Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Desterreichisch-ungarifche Csntoren-Zeitung. Nr. 4. sicht, im Parlament wieder Vertretung zu finden. Wären wir doch in Oesterreich, insbesondere in dem wunderschönen Wien, so weit, wo bis zum Jahre 1885 der Name und Begriff des ״Antisemitismus" völlig unbekannt und das reine Judenthüm für sociale Stellung geradezu ein Ehren׳. Prädicat gewesen ist. Altdapesi. Der jugendliche Dichter Argad Zempl 6 ny ein treuer Sohn der reformirtcn Kirche veröffentlicht im ״Egyenlösek" einen Artikel über die Reception des jüdischen Glaubens und äußert sich hiebei über den Antisemitismus in folgender Weise: ״Als ich das Collegium zu Saros-Patak (reformirte Hochschule) besuchte, war der berüchtige Tißa-Eßlarer Proceß an der Tagesordnung. Damals lernten wir gerade die Geschichte der Juden. Unendlich verwunderte ich mich darüber, wie es' möglich sein kann, dass wir uns für die alten Inden begeistern, die neuen aber vertreiben wollen; in der Kirche singen wir die Psalmen Davids, hörten über die erhabenen Gedanken Jesaias eine heilige Predigt und nach der Kirche lasen wir die 12״ Flugschriften" Jstoczhs. Die ganze Basis unserer Seele, unserer Moral ist jüdisch; wir sind mit jüdischen Ideen, mit jüdischen Satzungen, mit jüdischen Traditionen saturirt unddennoch treiben wir Antisemitismus? Ein offenbarer Vatermord. Wir könnten es wohl begreifen, wenn der Chinese mit dem Juden hadert, da ihre Religionen wirklich sehr divergiren — allein, dass Christ und Jude, der Stamm und das darauf gepfropfte Reis mit einander streiten sollen, das ist eine naturwidrige Sache, einer jener menschlichen Fehler, welchen wir doch am Kreuze verzeihen müffen, denn die Betreffenden wissen nicht, was sie thun. Wahrhaftig derjenige lügt, lügt schändlich/ der da sagt, dass er ein Christ und Antisemit ist. Er verleugnet den Grund des Christenthums, die Menschenliebe, wer den Hass gegen wen immer verkündet; und gar derjenige, der die Confession beleidigt, welche zugleich mit ihm einen Gott, eine Vergangenheit, eine Tradition verehrt. Solange Ungarn christlich bleibt, solange muß das Judenthum hier immer brüderliche Liebe finden. Ein Christ darf dem Juden nicht verwehren, dass dieser in demselben Maße die Seelensreiheit genieße, wie er sie genießt. Diese Bewegung wird triumphiren. Ungarn muß beweisen, dass es ein aufgeklärtes Land und gut christlich ist; und dies kann es nurso beweisen, wenn es die Reception gesetzlich inartieulirt. Dagegen kann unter uns gar keine Reaction entstehen; besonders dann nicht, wenn das Auftreten der Juden ein solches sein wird, das der hie und da schlummernden Böswilligkeit imponiren und die gutgesinnte Majorität zur That aneifern wird. Mit lauem Opportunismus kann man aber die Sache' tMschlägen. Wer fürchtet, wer nicht wagt, von dem könnte man glauben, dass' er nicht im Rechte ist." Gemesvar, 21. Jänner. (M i ni fte r C sak y ü ber d i e R e c e p.t i 011 d e r j ü d i s ch e 11 Religion.) Minister Graf Albin Csaky empfieng heute eine Deputation der Temesvarer israelitischen Gemeinden unter Führnng des Distrscts- Präsidenten Ignaz Ei s e 11 ft a dte r de Büzias. Auf die Ansprache des Ober-Rabbiners Dr. Moriz L ö w y, welcher auch die Frage der Reception..berührte, sagte, der Minister: ״Die Gleichberechtigung, der jüdischen Religion werde bei ihm/ da er ein Liberaler sei, auf keine Schwierigkeiten stoßen, und dies umsoweniger, als die Juden durch ihren Patriotismus, - ihre Intelligenz und ihre Fähigkeiten längst die Grundlage geschaffen haben, auf welcher fußend sie die gesetzliche Gleichberechtigung ihrer Religion fordern können. Er halte die gesetzliche Jnarticulirung dieser Gleichberechtigung nur für'eine formelle Sache, welche nur dann einen wirklichen Werth und׳ eine entsprechende Wirkung haben werde, wenn sie gesellschaftlich angemessen vorbereitet ist. Er wisse übrigens, dass für die gesetzliche Jnarticulirung der Boden bereits vorbereitet sei und die Lösung der Aufgabe auf keine Schwierigkeiten stoßen werde. Saros Watak. Gestern übergaben wir dem Mutterschoße der Erde den Leichnam eines Geistesverunglückten, dessen. Mizwatod von jedem, der ihn kannte, schon lange herbeigewünscht Wurde. Es war dies der g. s. Abraham Goldner. Dieser Mann,׳- von