Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Desterreichisch'Uiigsriskhe Cantoren-Zritung. hört nie auf. Rousseau, seiner Anlage nach ein Dichter ersten Ranges, war schon im sechsten Jahre verliebt, Göthe noch im siebenzigsten, und das Kunststück Chamisso's sich zuerst in die Großmutter, hernach in die Mutter und endlich in die Enkelin zu verlieben, gelingt in diesen Kreisen gar nicht selten. Unter wachsenden Gemüthsorkanen bricht sich endlich ein Erstlingswerk mit vulkanischer Gewalt Bahn, dessen Erfolg oder Mißerfolg nicht selten die Gefühlssphäre für daZ ganze übrige Leben bestimmt. Mißerfolg erzeugt entweder Entmuthigung oder, was bei den Echten häufiger vorkommt, Verbitterung. Das Selbstbewusstsein, durch die Ablehnung mächtig gesteigert, setzt sich in Opposition, und jede Aeußerung erhält einen Beigeschmack von Leber. Selbst Charaktergröße schützt nicht davor, falls sich der Mißerfolg öfters wiederholt, wie wir an dem Beispiel eines der Größten, nämlich Grillparzer's, lernen. Wer sich aber darüber aushalten möchte, dass der Mißerfolg eine solche verderbliche Rückwirkung hat, anstatt dass man einfach mit frohem Muth weiterarbeitete, der vergisst, dass der Dichter in sein Werk namentlich in sein Erstlingswerk seine ganze Seele hineinlegt, weshalb dessen Schicksal ihn in's Herz trifft. Von dieser verbitterten, verkannten Spezies brauche ich nicht weiter zu reden, denn Jedermann gibt zu, dass nicht leicht eine unumgänglichere, unerquicklichere Menschenklasse gesunden werden kann, als der verkannte oder sich verkannt geglaubte Poet als Musiker. Hat umgekehrt Erfolg stattgefunden, dann erwartet das Publikum einfach die Fortsetzung und wird irre, wenn dieselbe ausbleibt. Sie bleibt aber meistens jahrelang aus und muß es bleiben, weil zwischen instinktiver eruptiver Einmalschöpfung und bewußtem Knnstwirken ein gewaltiger Unterschied und eine weite Kluft besteht. Jetzt heißt es erst festen Fuß in der Kunst fassen, -sich in allen Formen umsehen und dasjenige Gebiet finden, in welchem die gegebene Individualität das Höchste Die Juden Roms unter der Herrschaft der Päpste. Aus dem ״Pester Lloyd." Als die Juden in Spanien vertilgt und von dort ver- ׳ trieben werden sollten, soll ein Rabbiner den Christen gesagt haben: ״Wir sind zugleich ein gesegnetes und ein mit Fluch beladenes Volk. Jetzt wollt ihr uns ausrotten, aber es wird euch nicht gelingen, denn wir sind gesegnet; dereinst werdet ihr euch bemühen, uns emporzuheben, aber auch das wird euch nicht gelingen, denn wir sind verflucht!" Leicht begreift man beim Rückblick auf neun Jahrhunderte von Schmach und Elend, darunter Israel so unsäglich gelitten, die Berechtigung der ersteren Behauptung; denn was wilder Glaubenshass, zähe Unduldsamkeit, schonungslose Versolgungssucht, blinde Wuth und böse Leidenschaft je ersonnen, das hatte ein schwaches, auf dem weiten Erdenrund zerstreutes Häuflein, bas die rauhen Stürme aller Zeiten wild umtosten, im vollsten Maße erlitten, ohne jedoch völlig weggefegt zu werden. Ein jedes neue Gewitter fand der Häupter genug, darüber es sich entladen konnte; und hatte es sich wieder verzogen, da.stählte sich der verschonte Rest bereits mit gesammelter Kraft zum neuen Kampfe. So gleicht denn jener Rabbiner mehr dem nach rückwärts schauenden Propheten, dem Klio die Weissagung eingegeben hatte. Getrübt jedoch durch dichtes, schwarzes Gewölke war der Buck des Sehers, da er den Schleier von dem Zukunstsgeschick seines Stammes zu heben sich unterfangen hatte. Wäre es ihm vergönnt gewesen, die spätere Entwicklung seines Volkes mit ruhiger Aufmerksamkeit zu begleiten, gewiss, er wäre das