ueberzeugung, dass die verschiedensten politischen Ueberzeugungen als solche unter den. Juden, wie unter den Protestanten und Katholiken Vorkommen und immer vorgekommen sind, das übersahen die Feinde des Liberalismus um so lieber, als sie dann nebenher noch eine recht ergiebige Judenhetze treibenkonnten. Wie grundfalsch aber die Behauptung ist, dass Juden als solche nur radikal oder extrem-liberal seien, hat sich bei keiner Gelegenheit so unwiderleglich klar herausgestellt wie gerade bei der Einbringung des Volksschulgesetzentwurfes. Während die entschieden liberal gesinnten Juden den Zedlitz'schen Entwurf ebenso bekämpfen wie die gesammten Liberalen überhaupt, ja wie selbst die Freiconservativen, gewahren wir in dem orthodoxjüdischen Lager eine wahrhaft freudige Genugthuung über dieses ans übertrieben consessioneller Grundlage errichtete Gesetz. Wie sollte es aber auch anders sein? Die starre Buchstabengläubigfeit, die unbeugsame Orthodoxie bleibt sich überall, in jedem Bekenntniße gleich. Sie ist überall gleich herrschsüchig, gleich unduldsam gegen jedwede Abweichung vom ״rechten Glauben", sie strebt - überall nach der Oberaufsicht über Schulen und Lehrer. Es ist also ganz natürlich, wenn sich die orthodoxe jüdische Presse in Bezug auf die Beurtheilung und Würdigung des Zedlitz'schen Gesetzentwurfes genau auf der Linie der Herren von Buch, Graf Limburg, Reichensperger und von Huene bewegt. Die Hauptorgane der jüdischen Orthodoxie, die ״Jüdische Presse" in Berlin und der ״Israelit" in Mainz, ergehen sich in Lobpreisungen des Entwurfes; sie sprechen ausdrücklich von denJ,Segungen" desselben. Also genau wie die Frommen auf protestantischer Seite und-im Centrumslager. Den jüdischen Orthodoxen ist wie ihren christlichen- Gesinnungsgenossen die Simultanschule ein wahrer Greuel. So heißt es im ״Israelitischen ,Gemeindeblatt", das in Köln erscheint: Seite 3. ״Was das neue Volksschulgesetz anbetrifft, so haben wir vom jüdischen Standpunkte aus gegen dasselbe nichts einzuwenden, namentlich deshalb nicht, weil auch wir aus eine gewissenhafte religiöse Erziehung den größten Werth legen. Unsere Gemeinden werden es gewiss freudig begrüßen, wenn auf Grund des neuen Gesetzes der Staat allenthalben für ansreichenden Unterricht der jüdischen Kinder in unserer Religion Sorge trägt. . . . Wir müssen als zweifellos seststeUen, dass die Coufessionsschule in der Gegenwart jeder anderen Schulform vorzuziehen ist. Unsere Verhältniße sind für die Simultanschule noch eben so wenig reis, wie sie es für das allgemeine direkte Wahlrecht waren. Die Geschichte liebt einen stetigen, sicheren Fortschritt, der durch Ueberstürzungen eher gehemmt als beschleunigt wird. Ohne uns in ein Für oder Wider bezüglich der Simultanschule einzulassen, geben wir einfach der Ueberzeugung Ausdruck, dass ihre Zeit noch nicht gekommen ist. Nebenbei wollen wir hier nur kurz an die Falksche Aera erinnern, in welcher eine ganze Anzahl jüdischer Gemeinden in Rheinland und Westfalen sich hatte bewegen lassen, ihre eigenen Elementarschulen zu Gunsten von Simultanschulen aufzulösen, in der Erwartung, dass auch der jüdische Religionsunterricht in den vereinigten Austalten eingeführt würde; aber sie wurden bitter enttäuscht. Wir Juden fahren bei der confessionellen Schule am besten, wenn eben, wie erwähnt, unser Interesse hinreichend Berücksichtigung findet; die Consessionsschule ist im Interesse unserer Religion, unserer Gemeinden und Lehrer als förderlich zu erachten. Wir machen auch gern die Ansicht eines alten Schulmannes in der ״Köln. Ztg." zu der unserigen, dass den consessionellen Schulen Vorzüge nicht abzusprechen sind, weil der Unterricht in Religion und Geschichte nicht behindert ist, die Kinder mit dem Lehrer sich eins fühlen, weil sie auch kirchlich verbunden sind, die erziehliche Wirkung kräftiger ist, auch die Festtage ein Band der Einheit und keine Scheidung bilden. Die Schule soll nicht blos belehren, sondern auch erziehen, und die Erziehung in der christlichen Schule soll vom streng confessionell christlichen Geiste durchdrungen sein, selbst die angewandten Ausgaben im Rechnen verleugnen diesen Charakter nicht. Dagegen können und wollen wir gewiss nichts sagen. Deshalb kann man aber auch nur wünschen, dass unsere jüdischen Kinder im Geiste der Religion erzogen werden, die wir von unseren Voreltern ererbt haben. Das kann aber durch den bloßen Religionsunterricht nicht voll erreicht werden; deshalb müssen wir erstreben, dass an allen Orten, wo mehr als 30 jüdische Kinder sich vorfinden, eine jüdische Volksschule erstehe. In der jüdischen Schule liegt die Zukunft des Judenthums. Wenn das nene Volksschulgesetz Raum lässt für die bestehenden jüdischen Schulen, wenn es die Begründung neuer Anstalten auf breitester Grundlage gestattet, wenn es den Religionsunterricht, auch für jüdische Kinder zum obligatorischen stempelt, darf man von jüdischer Seite sein Zustandekommen nicht bedauern, im Gegentheil, dasselbe freudig begrüßen." Kann man eine stärker in der Wolle gefärbte reactionäre Gesinnung zur Schau tragen, als es dieses jüdisch-orthodoxe Blatt thut? Nicht blos für die Simultanschule sind wir nach Meinung dieses Blattes in Deutschland noch nicht reif, sondern auch für das allgemeine directe Wahlrecht nicht. Das geht noch über die Auffassung Stöckers hinaus. Das ist vielmehr die Ueberzeugung eines Herrn v. Kleist, v. Kröcher, v. Below-Saleste Dksterreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung.

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