Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1892)
- Date
- 1892-02-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1304829-3453241-3453247--3390-3457740- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 6. Desterrcichisch-ungarische Csntoren-Zeitung. Seite 5. nellen Melodien zu rhythmisiren, ja die Rhythmisirung derselben noch als eine vollzogene That hinzustellen oder gar denjenigen mitleidsvoll zu betrachten, der, *ganz sachgemäß und entsprechend durch das eigene Beispiel zeigt (hier ist di:׳ rhythmuslose׳ Notenbeilage in seiner Broschüre gemeint), dass die wirklich alten Synagogenmelodien ohne Tactangabe verzeichnet werden müssen." Wer will das aber beweisen? Weil die Alten bei der Feststellung der Zeichen des Don- und Zeitmaßes sich herumstritten nnd sich dabei sobald nicht einigen konnten, darum sollen die noch weit Äelteren, unsere Vorfahren, vom Zeitmaße selbst gar nichts gehabt haben! Dann dürften wir überhaupt die betreffenden Melodien nicht einmal in Noten setzen und ihre einzelnen Töne durch jetzige Zeitwerthe bestimmen, denn wie weiß man es heute anzugeben, wie lange ein Ton, unserer heutigen ganzen, halben, viertelrc. Note entsprechend, damals ohne Tact- und Zeitmaß gedauert haben konnte? Was hätten auch unsere Ahnen mit ihren vielseitigen und mannigfaltigen Schlaginstrumenten, die doch gewiss nur zum Tactschlagen dienten, besonders aber mit ihrem ״Toph“, welches sogar bei Tänzen und Reigenaufführungen als dominirendes Instrument benutzt wurde — wie wir oft ״Toph umochol“ zusammenstehend finden — angefangen, wenn sie vom Rhythmus nichts gewusst haben sollten? Wie kläglich und jämmerlich wäre es um eine solche Musik bestellt, wenn ihr das Nothwendigste, welches die Musik als solche erfordert, den Rhythmus und den Tact, gänzlich abgienge! Wahrlich, sie wäre dieses reizvollen Musennamens ״Musik" nicht Werth! Könnte man ferner wirklich glauben, dass die 4000 activen Tempelmusiker ein einigermaßen leidliches Ensemble gebildet haben, wenn der musikalische Kitt des Tactes sie nicht zusammengehalten und sie vor Zersahrenheit und Zusammenhanglosigkeit bewahrt hätte? Ueberdies ist ja der Tact nicht etwa eine menschliche Erfindung, er ist vielmehr Eigenthum der menschlichen Begabung und Destandtheil seiner geistigen Intelligenz, weshalb wir — trotz aller unserer ״rhythmischen Errungenschaften und reichgegliederten Tacteintheilung" — auch jetzt noch auf Leute stoßen, die nicht das mindeste Tactgefühl haben und in allen ihren Bewegungen puppenhaft schlodderig und haltlos sind; und wieder Anderen begegnen wir, die diese Seeleneigenschaft in vollkommenstem Maße besitzen. Dieses augenscheinliche Factum hat daher viele Musikforscher darauf hingeführt, die Maxime aufzustellen, dass der Rhythmus älter ist als die Musik selbst, und dass er überhaupt der allererste musikalische Anfang im menschlichen Geschlechte war, der dadurch zum Ausdruck kam, dass mau zuerst die schweren Tacttheile, die Thesis, -mit dem Fuße oder der Hand zu markiren und so den Rhythmus bemerkbar zu machen anfieng. (Siehe Forkel's Einleitung zu seinem Werke S. 4 f.) Es bewahrheitet sich eben, was der obige Ausspruch besagen will: ״Am Anfang war der Rhythmus", denn ohne ihn, den Rhythmus, konnte die Welt nie und nimmermehr aus ihrem ursprünglichen Tohuwabohu herauskommen. Auch mehrere namhafte jüdische Sprachgelehrte stimmen darin überein, dass deshalb jedes Musiciren auf hebräisch mit dem Worte זמר״" ausgedrückt wird, weil das Grundwort desselben ״scheiden", ״theilen" bedeutet, und die Musik eben der rhyhtmischen Tacttheilung nothwendig bedarf, ohne welche sie nicht hergestellt werden kann. (Vergl. darüber Eichels 1. und 2. Vorrede zu seinem Psalm encommentar und Landauer's ״Oruchtt Artikel ״Seiner*.) Wer sich übrigens noch eines Weitern über die rhythmische Musik der Alten unterrichten lassen und Näheres darüber erfahren will, der