Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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.Nr. 4. Desterrcichisch-migarische Cantoren-Zeitung. Seite 5. Wien. Samstag den 23. Januar fand in Winternitz' ״Hotel. Europe" die Generalversammlung des Ungarisch-Ostraer Wohlthätigkeitsvereins statt, welcher im abgelaufenen Jahre eine sehr rege humanitäre Thätigkeit entwickelte, indem ein Betrag von 714 fl. an 54 arme Landsleute zur Vertheilung gelangte. Nach Kenntnisnahme des Rechenschaftsberichtes schritt die Versammlung zur Wahl des Ehrenpräsidenten, und wurde Herr Regierungsrath S. Ritter v. Hahn einstimmig wiedergewählt. Schließlich kam noch die Veranstaltung eines Kränzchens durch ein aus Vereinsmitgliedern gebildetes Comite in Anregung. Men. Im 8. Bezirke Josefstadt wurde kürzlich auf Anregung des Herrn Rabbiner Woüner ein Frauen - Wohlthätigkeits - Verein in's Leben gerufen. Die erste Generalversammlung fand am 9. Januar statt, in welcher der Vorstand nachstehend constituirt wurde: Amalie Beck, die Gattin des Chefs der wohlbekannten Firma Wilhelm Beck und Söhne, wurde in Anbetracht ihrer vielseitigen Humanitären Wirksamkeit als Präsidentin gewählt; Julie Frankl, Vicepräsidentin; Anna Drab, Cassierin; Johanna Beck, Controlorin. Ferner die Vorstandsmitglieder: Dr. Weiß, Dr. Schnürmann, Bertha Rosenbäum, Hermine Rosenbaum, Amalie Brill. Wien. Montag den 25. Januar war der Todestag uuseres unvergesslichen Nestor Sulzer und wurde aus diesem Anlasse im Tempel in der Seitenstettengasse, wo sich die Familie des Verblichenen zum Kaddisch - Gebete einfand, von Herrn Cantor I. Schiller ״Menucho nechonoli‘‘ in weihevoller Weise reeitirt. Wien. Auf Veranlassung zahlreicher Freunde und Verehrer feiert am 2. Februar Herr Wilhelm S ch o r, Prediger und Religionslehrer in Wien, das 40 jährige Jubiläum seiner Verdienst- und eifervollen Thätigkeit. — Am selben Tage feiert Herr Rabbiner Presser, der srührer in mehreren böhmischen Gemeinden amtirte und seit einigen Jahren in Wien lebt, das Jubiläum seiner vierzigjährigen rabbinischen Thätigkeit. Wim. Als Trägerin der Hauptrolle in ״Maria Stuart" trat Donnerstag den 22. Januar eine äußerst talentvolle Schülerin des hiesigen Conservatoriums. Fräulein Wallburg (Pollak) auf. Dieselbe ist die Tochter einer religiösen und sehr achtbaren Familie aus Ungarn und hat schon während ihres Studiums am Conservatorium die Aufmerksamkeit der Kunstkreise auf sich gelenkt. Die große Scene im dritten Acte zwischen Elisabeth und Maria war, was das Spiel der letzteren betraf, von hin׳ reißender Wirkung und hätte der Darstellerin auch an einer viel größeren Bühne einen Sturm von Applaus gebracht. Hoffentlich gelingt es der jungen Künstlerin baldigst, an einem wirklichen Kunstinstitute Fuß zu fassen. Wien. (Die e gy pti sche Fi n st ernis.) Bekanntlich berichtet die Bibel von der sogenannten egyptischen Finsternis. Dieselbe ist jetzt, wie die Berliner ״Tägliche Rundschau" berichtet, einer kritisch-astronomischen Untersuchung unterzogen worden. In der Vermuthung, dass in der Ueberlieferung einer am 1. Nisan des Auszugsjahres der Juden aus Egypten (1312 v. Ehr.) daselbst stattgehabten Finsternis die Erinnerung an eine Sonnenfinsternis erhalten ist, wurden aus allen centralen Sonnenfinsternißen des 13. und 14. Jahrhunderts v. Ehr. die Frühjahrsfinsterniße herausgefucht. Die Berechnung derselben geschieht jetzt äußerst einfach durch den von Oppolzer entworfenen ״Canon der Finsterniße". Hieraus ergab sich, dass von diesen nur eine einzige für Egypten von Bedeutung sein konnte. Es ist dies die ringförmige Sonnensinfternis des Jahres 1335 v. Chr. vom 13. März. Da diese aber zugleich alle durch die Ueberlieferung erhaltenen Merkmale (Monat und Wochentag) der in der Bibel erwähnten egyptischen Finsternis besitzt, so ist es im hohen Grade wahrscheinlich, dass die in der Bibel erwähnte Verfinsterung mit der Sonnenfinsternis vom 13. März 1335 identisch sei. Dann fallt der Auszugstag der Inden aus Egypten auf den 27. März des Jahres 1335 v. Ehr. Wudapest. Von dem Wachsthume der Pester Religionsgemeinde gibt der diesjährige^Haushalts-Etat das beste Zeugnis. Derselbe beträgt ein Drittel Million Gulden in lautenden Ausgaben und