Gefühl eines auf Len Seinigen lastenden Fluches los geworden, wenn.er auch Nr. 4. leisten wird. Eine schwere und bange Aufgabe, die nur mittelst Fehlversuchen und unermüdlicher Willenskraft gelöst wird.. Ein halhes, oft ein ganzes Jahrzehnt kann darüber hingehen. Hat endlich der Einzelne dasjenige Feld erkannt und erobert, auf welchem er fortan als Herr und Meister schalten wird, dann beginnt, erst recht die Arbeit. Eine selige, beneidenswerthe Arbeit, weil Erniedrbeit, aber eine Arbeit von einer Jntensivität wie keine andere. Und mohlverstanden: vor jedem neuen Werk muß wieder von vorne angefangen nnd um, die Form gerungen werden. Es gibt keine Meister im populären Sinn so nämlich, dass Einer seine Kunst ein für alle Mal im Reinen hätte. Selbst ein Schiller zwang jedes seiner Dramen nur mit Müh und Sorgen. Und hinfort wird bis zum letzten Athemzug die Arbeit nicht mehr rnhen. Denn wen unsterbliche Motive heimsuchen, dem steht es nicht frei, sie anzunehmen oder sie abzulehnen oder auch nur sie aufzuschieben. Er muß sie ins Werk setzen, und ob dabei sein armes Leben zu Grunde gienge. -Bei solchen Künstlern, deren Begabung eine reiche ist, wird deshalb der Productionstrieb, wenn einmal die entsprechende Kunst der Ausführung erworben ist, eine geradezu fieberhafter. Und mehr als Einer der Besten ist daran gestorben z. B. Raphael. (Schluß folgt.) Kleine Chrsnik. Wien. Donnerstag den 27. Januar wurde in der Vorstandssttzung des Oesterr. - Ungarischen Cantorenvereines von dem Vereins - Cassier, Cantor M. Blatt, der Bericht über das abgelaufene Jahr erstattet und einige Vorschläge zur Hebung der Einnahmen gemacht, die bei der Versammlung lebhafte Zustimmuug fanden. Der ausführliche Jahres- und Cassabericht wird in der nächsten Nummer der Cantoren - Zeitung veröffentlicht. hin und wieder in trauriger Befriedigung seinen Scharfinn -zu rühmen, Grund gehabt hätte; am Ende allein hätte er es willig zugegeben, dass die spätere Zeit im Vergleiche mit den vergangenen Tagen eine weit bessere geworden. Bis zu dem Augenblicke jedoch, da der erste Strahl des einen helleren Tag verkündigenden Morgenroths in die düsteren Hütten seiner Glaubensbrüder dringen durfte, betrachteten ihn diese als den verständnisvollen Interpreten ihres Geschicks und ihrer Zukunft, zumal die jüdischen Unterthanen der Päpste. Was von dem jüdischen Stamm im Allgemeinen gilt, dass der Zeiten Zug und Wechsel sich aus dessen Schicksal mit aller Sicherheit deuten lässt, das bewahrheitete sich im Besonderen an der jüdischen Gemeinde von Rom. Mit Recht, kann man behaupten, dass die Geschichte dieses kleinen,Gemeinwesens im innigsten Zusammenhang stehe mit dem farbenreichen, wechselvollen Bilde der ewigen Stadt. Und eben jener Umstand, der das Rom der Päpste zum Schauplatz so ungleichartiger, unvermittelter und sich plötzlich ändernder Ereigniße gemacht hat: das scharfe Her- Vorkehren der eigenen Individualität und die Geltendmachtung des persönlichen Willens der Päpste, hat auch die Lage der Juden in Rom derartig bestimmt, dass Trauer und Freude, die Gefühle der Sicherheit und lähmender Angst einander stets -ab'- lösten und die Folgen eines Thronwechsel wie nirgends sonst in gleichem Maße alle Welt beschäftigen. Und doch ist auch eine gewisse Gleichmäßigkeit im dem Verfahren der Päpste gegen ihre jüdischen Unterthanen zu. bemerken. Was diese hervorgerufen hat, ist eben die jeweilige Machtstellung der Statthalter Christi auf Erden. So lange das Papstthum, im Vollsitze der unbestrittenen Oberherrschaft, im kalten Norden so grft wie im heißen Süden, im fernen Osten wie im näheren Westen seinen Machtsprüchen 4 , - '־