lese in Marpurg's ״Historisch-kritische Beiträge" Band II, Stück IV den Artikel ״du Bos von den theatralischen Vorstellungen der Alten" nach. Die nächstfolgende Besprechüng soll nun der C o l o r aturfrage gelten, die sich ebenfalls auf sehr schiefer Ebene befindet und im Kreise unseres Standes solche wunderliche Kundgebung zu Tage fördert, dass kaum mehr zu glauben ist, ob man mit solcher spießbürgerlicher Kunstanschauung überhaupt in Rom enstanden. Die so hart getroffenen Juden fügten sich wohl in ihrer Ohnmacht dem unerbittlichen Machtspruche, allein nicht ohne die Verwahrung ihrer berufenen Wortführer. Einer von diesen, David Ascoli hieß der muthige Vorkämpfer, vertheidigte in einer Flugschrift (״Apologia Hebraeorum“) so vortrefflich seine Glaubensgenossen, dass er dafür zu ewiger Kerkerhaft verurtheilt wurde. Man könnte es kaum behaupten, dass für Ascoli der Verlust der Freiheit ein gar so arger Schlag gewesen. Hätte er nicht wie seine übrigen hart getroffenen Stammesbrüder ein Leben voller Entbehrung in dem Seuchen- Herde des Ghetto fristen müssen? Jede Hoffnung auf eine Milderung der drakonischen Bestimmungen wäre eitle Selbsttäuschung gewesen; denn die ganze Gemeinde ward ausnahmslos an den Pranger gestellt. Ein Leben der strengsten Abgeschloffenheit, tiefer Erniedrigung, menschenunwürdiger Schmach und unsäglichen Jammers hatte für die Juden Roms an jenem 14. Juli 1554 begonnen. Wohl mußte Paul VI. einzelne seiner Verfügungen opfern aus Rücksicht — aus seine christlichen Unterthanen und den Juden die Ausübung mancher Gewerbe gestatten, aber in Allgemeinen lastete der Druck unerträglich auf ihnen. Rasch wie ein Traum war die kurze Zeit dahingeschwunden, während der. der mildgesinnte Nachfolger Pauls IV., Pius IV. die Lage der Juden nach Möglichkeit verbesserte. Ihm folgte - im Pontificat der unbeugsame Feind aller Häresie, Pius V., der schon früher als Haupt der Inquisition ein eifervoller, unversöhnlicher Schirmherr der katholischen Kirche gewesen. Was sein Vorgänger an Menschenaus dem talmudischen ״Ost* rr Scheidebrief stammen. Das Richtigste dürste wohl sein, dass Ghetto die Abbreviatur des italienischen ״Borghetto“ — Stadtviertel, kleine Burg, ist. freundlichen Bestimmungen znm Besten der römischen Juden verfügt hatte, es ward durch ihn mit einem Male ausgehoben, die strengste Durchführung der Bulle Pauls IV. machte er in zwei eigens erlassenen Bullen allen seinen Behörden zur heiligsten Pflicht. Wer wird sich unter solchen Umständen, da der Hass gegen eine schwache Gemeinde mit unerbittlichen Folgerichtigkeit von der höchsten Stelle stärkende Nahrung erhielt, darüber wundern, dass die Römer mit immer neuen Anklagen und jeden Grundes entbehren Beschuldigungen gegen die Verfolgten auftraten? Keine Greuelthat gab es, deren man sie nicht ge-- ziehen hätte. Mord, Ausschweifung, Hehlerei, Hexe! ei, Zauberei, Diebstahl, Alles ward ihnen zur Last gelegt. Ja, ein sonst mit jedem Unglücklichen mitfühlender Mann, wie der. große Karl Borromäus, billigte nicht blos dieses Verfahren, er unterstützte es vielmehr thatkräftig und forderte die christlichen Fürsten zur Nachahmung des römischen Beispiels auf! So geschah es denn, dass den Päpsten selbst bange ward ob der Folgen, welche ihr Verfahren nach sich zog, nur durch die An- Wendung der äußersten Strenge konnten sie die Geister, die sie riefen, los werden. Hannibal Ruccelai, Gouverneur von Rom, sah sich im Jahre 1595 genöthigt, mit harten Strafen Jene zu bedrohen, die einen Juden niederhauen, ihm Steine nachwerfen oder die Kleider vom Leibe reißen würden. Immer wieder mussten diese Edicte der Bevölkerung Roms von neuem ins Gedächtnis gerufen, immer härtere Strafen auf deren Uebertretung gesetzt werden, ״denn," so heißt es in den Erlässen, ״man muß den rohen Scherzen und den ärgerlichen Quälereien, deren Opfer die Juden sind, ein Ende machen." (Fortsetzung folgt.)