Einnahmen. Die Hauptstadt bringt so viel Steuern auf wie zehn Comitate zusammengenommen, und ist es erfreulich, dass mit dem materiellen, auch der intellektuelle gleichen Schritt hält. In diesem Augenblicke entzückt Professor Joachim aus Berlin die hauptstädtische Bevölkerung mit seinem herrlichen Geigenspiel. Der große Künstler ist Ungar und von jüdischer Herkunft. Solche^Kunftgrößen vermögen den Antisemitismus handgreiflich ins Grab zu geigen. Doch liegt, Gott sei Dank, in unserem Lande, ״die Schmach des Jahrhunderts" in den letzten Zügen und^hat der Antisemitismus keine Ausunbedingten Gehorsam zu verschaffen wusste, so lange es nicht Gegner zu besiegen, sondern nur Menschen zu überführen galt, war sein Verfahren ein mildes. Darum strebte es in dieser Epoche mehr nach der Bekehrung als nach der Vernichtung der Juden. Von . dem Moment jedoch, da sich das Papstthum allenthalben angegriffen sah, da die brausenden IZogen schäumend an den Fels Petri schlugen und den festgefügten Bau des römischen Primats in seinem Bestände bedrohten, änderte sich auch die Lage der-Juden des Kirchenstaates, sie mussten fortan das schützende Wohlwollen der Nachfolger Petri entbehren, weil diese in der Zeiten Noth nicht auch die große Menge der treuen christlichen Unterthanen ins feindliche Lager drängen mochten, zumal diese es ohnehin seit jeher mit Ingrimm mitansahen, dass die gehassten und ungeachteten Söhne Israels in den höchsten Würdenträgern der Kirche nachsichtige, ja'wohlwollende Beschützer fanden. Sowie jedoch das päpstliche Banner von allen Zinnen den Sieg des Heiligen Stuhles verkündete, kaum dass Rom sich wieder im Vollbesitze seines weltbeherrschenden Ansehens fühlte, ward auch die unerbittliche Strenge.der vorangegangeuen Zeiten, darunter die Juden so schwer gelitten, wesentlich gemildert, man begann im Kirchenstaate in den Juden wieder Menschen zu sehen, und begnügte sich, wie schon ehedem einmal, mit dem Bekehrungswerke; doch bediente man sich nunmehr anderer Mittel als früher. Damals schmückte die Tiara das Haupt glaubensstarker Männer, deren Lebenswandel ein wahrhaft heiliger war. Gregor der Große forderte es ausdrücklich, dass man allein durch Güte und Milde, durch Belehrung und:Ermahnung die Ungläubigen in den Schoß der Kirche führe; er verbot es entschieden, die Juden ihrer Habe zu berauben, sie an der Bestellung ihrer Äcker zu behindern, ihnen die Synagogen zu sperren. Und ob auch mehrere Provincial-Concile Gregor den Großen und seine Nachfolger wiederholt zur Anwendung von Zwangsmitteln aufforderten, sie behandelten die Juden gleichwohl stets als verirrte, nicht jedoch als räudige Schafe. Jnnocenz III. erklärte es unumwunden, dass er dem Beispiel seiner Vorgänger folgend, ״der schützende Schild der flehenden Juden" sein wolle; die gewaltsamen Taufen untersagte er streng. Frei vor aller Welt nahm Honorius III. die Juden in seine Obhut; Gregor IX. widersetzte sich, wenn auch vergeblich, ihrer Verfolgung in Frankreich und Deutschland. Ja selbst Nikolaus IV., der ihnen nicht gerade am gewogensten war, beauftragte auf die Nachricht, dass die Juden in Rom mannigfachen Belästigungen und Drangsalen ausgesetzt seien, seinen Vicar, mit aller Strenge das Vermögen und die Gotteshäuser der Juden zu schützen. Aber nicht blos Beweise ihres freundlichen Wohlwollens gaben die Häupter der Christenheit den Juden, sie zogen sie zuweilen auch zu hohen Stellungen heran. Der Schatzmeister Alexander's III. war ein Jude. Viele Päpste ernannten jüdische Ärzte zu ihren Leibärzten. Bedeutende Männer jüdischen Bekenntnißes wirkten lehrend und schriftstellerisch in der ewigen Stadt. In einer Zeit, da die Sprachwissenschaft noch im embryonalen Zustände sich befand, unternahm es Nathan des Jechiel Sohn aus der Familie der Pietosi, ein etymologisches Wörterbuch aller nicht hebräischen, in den Talmuden vorkommenden Wörter abzufassen. Im Anfänge des XIV. Jahrhunderts lebte in Rom ״der Voltaire der Juden", Emanuel ben Salomon, bekannter unter dem Namen Manuello. Dante würdigte diesen Dichter einer hebräischen ^Vivina Commedia“ seiner Freundschaft. Noch ehe Petrarca feine vielbewunderten Sonette gedichtet hatte, versuchte sich Manuello in dieser Dichtungsform. Er verließ das von den