den alten Mitgliedern noch als ein sehr gelehrter und in- , telligenter Mann gekannt, ließ sich späterhin von mehreren hiesigen Chassidimfrömmlern bethören, wodurch er von der goldenen Mittelstraße unserer Religion abwich und dem Zelotismus und Fanatismus mit Leib und Seele anhieng, so dass er stets mit seinen Mitbürgern, ja selbst mit dem Gerichte oftmals in Conflict kam. Nachdem er sein ganzes Vermögen für Wallführten zu dem ״Guten Jüden" verschwendet hatte, blieb ihm kein anderer Wunsch als folgender: Fände ich nur ein sicheres Entkommen vor der Strafe des Gerichtes,, so würde ich gerne (da er Abraham, und sein Sohn Jsak hieß) meinen Jizchok hinopfern. Nachdem er vorige Woche in der Pester Irrenanstalt als Tobsüchtiger sein Leben beschloß, wurde er in seine Heimat überführt und gestern bestattet. Als der Leichnam in die Gruft gesenkt wurde, rief ihm ein anwesender Chassid nach: ״Tornaus nafsehi maus jeschorim us’hi achrisi komäuhu!“, worauf ihm aber unser zweiter Cantör trefflich entgegnete: ״Ihnen, als Blender der Geistesaugen dieses Verblichenen, passt richtiger zu wünschen: ״Tornaus nafsclii im Pelischtim“. jüdischen Dichtern bis dahin gepflegte Gebiet der liturgischen und didaktischen Poesie und besang Hölle und Paradies, Wein und Weib. Gleichzeitig mit diesem jüdischen Skeptiker blühte die Dichterin ׳ Phila Mansi, die Tochter eines Rabbiners, deren kernige und elegante Sprache allgemein bewundert wurde. Aber auch die Gemeinde als solche genoss eine gewisse Achtung. Bei feierlichen Anlässen wurde sie gleich anderen Körperschäften gebührend berücksichtigt. Als die deutschen Kaiser aus dem sächsischen Hause auf ihren Romfahrten das Capitol hinanstiegen, drangen die hebräischen Begrüßungsnife vereint mit den griechischen und lateinischen, an ihre Ohren. Der eine und andere deutsche Kaiser empfing freundlich die Huldigung der Vertreter der jüdischen Gemeinde zu Rom. Die heilige, reichgeschmückte Gesetzesrolle trugen die Rabbiner Roms den Kaisern unmittelbar mach ihrer Krönung, den Päpsten nach ihrer Thronbesteigung in ehrfürchtender Huldigung entgegen. Alljährlich brachten sie zur Zeit der Öfterseier die Zeichen ihrer Ehrerbietung den Statt- Haltern Christi dar, und mit Dank und freudiger Genugthuung nahmen die höchsten weltlichen und geistlichen Würdenträger den Ausdruck der Ergebenheit und Treue ihrer jüdischen Unterthanen entgegen. So kann man denn von einem goldenen Zeitalter der jüdischen Gemeinde in Rom sprechen. Allein dessen Glanz verblasste bald.. Argwöhnische Päpste folgten den mildgesinnten in der Regierung; das Gespenst eines zu mächtig werdenden Judenthums beunruhigte die Träger der dreifachen Krone; darum schlossen sie die im-kräftigen Lustzuge der Freiheit flügge gewordenen׳ Juden wieder von allen das Selbstbewusstsein hebenden und Ansehen verleihenden Laufbahnen aus, auf den Handel sollten sie sich beschränken und abgesondert von den andesgläubigen Bürgern leben. Und als die ״deutsche Häresie" die Reihen der Streiter gar bedenklich zu lichten, begann, da hielten die Päpste jede Nachsicht gegen die Andersgläubigen für einen Frevel an der eigenen Sache, für ein Verbrechen an der katholischen Kirche. So begann auch für die jüdische Gemeinde Roms eine Zeit des schwersten Druckes und der ärgsten Noth. Ihren Höhepunkt erreichte sie unter dem Pontificat Paül's IY. ״Keine andere Pflicht, keine andere Beschäftigung als die Wiederherstellung des alten Glaubens in seine frühere Herrschaft schien er zu kennen."*) * Was anderes hätten die Juden vondiesem leidenschaftlichen Greise, dem der wildeste Glanbenseifer überraschende Jugendfrische, verlieh, erwarten können, als Tage fürchterlicher Drangsal und quälendster Pein? Wie hätte er, der täglich. Stunden lang nach Tische bei dem schwarzen, dicken, vulcanischen Wein von Neapel sitzend sich in stürmischer Beredtsamkeit gegen die Schismatiker und Ketzer, Vermaledeite Gottes, Same von Juden und Marranen, Hefe der Welt — so nannte er Karl Y. und die Spanier — ergoss und sich des Spruches getröstete: ״Du wirst über Schlangen wandeln, Löwen und Drachen wirst Du zertreten," wie hätte der Zornmüthige, Unduldsame seine jüdischen Unterthanen gewähren lassen können? lForts. folgt.) ‘ *) Ranke, Päpste I. D. 18s: 4 . . . I 1